Zeitarbeit: Der „Jobmotor“ läuft nur noch mit halber Kraft

Die Zeitarbeit – Fachdeutsch: Arbeitnehmerüberlassung – gilt als Frühindikator für die bevorstehende Entwicklung am Arbeitsmarkt: Geht es mit der Wirtschaft abwärts und sinkt der Personalbedarf der Unternehmen, dann bestellen sie als Erstes Zeitarbeiter ab. Keimt hingegen neue Hoffnung, dann fragen sie als Erstes mehr Zeitarbeiter nach, bevor sie dauerhafte Neueinstellungen riskieren. Nach diesem Maßstab sieht es derzeit gar nicht gut aus. Die Gesamtzahl der Zeitarbeitsbeschäftigten in Deutschland ist zu Jahresbeginn auf einen neuen Tiefstand gefallen. Seit einem Rekord von rund einer Million vor zehn Jahren hat sie sich inzwischen halbiert.

Im Januar waren noch 515.300 Menschen bei Zeitarbeitsunternehmen angestellt, wie eine aktuelle Auswertung des Gesamtverbands der Personaldienstleister (GVP) anhand von Daten der Bundesagentur für Arbeit zeigt. Verglichen mit dem Vormonat, also Dezember, ist das ein Rückgang um 1,6 Prozent. Verglichen mit dem Vorjahresmonat, also Januar 2025, ist die Zahl um 7,7 Prozent geschrumpft. Wirtschaftliche Folgen des Ende Februar begonnenen Irankriegs spiegeln sich darin noch nicht wider. Aber die Entwicklung werde dadurch absehbar „verschärft“, schreibt der GVP in seiner Analyse. „Die Erwartungen von Personaldienstleistern verschlechterten sich deutlich.“

Jeder zehnte Arbeitslose, der Arbeit findet, schafft es mit Zeitarbeit

Das geschieht vor dem Hintergrund einer schwierigen Lage am gesamten Arbeitsmarkt. Zwar hat sich der Anstieg der Arbeitslosigkeit in jüngerer Zeit verlangsamt. Zugleich aber beschleunigte sich der Abbau sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung, der im Spätsommer begonnen hatte. Im Januar 2026 gingen 34,75 Millionen Menschen einer beitragspflichtigen Arbeit nach, 72.000 weniger als ein Jahr zuvor. Ohne den anhaltend starken Personalaufbau im öffentlich finanzierten Sektor, besonders im Gesundheits- und Sozialwesen, wären die Zahlen noch ungünstiger.

Daneben allerdings ist auch die geschrumpfte Zeitarbeit noch immer ein deutlich entlastender Faktor. Unter den 117.000 Arbeitslosen, die im Januar trotz aller Schwierigkeiten neue Arbeit fanden, gelang dies knapp jedem Zehnten durch eine Stelle in der Zeitarbeit, wie die Statistik zeigt. Zum Vergleich: Obwohl das Gesundheits- und Sozialwesen mit fast sechs Millionen Beschäftigten mehr als zehnmal so groß ist, fanden nur 15 Prozent der zuvor Arbeitslosen eine Neuanstellung dort. Und im verarbeitenden Gewerbe, das sieben Millionen Beschäftigte zählt, waren es nur 10,4 Prozent.

Nur noch 1,7 Prozent der Beschäftigten in Deutschland

Erklären lässt sich diese Sonderrolle der Zeitarbeit nicht zuletzt damit, dass sie überproportional viele Einstiegschancen für Geringqualifizierte bietet. Knapp 30 Prozent der Zeitarbeiter haben keinen Berufsabschluss, im Durchschnitt aller Beschäftigten sind es dagegen nur 13 Prozent. Allerdings hat zugleich mehr als die Hälfte der drei Millionen Arbeitslosen keinen Berufsabschluss. Auch für die Integration von Flüchtlingen und ihren Berufseinstieg in Deutschland spielt die Beschäftigungsform der Zeitarbeit traditionell eine wichtige Rolle.

Das Schrumpfen der Branche hat unter anderem damit zu tun, dass die Industrie als traditionell starker Nachfrager von Zeitarbeitskräften in der Krise steckt. Außerdem stehen dahinter zwei längerfristig wirkende Faktoren: Mit der Erwartung einer sich demographisch verschärfenden Personalknappheit steigt die Bereitschaft von Unternehmen, gefragte Fachkräfte auch in schwierigen Phasen fest an sich zu binden. Und daneben trat 2017 auf dem Höhepunkt der Zeitarbeit eine Reihe neuer gesetzlicher Beschränkungen in Kraft, darunter neben neuen Lohnvorschriften eine strengere Begrenzung der Einsatzdauer von Zeitkräften. Auch das hat der Branche den damals politisch erwünschten Dämpfer verpasst. Zuvor waren zeitweilig bis zu drei Prozent aller Beschäftigten als Zeitarbeiter angestellt, jetzt sind es noch 1,7.

Einige neue Hoffnungszeichen hatte es in jüngster Zeit dennoch gegeben. Die Zahl der freien Stellen, die von Zeitarbeitsfirmen an die Arbeitsagenturen neu gemeldet wurden, nahm seit Jahresbeginn und bis zum jüngsten Zähltag Mitte März nach langer Talfahrt wieder leicht zu. Die möglichen negativen Folgen des Irankriegs für die weitere Entwicklung spiegeln sich allerdings sehr deutlich in den Geschäftserwartungen der Personaldienstleister, wie sie das Ifo-Institut mit seiner März-Konjunkturumfrage erhoben hat: Die Umsatzerwartungen der Unternehmen fielen von minus 7,9 Punkten im Februar auf minus 16,2 im März. Und die Beschäftigungserwartungen der Personaldienstleister sanken von minus 9,9 Punkten auf minus 21,4 Punkte.

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