Zivilisten in Nordisrael: Sie zucken nicht mehr zusammen mit Raketenalarm

Man muss Optimist sein, wenn man während des Krieges in Metula bleibt, sagt Israel Pachter. Der Israeli sitzt an dem schweren Esstisch eines mehr als 120 Jahre alten Steinhauses, eines der ältesten Gebäude in dem 1896 gegründeten Ort. Metula liegt an der Nordspitze Israels, an drei Seiten ist es von Libanon umgeben. Im Verlauf der Jahrzehnte war der Ort immer wieder Angriffen ausgesetzt – und auch jetzt: Seit zweieinhalb Wochen wird Metula von der Hizbullah beschossen.

Der 53 Jahre alte Pachter nimmt die Situation zumindest äußerlich so gelassen wie alle, die man hier in diesen Tagen trifft. Aber als er ein paar Minuten später im Hinterhof steht und plötzlich laut Alarmsirenen ertönen, hat auch er es eilig: „Schnell, ins Haus!“, ruft er und rennt ins Schlafzimmer – den am besten geschützten Ort im Haus. Die normalerweise zu hörende Detonation, die anzeigt, dass eine Rakete vom israelischen Abwehrsystem abgeschossen worden ist, bleibt aber aus. Pachter wartet und blickt auf sein Telefon, schließlich sagt er: Es war keine Rakete, sondern eine Drohne. Es wäre besser, noch ein paar Minuten im Haus zu bleiben.

Die Regierung will eine neue Fluchtwelle vermeiden

Einmal hat es das Anwesen schon erwischt. Im Juli 2024 war das, als der Grenzkrieg zwischen Israel und der Hizbullah sich auf dem Höhepunkt befand. Eine Rakete schlug hinter dem Haus ein und verursachte ein Feuer – die ganze hintere Hälfte des Gebäudes trug Schäden davon. Pachter zeigt ein Video der Feuerlöscharbeiten, er selbst war damals nicht anwesend: Er hatte den Ort verlassen, nachdem die Hizbullah am 8. Oktober 2023 Israel angegriffen hatte. Dieses Mal ist er geblieben – hat seine Frau und die Kinder allerdings vorübergehend woanders untergebracht.

Israel Pachter in Metula vor seinem HausChristian Meier

Das ist einer der großen Unterschiede zwischen dem Krieg, der vom Oktober 2023 bis zum November 2024 dauerte, und der jetzigen Auseinandersetzung zwischen Israel und der Hizbullah: Die Armee hat frühzeitig entschieden, dass der äußerste Norden des Landes nicht wieder vollständig evakuiert wird. Mehr als 60.000 Israelis lebten damals mehr als ein Jahr lang als Binnenflüchtlinge. Das belastete sie selbst, aber auch den Staat – und führte zu immer stärkerer Kritik, die erst abebbte, nachdem Israel der Hizbullah im Herbst 2024 massiv zugesetzt hatte.

Nach dem Waffenstillstandsabkommen von Ende November 2024 kehrten die meisten schrittweise zurück: Etwa 80 Prozent der Bewohner der Grenzregion lebten mittlerweile wieder dort, heißt es. Einige haben sich woanders ein neues Leben aufgebaut, dafür gibt es auch neu Hinzugezogene.

Fast jeder fünfte Libanese ist vertrieben worden

Dass all diese Menschen abermals fliehen müssen, wollte die Regierung unbedingt vermeiden. Ohnehin hat sich aber auch das Kräfteverhältnis zwischen Israel und der Hizbullah verändert. „Sie sind schwächer, und wir sind stärker“, sagt Pachter. Wie viele glaubt er, es sei ein „riesiger Fehler“ der Schiitenorganisation gewesen, zwei Tage nach dem Beginn des amerikanisch-israelischen Angriffs auf Iran den Norden Israels unter Beschuss zu nehmen, um dem verbündeten Regime in Teheran zu helfen. Jetzt habe Israel die Gelegenheit, die Dinge hinsichtlich der Hizbullah grundlegend zu verändern, sagt Pachter – was seit Langem nötig sei.

Seit dem Morgen des 2. März geht die israelische Armee massiv gegen die Hizbullah vor: mit Luftangriffen im Süden des Landes, in der Bekaa-Ebene und in der Hizbullah-Hochburg im Süden Beiruts. Für diese Stadtteile, die Dahiye, wurde eine Evakuierungsanordnung erlassen, ebenso für den gesamten Süden Libanons bis zum Fluss Zahrani. In der Nacht zum Mittwoch bekräftigte ein Armeesprecher die Warnung für alle Bewohner der Stadt Tyros: Sie sollten umgehend ihre Häuser verlassen und nach Norden fliehen. Für etwa 14 Prozent der Landesfläche gelten laut Angaben des Norwegian Refugee Council mittlerweile solche Anordnungen. Mehr als eine Million Menschen seien seit dem 2. März vertrieben worden, teilte Libanons Regierung mit – fast jeder fünfte Libanese.

Inzwischen sind israelische Truppen auch wieder in den Süden Libanons vorgedrungen – auch jenseits der fünf Militäraußenposten, aus denen die Armee sich nach dem Waffenstillstandsabkommen nicht zurückgezogen hatte. Am Montag verkündete Verteidigungsminister Israel Katz den Beginn einer Bodenoffensive, um „Bedrohungen zu beseitigen und die Bewohner von Galiläa und des Nordens zu schützen“. Katz verkündete, die „Hunderttausenden schiitischen Bewohner Südlibanons, die aus ihren Häusern vertrieben wurden und weiterhin vertrieben werden, werden nicht in ihre Häuser südlich des Litani-Gebiets zurückkehren, solange das Wohlergehen der Bewohner des Nordens nicht gewährleistet ist“.

Am Mittwochmittag kündigte die Armee an, dass sie in Kürze an Brücken über den Litani-Fluss attackieren werde, um zu verhindern, dass die Hizbullah Kämpfer und Waffen in den Süden transportiert.

Die Hizbullah ist in dieser Auseinandersetzung aber bei Weitem nicht nur passiv. Ihre Angriffe auf den Norden Israels haben sich ungeachtet der massiven Gegenschläge nach etwa einer Woche sogar verstärkt. Zuletzt feuerte die Schiitenmiliz laut Angaben der Armee etwa 150 Raketen am Tag ab. Etwa zwei Drittel davon sind demnach auf israelische Truppen im Süden Libanons und im Grenzgebiet gerichtet, die restlichen auf Israel. Die Hizbullah veröffentlichte auch eine eigene Evakuierungsanordnung: Alle Bewohner des israelischen Grenzgebiets sollten sofort nach Süden fliehen, verkündete sie mehrmals, zuletzt am Dienstagabend.

Sie machen keine Anstalten, sich in Sicherheit zu bringen

Die Menschen in den Grenzorten wirken davon recht unbeeindruckt. Für Leute wie Israel Pachter reiht sich der aktuelle Krieg in eine lange Reihe von Konflikten ein. „Seit ich ein Kind war, hatten wir solche Zeiten“, sagt der Israeli, der in dem 2000-Einwohner-Ort Metula aufgewachsen ist. In den Achtzigerjahren war es die säkulare „Palästinensische Befreiungsorganisation“ (PLO), die den Ort von Libanon aus attackierte, heute ist es die schiitische Hizbullah. Pachter zeigt auf Kerben in den Mauern neben der Eingangstür. Das seien Spuren eines Bombeneinschlags vor vielen Jahren.

Wenige Dutzend Kilometer südwestlich, in Shtula, zuckt Dania Shitrit nicht einmal mehr zusammen, als es Raketenalarm gibt. „Wir haben einen Schutzraum“, bietet die Israelin ihren Gästen an – aber sie selbst und die drei kleinen Kinder, die auf dem Sofa spielen, machen keine Anstalten, sich in Sicherheit zu bringen. Dabei ist ihr Haus äußerst exponiert: Der Balkon und die Glasfront des Wohnzimmers liegen direkt gegenüber der „Blauen Linie“, der von den Vereinten Nationen demarkierten De-facto-Grenze zwischen Israel und Libanon. Man blickt auf grüne Hügel und auf die graue Mauer, welche die israelische Armee zum Schutz der Anwohner errichtet hat. Am Horizont steigt eine Rauchwolke auf – das Ergebnis eines israelischen Angriffs auf der libanesischen Seite.

Auch in Shtula sind die Spuren der Auseinandersetzung gut zu sehen. Mehrere benachbarte Gebäude, die auf der Grenzseite liegen, haben während des Krieges 2023 und 2024 Schäden davongetragen. In der Fassade eines Gebäudes etwa hundert Meter unterhalb von Shitrits Haus klafft bis heute ein massives Einschussloch – und auf der anderen Seite ein kleineres: Ein von der Hizbullah abgefeuertes Geschoss ist komplett durch das Haus geschlagen.

Die Präsenz von Zivilisten soll das Gebiet sichern

Nach Shtula sind laut lokalen Angaben nur 30 bis 40 Prozent der Bewohner zurückgekehrt, seit der Waffenstillstand vereinbart wurde. Zudem ist eine Handvoll neuer Familien hinzugekommen. Diejenigen, die hier leben, tun das in aller Regel voller Überzeugung. Die 34 Jahre alte Shitrit, die der nationalreligiösen Bevölkerungsgruppe Israels angehört, beispielsweise sagt, sie und ihre Familie seien praktisch auch Soldaten. In Israel hat es eine lange Tradition, die bis vor die Staatsgründung zurückreicht, insbesondere Grenzgebiete zu besiedeln. Die Präsenz von Zivilisten soll das Gebiet sichern.

„Manche hier haben mehr Angst, manche weniger“, sagt Sarit Zehavi über die Bewohner des Nordens. Die Israelin ist die Gründerin und Leiterin der Denk­fa­brik Alma-Zentrum, die sich insbesondere mit den nördlichen Nachbarländern Israels beschäftigt. Ihr Büro liegt ein paar Kilometer südlich von Shtula. Auch bei ihr gibt es mehrmals am Tag und in der Nacht Raketenalarm. Die einen sagten: Wir können so nicht leben, erläutert Zehavi – andere dagegen seien der Ansicht, man müsse die Bedrohung durch die Hizbullah jetzt ein für allemal ausschalten.

Sie selbst gehöre letzterer Gruppe an. Gerade hat sie zusammen mit einer Kollegin einen Artikel auf der Alma-Website veröffentlicht, in dem sie dafür argumentieren, dass Israel den Süden Libanons bis zum Litaní besetzen solle. Zehavi sagt aber auch, dass sie nach der Veröffentlichung des Artikels nicht gut geschlafen habe – „denn das wird einen Preis haben“. Was sie damit meint, sind die toten Soldaten, die es bei einer ausgeweiteten Bodenoffensive geben würde.

Einen Keil zwischen Hizbullah und schiitische Bevölkerung treiben

Daneben stellt sich die Frage, ob man die Hizbullah allein durch eine Bodenoffensive besiegen kann. Im Gazastreifen ist die Hamas in einem Teil des Gebiets immer noch an der Macht, nach zwei Jahren eines brutal geführten Krieges. Zehavi sagt, Israel sollte seine „Konzeption“ ändern: Der libanesischen Regierung solle klargemacht werden, dass sie ihr Land unter Kontrolle bringen müsse. Aber nicht im Süden sollte sie damit beginnen, wie es im Waffenstillstandsabkommen wieder einmal vorgesehen ist – sondern in der Hauptstadt Beirut, wo die Hizbullah ganze Stadtteile kontrolliert.

Um das zu erreichen und nach Möglichkeit auch einen Keil zwischen die Hizbullah und die schiitische Bevölkerung zu treiben, sollte Israel den Druck erhöhen, schlagen Zehavi, aber auch andere Analysten und Kommentatoren vor. Die schiitischen Flüchtlinge aus Südlibanon seien gerade schwach und abhängig, sagt Zehavi – das sei eine Chance für Israel, ihre Loyalität gegenüber der Hizbullah zu brechen. In Metula formuliert Israel Pachter die Forderung an die Libanesen, sich endlich von der Hizbullah loszusagen, etwas anders: Es liege an den Flüchtlingen selbst, ob sie irgendwann wieder in ihre Häuser im Süden zurückkehren könnten.

Source: faz.net