Nach Gründung des deutschen Nationalstaates im 19. Jahrhundert war Berlin die aufsteigende Macht, London die absteigende. Die damaligen Großmächte waren reaktionär und/oder imperialistisch. Das Streben des Emporkömmlings Deutschland nach einem „Platz an der Sonne“ erbrachte Kolonien, führte zu einem Rüstungswettlauf mit England und zum Ersten Weltkrieg. Nun befindet sich die Welt wieder in einer Phase, in der Groß- und Regionalmächte ihre Einflusszonen neu abzustecken versuchen.
Russlands Angriff auf die Ukraine soll angeblich die „russische Welt“ zusammenführen. Sie umfasst alle Gebiete, in denen das Russische präsent ist. Tatsächlich geht es Moskau um die Kontrolle wertvoller Ressourcen und um geostrategische Interessen. China hat seinen Anspruch auf Taiwan jüngst durch das bislang größte Militärmanöver vor der aus seiner Sicht abtrünnigen Insel unterstrichen und streitet mit Nachbarstaaten um ressourcenreiche Seegebiete. Israel setzt seine illegale Landnahme im Gazastreifen wie in der Westbank fort und baut seine regionale Einflusszone mit militärischen Mitteln aus.
Die USA, einst Führer der westlichen Welt, betreiben klassische Kanonenbootpolitik, kidnappen den Präsidenten Venezuelas, erheben Ansprüche auf die strategischen Rohstoffe des Landes und kapern einen russischen Öltanker, weil er die US-Sanktionen gegen Caracas verletzt haben soll.
Wir befinden uns in einer Ära der Einflusszonen und der fast mühelos durchsetzbaren Rechte des Stärkeren
Das alles hat Konsequenzen für Deutschland, Europa und die NATO. Dafür, dass die im Rückblick anheimelnd anmutende Periode des liberalen Atlantizismus vorbei ist, liefert die neue amerikanische Nationale Sicherheitsstrategie NSS 2025 nur die schriftliche Beglaubigung. Wir befinden uns in einer Ära der Einflusszonen und der fast mühelos durchsetzbaren Rechte des Stärkeren.
Für diese schöne neue Welt haben die USA ihre externen Militärkommandos neu strukturiert. Diese bestanden bislang aus sechs regionalen Filialen, die nun Schritt für Schritt auf drei verschlankt werden. Das Indo-Pacific Command bleibt und kümmert sich wie bisher um das Einhegen des großen aufsteigenden Rivalen China, es wird personell, materiell und durch neue Militärbasen gestärkt.
In diesem Jahr soll das Western Hemisphere Command seine Arbeit aufnehmen. Die aus den ehemaligen Kommandos Nord- und Südamerika gebildete neue militärische Führungsorganisation umfasst den gesamten amerikanischen Kontinent und bildet die primäre US-Einflusszone im Sinne der Monroe-Doktrin aus dem 19. Jahrhundert, heute „Trump Corollary“ genannt. Sollten seinerzeit die europäischen Kolonialmächte von den mittel- und südamerikanischen Ressourcen ferngehalten werden, so sind es heute vor allem China und Russland.
Widerspenstige Staaten wie Kuba oder Kolumbien sind bereits angezählt. Panama ringt mit erpressten Zugeständnissen wie der kostenneutralen Passage für US-Schiffe durch den Kanal um den Erhalt seiner Souveränität. Grönland soll wohl nicht nur Teil dieser Einflusszone, sondern wegen seiner geostrategischen Lage und der großen Vorkommen an den für KI-Chips, Nuklearenergie und die Energiewende wichtigen strategischen Rohstoffen gleich ganz vereinnahmt werden.
Noch nicht endgültig entschieden, aber bereits in der Planung ist das dritte neue Kommando, das International Command genannt wird und aus dem für den Nahen und Mittleren Osten zuständigen Zentral-, dem Afrika- und dem Europakommando gebildet werden soll. Wenn Letzteres als solches entfällt, braucht es auch keinen amerikanischen Oberkommandierenden der NATO (SACEUR) mehr. Darum sind Äußerungen von Matthew Whitaker, des US-Botschafters bei der NATO, schlüssig, der im November über einen künftigen deutschen SACEUR räsonierte.
Beschränken sich die USA künftig darauf, die nukleare Abschreckung zu gewährleisten?
Das ist zwar noch Zukunftsmusik, doch wenn man bedenkt, wie sehr Washington Druck ausübt, dass die Europäer bereits 2027 den Großteil der konventionellen Verteidigung übernehmen, wird mehr als deutlich, wie nah diese Zukunft ist. Was dann aus der NATO werden soll, ist völlig unklar. Würde sie obsolet, wenn die gegen das Bündnismitglied Dänemark bzw. Grönland gerichteten Drohungen von der US-Option zur US-Operation werden? Was bleibt übrig, eine europäisierte Rest-NATO? Beschränken sich die USA darauf, die nukleare Abschreckung zu gewährleisten? Nur wie glaubwürdig wäre die angesichts der für die US-Globalstrategie nunmehr geltenden Prioritäten?
Wenn die erste US-Priorität die westliche Hemisphäre und die zweite die Eindämmung Chinas ist, dann muss das im Ranking dahinter verortete Europa wahrscheinlich sehen, wo es bleibt oder Vasallendienste leisten. Dass Donald Trump an der NATO eigentlich kein wirkliches Interesse hat, gab er bereits mehrfach zu verstehen – an der EU im Übrigen noch weniger. Die sieht er eher als Feind.
Was er freilich schätzt, sind „regionale Champions“ wie Deutschland. Die müssten die Hauptlast der konventionellen Verteidigung tragen und natürlich US-Interessen dienen, etwa beim Austarieren zwischen Russland und Europa. Dadurch würde Berlin nicht automatisch in eine globale Führungsrolle katapultiert. Die ist laut der unveröffentlichten Langfassung der US-Sicherheitsstrategie neben den USA für China, Russland, Indien und Japan vorgesehen.
Hatten die G7-Staaten noch den Anspruch, westlich-liberal zu sein, so spielt dieses Kriterium bei den C5 getauften Ländern des geplanten neuen Führungsklubs keine Rolle mehr. Auffälligste Gemeinsamkeit ist, dass sie im oder am Indo-Pazifik liegen und ihre Bevölkerung jeweils über 120 Millionen Menschen umfasst.
Kanzler Merz beansprucht eine europäische Führungsrolle, doch wohin genau soll die Reise gehen?
Es wäre höchst aufschlussreich zu wissen, wie sich Berlin zu diesen Umwälzungen zu verhalten gedenkt. Bislang ist keine strategische Planung in Sicht, vielmehr dominieren unterwürfige Gesten und Ideenlosigkeit. Deutschland scheint sich noch darin zu sonnen, eine starke Wirtschaftskraft, bevölkerungsreichstes Land und künftig größte konventionelle Militärmacht in der EU zu sein.
Kanzler Merz beansprucht eine europäische Führungsrolle, doch wohin genau soll die Reise gehen? Das Vorhaben dieses Kanzlers auf dem EU-Gipfel im Dezember, die eingefrorenen russischen Vermögen für die Ausrüstung der ukrainischen Streitkräfte zu nutzen, ist an den Widerständen Frankreichs, Italiens und anderer EU-Mitglieder gescheitert. Dies zeigte einmal mehr die Richtigkeit der alten Erkenntnis: Deutschland ist zu schwach, um Europa seinen Willen zu oktroyieren, und zu mächtig, um sich aus allem herauszuhalten.
Ersteres dürfte sich auch künftig wegen erwartbarer Widerstände in der EU nicht ändern, Letzteres ist allein wegen der vielen Nachbarn und deutscher Eigeninteressen an Stabilität und Frieden auf dem Kontinent keine realistische Option. Die nicht auszuschließende Variante eines nationalistischen Weges – vielleicht vorangetrieben durch ein künftiges Duo J.D. Vance/Jens Spahn – dürfte in einer Sonnenfinsternis enden.
Darum gilt die aus den beiden Weltkriegen gezogene Schlussfolgerung heute mehr denn je: Für Deutschland kann es einen Platz an der Sonne, verstanden als Souveränität zur Selbstbestimmung, nur in einem Europa geben, das seine politische Integrität bewahrt und sich um einen Ausgleich mit Russland bemüht.