Wut, Wurst und Würde: Trauer-Demo gegen dasjenige Aus welcher Eberswalder Wurstwerke

Im brandenburgischen Britz demonstrieren Beschäftigte gegen die Schließung des Traditionsbetriebs durch Tönnies. Es geht darum, der Trauer und der Wut ihren Platz zu geben – darüber, wie viel Industrie Ostdeutschland noch verlieren soll


Hier geht es wirklich um die Wurst

Foto: Robert Kluba / picture alliance / SZ Photo


Der Wind zieht über den Hof vor den Werkshallen, die Gewerkschaftsfahnen flattern, auf dem Boden liegt Schnee. Ob die Veranstaltung hier „Symbolpolitik“ sei, habe man ihn gefragt. Uwe Ledwig, Mütze und rote Jacke mit dem Logo der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), schüttelt angesichts solcher Äußerungen den Kopf. „Unsere Veranstaltung ist eine Würdigung der Menschen, die sich hier über viele Jahre krumm gemacht haben“, ruft der Landesvorsitzende Ost der NGG ins Mikrofon. „Und sie ist Ausdruck unserer Wut!“

Mehrere Hundert Menschen sind an diesem kalten Wochenende Mitte Februar ins brandenburgische Britz gekommen, um vor den Produktionshallen gegen die Schließung der Eberswalder Wurstwerke zu protestieren. Die Kundgebung beginnt um fünf nach zwölf – eine kleine Geste, die viel über das Gefühl der Teilnehmer sagt. Unter ihnen sind viele Beschäftigte und ihre Angehörige. Sie tragen Schilder, auf denen „Mensch vor Marge“ oder „Kapitalismus pur“ steht. Sie meinen damit den milliardenschweren Fleischriesen Tönnies aus Nordrhein-Westfalen.

Brauchen die ehemaligen Beschäftigten bald Sozialleistungen?

Die zu Tönnies gehörende „Zur Mühlen Gruppe“ hatte 2023 das Traditionsunternehmen Eberswalder Wurstwerke aufgekauft. Man versprach Investitionen und eine Zukunft für den Standort – doch stattdessen wurden Maschinen und Belegschaft laut Gewerkschaft auf Verschleiß gefahren. Anfang Januar hieß es dann, dass Schluss ist, nach rund 50 Jahren Produktion. Die Marke „Eberswalder Würste“ soll nun woanders weiterproduziert werden. Die 500 Beschäftigten – gekündigt. Fehlende Profitabilität, sagt Tönnies. Marktbereinigung, sagt die NGG.

Damit nicht genug: Um Geld bei den Abfindungen zu sparen, nutzte Tönnies ein Schlupfloch im Betriebsverfassungsgesetz. Die Konzernleitung argumentierte, die Übernahme 2023 sei juristisch als „Neugründung“ zu werten. Sozialpläne seien deshalb nicht verpflichtend. Damit setzte der Konzern den Betriebsrat in den Verhandlungen unter Druck.

„Die Leute wurden mit mickrigsten Abfindungen auf die Straße gesetzt“, kritisiert NGG-Gewerkschaftssekretär Veit Groß. Gerade für Beschäftigte, die jetzt Ende 50, Anfang 60 sind, und keine durchgehend stabile Erwerbsbiografie haben, sei das ein harter Schlag. „Die Leute haben hier nie viel verdient“, sagt er. „Im schlimmsten Fall bedeutet das, dass sie nun dauerhaft auf Sozialleistungen angewiesen sind.“ Der Gewerkschafter fordert einen ausreichend großen Härtefallfonds. Auf der Kundgebung werden Unterschriften gesammelt, um die entlassenen Mitarbeiter zu unterstützen.

Gewerkschafter: „Ich nehme kein großes Interesse der Landespolitik wahr“

Die Stimmung in der Menge schwankt an diesem Samstag zwischen Trauer, Unverständnis und Wut. „Die Leute haben hier gerne gearbeitet“, berichtet eine Beschäftigte gegenüber anwesenden Journalisten. Ihr kommen die Tränen, ihre Stimme schlägt plötzlich um. „Ich finde, das alles scheiße“, sagt sie und blickt weg. Unweit von ihr steigen Rauchschwaden auf. Es werden Thüringer Bratwürste gegrillt – keine Eberswalder. „Das wäre respektlos gewesen“, sagt der Mann am Grill und dreht die Würste mit ernster Miene. Gewerkschafter Veit Groß sagt: „Man muss sich klarmachen, dass hier etwas Krasses passiert ist.“

Unter den Kundgebungsteilnehmern ist auch Brandenburgs SPD-Landwirtschaftsministerin Hanka Mittelstädt. Sie sagt, die Landesregierung habe mit den Eigentümern vergebliche Gespräche über eine Unterstützung geführt. Nun werbe man für Neuansiedlungen und Investitionen am Standort. Die Industrie- und Handelskammer unterstützt die Bemühungen der Landesregierung, und pocht auf das Markenrecht.

NGG-Gewerkschafter Veit Groß überzeugt das nicht. „Ich nehme bei der Landespolitik aktuell kein großes Interesse an Strukturpolitik in der Branche wahr.“ Er hofft, dass sich das mit Blick auf die Lebensmittelindustrie ändere – die Schließung der Eberswalder Wurstwerke sei für die Region fatal. Groß betont die Folgen von fehlenden Steuereinnahmen und wachsenden Arbeitslosigkeitszahlen. „Das haut richtig ins Kontor.“ Auch die Bundesregierung sieht man jedoch in der Pflicht. „Der Paragraf 12a des Betriebsverfassungsgesetzes ermöglicht es Konzernen, Sozialpläne zu umgehen“, kritisiert der Gewerkschafter. „Das Schlupfloch hat die Größe eines Scheunentors.“

Brutale Marktbereinigungen sind im Osten bekannt. Wie kommt man davon weg?

Was in Britz verhandelt wird, steht exemplarisch für eine größere Entwicklung. Brutale Marktbereinigungen sind seit den 1990ern in Ostdeutschland schmerzlich bekannt. Gleichzeitig wurde in den vergangenen Jahren im Ausland vielerorts ein stärkeres Eingreifen des Staates in die Wirtschaft sichtbar – aus purer Notwendigkeit, angesichts der sich zuspitzenden Krisen. In Deutschland hält man sich hier dagegen noch zurück und verweist auf die Kräfte des Marktes.

Was für Kritik sorgt: Die Gewerkschaft IG Metall hatte erst im September Politik und Wirtschaft aufgefordert, mit allen Mitteln eine zweite Deindustrialisierung in Ostdeutschland zu verhindern. In einer gemeinsamen Erklärung warnten die östlichen IG Metall-Bezirke vor erheblichen Gefahren für die Demokratie durch einen weiteren Abbau von Standorten. „Die traumatische Erfahrung der 1990er Jahre darf sich nicht wiederholen“, betonte ein IG Metall-Bezirksleiter. Auch die Linke fordert entsprechend eine aktive Industriepolitik für den Osten.

Strukturpolitik bedeutet mehr als bedingungslose Subventionen

Kritiker warnen jedoch: Wenn sich Strukturpolitik darin erschöpft, Subventionen ohne verbindliche Gegenleistungen zu vergeben, verliert sie Legitimation und Sinn. Tarifbindung, die Einhaltung ökologischer Standards und betriebliche Mitbestimmung sollten Grundvoraussetzungen für Förderung sein – und eine finanzielle Unterstützung in Krisenzeiten muss sich auch in veränderten Eigentumsverhältnissen niederschlagen.

Darüber hinaus scheint zu gelten: Sich von Großkonzernen unabhängiger zu machen und lokale Produktionskreisläufe zu stärken, scheint nicht nur angesichts der ostdeutschen Erfahrungen plausibel. „Was bei den Eberswalder Wurstwerken alles an Schicksalen, Identitäten und Werten dranhängt und vollkommen ignoriert wurde“, sagt Gewerkschafter Groß nachdenklich. „Wir sehen hier einfach eine Missachtung der Menschen auf dem Altar großer Profite.“

Als im brandenburgischen Golßen das Traditionsunternehmen „Spreewaldkonserve“ im vergangenen Jahr geschlossen wurde, forderte ein Anwohner aus der Stadt die Besetzung des Betriebes und die Fortführung unter Eigenregie der Belegschaft. Fehlendes Kapital und das große unternehmerische Risiko machten solche Gedanken für die Beschäftigten unrealistisch.

Weiterführung unter neuer Trägerschaft? Die Ausgangslage ist schlecht

Dennoch: Auch im Fall der Eberswalder Wurstwerke wäre es hoffnungsvoll, wenn es eine Initiative geben würde, um die Produktion unter kommunaler oder genossenschaftlicher Trägerschaft weiterzuführen. Die Ausgangslage scheint jedoch auch hier bereits zu verfahren. „Das Werk hat einen gigantischen Investitionsrückstand – der Milliardenkonzern von Tönnies hätte diesen heben können, aber ich habe den Eindruck, dass ihm eigentlich nur um die Marke ging“, sagt Veit Groß. „Die Chancen für den Erhalt des Betriebes sind nun leider verschwindend gering.“

Ende Februar soll nun die letzte Produktionslinie der Eberswalder Wurstwerke abgeschaltet werden – dann stehen die Maschinen endgültig still. Auf der Kundgebung in Britz werden bald wieder die Transparente eingerollt. Die Menge zerstreut sich, als es dunkel wird. „Man wollte hier sang- und klanglos das Kapital Eberswalder Würste beenden“, resümiert Gewerkschafter Veit Groß. „Ich bin zumindest froh, dass es diesen würdigen Abschluss gab.“ Ein Abschluss, der so nicht hätte sein müssen – und der in den aktuellen Zeiten politischer Unruhe mehr hinterlässt als leere Fabrikhallen.

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