Yanis Varoufakis: Ein Grieche in Russland: Ist dies ergo Technofeudalismus?

Fast 2100 Kilometer Luftlinie trennen das Landgut Jasnaja Poljana und die griechische Hauptstadt. Und doch begann Leo Tolstoi mit 42 Jahren zu träumen, er lebe im alten Athen. Vorausgegangen war dem ein intensives Altgriechisch-Studium, eine Exegese der Klassiker, die Tolstoi als neue Vorbilder auserkoren hatte. Auch im Russland der Gegenwart ist Griechenland wieder eine künstlerische Inspirationsquelle. Um Literatur soll es diesmal nicht gehen, vielmehr reichen in der traditionell wortkargen Techno-Szene zwei Wörter, um die Großstadt-Clubs zu beleben: Yanis Varoufakis!

Zwar ist es ungewiss, ob die reichen, unpolitischen Moskau-Kids wissen, zu wem sie da abzappeln, erfolgreich ist der Song des russischen Künstlers Sasha Melior aber trotzdem. Für seine KI-Kreation hatte der DJ mit Bedacht den ehemaligen griechischen Finanzminister als Patron ausgewählt. Der Name sei nicht nur eingängig, dessen Träger vielmehr auch ein „cooler, nonkonformistischer Typ – so eine Art Rebell“. Aber wogegen rebelliert der einstige Gegner der Austeritätspolitik der deutschen Regierung Merkel heute? Internationale Aufmerksamkeit hat dem Stück des „besseren Sascha“ (Kurzform von Alexander) jetzt eingetragen, dass Varoufakis nach Russland flog, als selbsterklärter Antikapitalist an einer „Investment-Konferenz“ in Moskau teilnahm und sich dabei filmen ließ, wie er mit jungen Leuten zu seinem musikalischen Selbstporträt tanzte. Aus dem Song für ein formell unpolitisches Publikum wurde in diesem Moment ein Politikum, eine zynische Show.

Ein zynisches Schauspiel

Nach Athen sind es 2300 Kilometer Luftlinie aus Moskau, ins ukrainische Charkiw nur noch 600. Zur gleichen Zeit, in der Varoufakis mit reichen Moskauern tanzte, werden dort neue Bunkerschulen gebaut, um ukrainische Kinder vor russischen Bomben und Drohnen zu schützen. Als wäre seine Teilnahme in Anbetracht dessen nicht schon zynisch genug gewesen, legte Varoufakis in einem Beitrag für „UnHerd“ nach: Seine Reise habe ihm gezeigt, dass, während „europäische Anführer“ ei­nen „ewigen Krieg“ wollten, die „russische Zivilgesellschaft“ bereit für den Frieden sei.

Dass der in manchen Kreisen als linke Ikone verehrte Varoufakis ein außenpolitischer Querdenker ist, sollte nicht überraschen. Vielleicht ist es fast eher amüsant, dass er in Moskau über sein Konzept des „Technofeudalismus“ sprechen sollte. Jetzt ist zumindest bekannt, was damit gemeint ist: zu stumpfem Techno abgehen und das feudale Regime von Putin relativieren. „Technofeudalismus“ verkörpert Varoufakis auf alle Fälle besser als die Nachwuchskräfte der Eliten (oder „Zivilgesellschaft“), die jetzt im Club zu einem Russland-Apologeten tanzen. Ein Kreis schließt sich. Krieg und Frieden lassen sich, wie bei Tolstoi, nicht immer trennen. „Fried­liche“ Techno-Songs aus Moskau sind ein Beitrag zum russischen Krieg – und Varoufakis zappelt ganz freiwillig mit.

Source: faz.net