Großreinemachen für den hohen Besuch: In der Nacht zum Donnerstag wurde das Gelände der Weltklimakonferenz im brasilianischen Belém planmäßig geräumt, um alles für den Gipfel der Staats- und Regierungschefs vorzubereiten, der noch bis zum Freitag läuft. Die ersten Besucher auf der UN-Konferenz wurden höflich gebeten, die Hallen zu verlassen, um eine „Sicherheitsüberprüfung“ zu ermöglichen. An diesem Freitag reist auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) zu dem Stelldichein der Mächtigen an der Amazonasmündung und wird dort eine Rede halten.
Er trifft in Belém unter anderem auf seine Kollegen Keir Starmer aus Großbritannien, Emmanuel Macron aus Frankreich, auf EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und natürlich auf UN-Generalsekretär António Guterres sowie auf den Gastgeber, Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva.
Beide eröffneten den Gipfel am Donnerstag und mahnten stärkere Anstrengungen im Klimaschutz an. Etwa ein Viertel der fast 200 Unterzeichnerstaaten des Rahmenübereinkommens der Vereinten Nationen über Klimaänderungen (UNFCCC), die sich auf den Klimakonferenzen treffen, entsenden ihre Staats- und Regierungschefs nach Brasilien.
Einige gewichtige sind aber nicht dabei, so werden die Präsidenten der Vereinigten Staaten, Chinas, Indonesiens und – wenig überraschend – Russlands fehlen, Donald Trump, Xi Jinping, Prabowo Subianto und Wladimir Putin. Auch Japans neue Regierungschefin Sanae Takaichi hat abgesagt. Ob Indiens Premierminister Narendra Modi anreist, ist noch ungewiss. Das Ausbleiben wichtiger Staatenlenker ist nicht nur von protokollarischer Bedeutung, sondern auch für die Klimaverhandlungen: China, Amerika, Indien und die EU sind die größten Treibhausgasemittenten. Dahinter folgen Russland, Indonesien, Brasilien und Japan (siehe Grafik).
Generell ist nicht zu übersehen, dass der Klimaschutz in Politik und Öffentlichkeit an Aufmerksamkeit verloren hat. Und das, obgleich die Uhr nicht auf fünf vor, sondern auf fünf nach zwölf steht. Vor zehn Jahren hatten sich die „Parteien“ genannten Vertragsstaaten auf dem bahnbrechenden Treffen in Paris geeinigt, die Erderwärmung bis zum Jahr 2100 auf „deutlich weniger als zwei Grad“ gegenüber der vorindustriellen Zeit zu begrenzen, am besten auf 1,5 Grad. Inzwischen gelten diese 1,5 Grad als Obergrenze.
Doch diese Marke wurde schon 2024 gerissen, im bisher wärmsten je gemessenen Jahr. Offiziell ist das Ziel zwar noch nicht verfehlt, weil ein mehrjähriger Durchschnitt entscheidend ist. Aber kaum noch jemand glaubt, dass sich die Überschreitung langfristig vermeiden lässt. Diese getrübten Aussichten überschatten auch die Jubiläumsveranstaltung in Belém zehn Jahre nach „Paris“.
Die Großtagung mit bis zu 50.000 Teilnehmern beginnt offiziell am Sonntag und dauert zwei Wochen. Für Deutschland reisen mehrere Bundesminister und Staatssekretäre an, geleitet von Umweltminister Carsten Schneider (SPD). Dessen Haus hat zu Legislaturbeginn die Zuständigkeit für den Klimaschutz vom Wirtschaftsministerium und jene für die Klimaaußenpolitik vom Auswärtigen Amt zurückerhalten. Chefunterhändler ist der Konferenzveteran Jochen Flasbarth (SPD), Schneiders Klimastaatssekretär.
Erst kürzlich hagelte es wieder schlechte Nachrichten. Das UN-Umweltprogramm UNEP stellte in seinem Bericht zur „Emissionslücke“ (Emissions Gap Report) fest, dass die durchschnittlichen 1,5 Grad wahrscheinlich in den Dreißigerjahren überschritten würden, 60 bis 70 Jahre zu früh. Bis zum Jahrhundertende sei mit 2,8 Grad zu rechnen, also mit weit mehr als dem ursprünglichen Zwei-Grad-Ziel.
Selbst wenn alle Mitglieder der offiziell „Parteienkonferenz“ oder „Conference of the Parties“ (COP) genannten Weltklimakonferenz ihre nationalen Klimaschutzbeiträge (NDC) einhielten, lande man im Jahr 2100 bei 2,3 bis 2,5 Grad. Guterres warnte vor Beginn der COP 30 in Belém schon vor dem „Klimakollaps“.
Dabei heißen die ungünstigen Zahlen nicht, dass die Beschlüsse der Weltklimakonferenz und die daraus abgeleiteten NDC überflüssig wären. Im Gegenteil, sie zeigen, dass Besserung möglich ist, sie reicht nur noch nicht aus. Im vergangenen Jahr prognostizierte die UNEP noch 3,1 Grad und mit der vollständigen Verwirklichung der national festgelegten Klimaschutzbeiträge 2,6 bis 2,8 Grad.
Um besser zu werden, fordern die fortschrittlichen Konferenzteilnehmer größere Bemühungen in der Treibhausgasminderung. Dazu passt, dass vor der COP alle Parteien verschärfte Klimaschutzbeiträge hätten vorlegen müssen. Nur ein Drittel hat das jedoch getan. Selbst die sich gern als Vorreiter feiernde EU legte ihre neuen Klimaschutzbeiträge (NDC) erst Mitte dieser Woche vor. Einige Länder werden noch nachtröpfeln, es gilt aber als ausgeschlossen, dass sich die „Ambitionslücke“ zwischen dem gesteckten 1,5-Grad-Ziel, den Verpflichtungen und deren Verwirklichung in Belém schließen lässt.
Es gibt weitere Fallstricke für die COP 30, darunter die wachsende Frontstellung zwischen den fossil ausgerichteten Staaten – etwa den USA sowie anderen Öl- und Gasförderern – und jenen, die auf erneuerbare Energien und die Elektrifizierung setzen. Unklarheiten existieren auch, mit welchen Indikatoren und Werkzeugen das auf der COP 28 in Dubai beschlossene globale Ziel für die Anpassung an den Klimawandel (GGA) operationalisiert werden kann. Ähnlich undeutlich bleibt, wie sich die auf der COP 29 in Baku verabredete Verdreifachung der Klimafinanzierung auf 300 Milliarden Euro im Jahr für ärmere Länder mobilisieren lässt.
Wichtig wäre auch, sagen Teilnehmer, die UNFCCC selbst zu modernisieren und zu überlegen, ob klimatisierte Massenveranstaltungen mit neuen Bauten, Straßen und Hunderten von Flugbewegungen glaubhaft dem Klimaschutz dienen – ausgerechnet am Rande des Regenwalds.