In China beginnt das Jahr des Pferdes. Xi Jinping präsentiert das Land in seiner 13. Neujahrsansprache als zivilisatorische Kraft einer neuen Weltordnung. In zehn Minuten stimmt er 1,4 Milliarden Landsleute auf weitere Reformen ein
Neujahrsansprache 2026 von Xi Jinping
Foto: Yan Yan/AP/picture alliance
Nach dem chinesischen Kalender löst in wenigen Wochen das Jahr des Pferdes das der Schlange ab. Anders als die astrologischen Tierkreiszeichen in Deutschland spielen die jährlich wechselnden Tiersymbole in China eine erhebliche gesellschaftliche Rolle. Sie unterstreichen, wie tief die Moderne in der Tradition verankert ist.
Die Neujahrsrede von Chinas Staatschef Xi Jinping zeigt, dass in diesem Jahr für China keine spektakulären Entwicklungen zu erwarten sind. Man befindet sich in einer Phase der Konsolidierung, um eine nächste Reform-Offensive vorzubereiten. Dabei präsentiert Xi sein Land als Zentrum einer neuen Weltordnung.
Die Devise: China geht mit Fleiß und Vernunft den Weg der Modernisierung
Xi verbindet in seiner Rede Metaphern des Weges und des Reisens mit der Botschaft von Veränderung und Anstrengung: Man sei (noch) nicht zu Hause angekommen. Zugleich betont er die Würde dessen, der es sich nach langer Armut leisten kann, seine Zukunft selbst zu gestalten. China hat die Mittel, um aus der bloßen Existenz und Subsistenz zu einer Triebkraft allgemeiner Innovation zu werden.
Soziale Konflikte klammert Xi nicht aus, sondern benennt einige: Wer erfahre, dass Wohlstand und Glück das Volk durchdringen, werde die Erfahrung persönlicher Schicksalsschläge relativieren. Man halte zusammen, wenn nicht aus Liebe, dann aus Klugheit. Die Devise: China geht mit Fleiß und Vernunft den Weg der Modernisierung und internationalen Zusammenarbeit weiter! Man bekommt nichts geschenkt!
Der staatliche Zuschuss für bedürftige Familien von 300 Renminbi Yuan (36,60 Euro) pro Monat betone nicht die Last, sondern den Segen für die Zukunft.
Xi präsentiert China als Zentrum einer neuen Weltordnung
Zugleich geht es ums Gesamtbild. Die materiellen und geistigen Grundlagen der Zukunft sollen gesichert werden. China weiß, wie das geht: Die Metapher „klares Wasser und üppige Bergwelt“ ist Ausdruck der Verbundenheit und Verpflichtung gegenüber kommenden Generationen. Sie sollen Vorbild für all jene sein, die sich mit China verbünden.
Dabei präsentierte Xi sein Land als zivilisatorisches Kraftzentrum einer neuen Weltordnung. Man finde sich „auf der richtigen Seite der Geschichte“ wieder, wo Gerechtigkeit, Frieden und Verantwortung den Ton angeben.
Aufgaben solcher Größenordnung verlangten eine starke und klare Führung. Jeder in China kennt aus eigener Erfahrung sowohl Beispiele politischer Willkür wie auch der wachsenden Integrität, Bildung und Kompetenz lokaler Führungskräfte. Wer täglich die Nachrichten verfolgt, wird Zeuge juristischer Urteile wegen Amtsmissbrauchs und Korruption.
In den vergangenen 80 Jahren war Chinas Weg stets bedroht
Xi lässt in seiner Rede keinen Zweifel, dass in den 80 Jahren seit dem „Sieg über den Faschismus“, womit die japanische Militärmacht und Expansion aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs gemeint ist, Aggression und Missgunst Chinas Weg stets bedroht haben. Gemeint sind wohl auch die jüngsten provokativen Äußerungen der japanischen Regierung zu Taiwan und die Waffenlieferungen der USA an Taipeh.
„Lasst uns mit dem Mut, der Kraft und der Beharrlichkeit des Pferdes weiter vorangehen!“ Xis Glückwünsche zum Ausklang erscheinen, wörtlich übersetzt, auf Deutsch pathetischer, als sie im Chinesischen gemeint sind. Aber blumige Worte werden in China mit Bildung verbunden, Xis rhythmische, zwischen leise und laut variierende Intonation mit emotionaler Tiefe. Chinesen tanzen und singen gern laut in der Öffentlichkeit.
Soweit geht der Präsident nicht. Aber es steht zwischen den Zeilen, wie er wohl hofft. Denn zum Schluss versucht Xi Mut zu machen und auf Einheit zu orientieren: Wenn viele an ihrem eigenen Strang zögen, zögen alle, die verbunden sind, an einem gemeinsamen Strang. Was käme zum Ziehen da besser gelegen als das Pferd, das Leittier des kommenden Jahres?