Die iranische Freiwilligenmiliz Basidsch will Kinder in der Zivilverteidigung einsetzen. Der stellvertretende Leiter der Kulturabteilung der Revolutionsgarde in Teheran, Rahim Nadali, rief Teenager ab zwölf Jahren dazu auf, sich freiwillig für die „Vaterlandskampagne für Iran“ zu melden.
Nadali behauptete, das Mindestalter sei deshalb so niedrig, weil so viele Kinder dieses Alters darauf gedrängt hätten, teilnehmen zu dürfen. Sie sollten bei Patrouillen, in der Aufklärung und an Kontrollposten der Basidsch eingesetzt werden, sagte er in einer Videobotschaft, die am Donnerstag von der Nachrichtenagentur Mehr verbreitet wurde. Mit Aufklärung dürfte die Identifizierung von Regimekritikern gemeint sein.
Durch den Einsatz an Kontrollposten werden die Kinder unmittelbar der Gefahr von Drohnenangriffen durch das israelische Militär ausgesetzt. Nadali sprach von einer „überwältigenden Rückmeldung unserer verehrten Bevölkerung in Teheran“ zu der Kampagne. Es drängt sich eher die Vermutung auf, dass das Regime Kinder als Helfer akzeptiert, weil es angesichts der tödlichen Gefahren an Freiwilligen mangeln könnte. Ein weiteres Ziel könnte die Indoktrinierung der Kinder mit den Kriegsmythen des Regimes sein.
In Friedenszeiten können Kinder ab elf Jahren den Basidsch als einfache Mitglieder beitreten. Für aktive Mitglieder, die mit regelmäßigen Aufgaben betraut werden, gilt jedoch ein Mindestalter von 15 Jahren. Unklar ist, ob die jungen Rekruten auch bewaffnet werden sollen.
Ein Vorbild für die „Opferbereitschaft der Jugend“
Eine iranische Lehrervereinigung verurteilte die Kampagne anonym als Verstoß gegen internationale Kinderrechte. Sie verwische bewusst die Grenze zwischen Zivilisten und Kombattanten und führe zu einer Militarisierung der Gesellschaft, hieß es in einer Stellungnahme. Dieselbe Gruppe hatte zuvor bereits die Unterbringung von Revolutionswächtern in einem Waisenhaus für Mädchen verurteilt.
Auch während des Iran-Irak-Krieges in den Achtzigerjahren wurden Kinder von den Basidsch rekrutiert und teilweise in den sicheren Tod geschickt. Der 13 Jahre alte Mohammad Hossein Fahmideh wird in Schulbüchern bis heute als Vorbild für die „Opferbereitschaft der Jugend“ stilisiert. Er griff mit Handgranaten einen irakischen Panzer an und wurde getötet.
Die aktuelle Zivilverteidigungskampagne wird kurz „Für Iran“ genannt. Das ist kein Zufall. „Für Iran“ ist der Titel eines bekannten Protestsongs, der zur inoffiziellen Hymne der Frau-Leben-Freiheit-Bewegung von 2022 wurde. Passend dazu hat die iranische Propaganda zuletzt mehrere Videos veröffentlicht, die Frauen ohne Kopftuch auf Pro-Regime-Demonstrationen zeigen sollen. Wie schon während des Zwölftagekrieges im vergangenen Juni vereinnahmt das islamistische Regime nationale Symbolik, um sich als Beschützer des Vaterlands zu inszenieren.
Rekrutierung über Moscheen
Neben Kontrollfunktionen sollen sich Zivilisten im Rahmen der Zivilverteidigungskampagne an der Versorgung von Kombattanten beteiligen, zum Beispiel, indem sie für sie kochen oder sie mit ihren Fahrzeugen beliefern. Weitere Aufgaben sind die Organisation von Pro-Regime-Demonstrationen, die Pflege von verwundeten Kombattanten und die Reparatur beschädigter Gebäude.
Ihre Rekrutierung findet hauptsächlich über Moscheen statt. Auf einem Poster, das für die Kampagne wirbt, wird der Oberste Führer Modschtaba Khamenei zitiert: „Die Basidsch müssen vor Ort sein, sodass die Grundwerte der Revolution lebendig bleiben.“
Basidsch heißt übersetzt Mobilisierung. Die im Revolutionsjahr 1979 gegründete Organisation versteht sich auch in Friedenszeiten als Widerstandstruppe zur Verteidigung des islamistischen Regimes. Ihre Organisationseinheiten werden als „Widerstandsgebiete“ bezeichnet. Die Basidsch haben eigene Zellen in vielen Institutionen wie Schulen, Universitäten und Staatskonzernen. Aktive Mitglieder genießen Privilegien wie besseren Zugang zum Arbeitsmarkt und Sozialleistungen.
Source: faz.net