Vier Tage dauert die Agonie. Vergessen von seiner Einheit, vegetiert ein schwerverwundeter Soldat am Rande eines Schlachtfeldes. Der Durst brennt quälend, nicht weniger der Schmerz in den zerschossenen Beinen. Vor seinen Augen verwest die Leiche des von ihm getöteten Gegners in der sommerlichen Gluthitze und verströmt unerträglichen Gestank. „Er hatte gar kein Gesicht mehr. Es hatte sich von den Knochen gelöst. Das schreckliche knöcherne Lachen, das ewige Lachen, erscheint mir so widerlich, so grauenerregend wie noch nie (. . .). Das ist der Krieg, dachte ich. Das ist sein Abbild.“ Der Protagonist dieser Geschichte ist russischer Soldat, sein Opfer ein Fellache im Dienst des Osmanischen Reiches. Beide kämpften im Russisch-Türkischen Krieg 1877/78 auf bulgarischem Boden für imperiale Interessen.
Wsewolod Garschin, Autor dieser Erzählung, ist heute weitgehend vergessen. In Charkiw trägt eine 180 Meter lange Straße unweit des Zentrums seinen Namen. Zuletzt sollte sie im Zuge der Derussifizierung des öffentlichen Lebens umbenannt werden und den Namen des ukrainischen Dichters und Theatermachers Miska Barbara bekommen. Glaubt man Google Maps, fiel die Wahl in diesem November aber auf eine andere Straße. In Odessa dagegen ist Garschin aus dem Stadtbild getilgt: Die nach ihm benannte Straße trägt jetzt den Namen der hierher stammenden französisch-jüdischen Künstlerin Sonia Delaunay. Und in Russland selbst? Dort stehen die Antikriegserzählungen des in der Ukraine geborenen russischsprachigen Schriftstellers gewiss nicht hoch im Kurs.
Eine verlorene Generation trägt seinen Namen
Wer war dieser Mann, bei dem Werk und Leben nur schwer zu trennen sind, dessen tragisches Schicksal einer verlorenen Generation den Namen gab, die, wie er selbst schrieb, in Jahren der Entwurzelung aufgewachsen war, den Sechzigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts. Freunde nannten Garschin einen „Hamlet seiner Zeit“. Der Maler Ilja Repin verewigte ihn 1884 in einem Porträt, das mit den Wirren des zwanzigsten Jahrhunderts in den Bestand des Metropolitan Museums in New York gelangt ist. Für Repins berühmtes Gemälde „Iwan der Schreckliche und sein Sohn“ diente das erlösergleiche Antlitz des jungen Schriftstellers als Modell für den im Jähzorn des Vaters ermordeten Zarewitsch.
Geboren 1855 in der Nähe des heutigen Bachmut, wuchs der Sohn eines von Tataren abstammenden Offiziers nach unsteten ersten Kindheitsjahren an der Seite des Vaters in prekären Verhältnissen bei der Mutter in Petersburg auf. Sie hatte ihren Mann nach einer Affäre mit dem Hauslehrer der Söhne, einem Revolutionär aus Charkiw, verlassen und brachte sich und die Kinder mehr recht als schlecht in der Hauptstadt mit Französischstunden durch. Der Weg zur Universität blieb Wseewolod Garschin versperrt, allein die neu gegründeten Berufsakademien, die der aufstrebenden Großmacht dringend benötigtes technisches Fachpersonal liefern sollten, boten eine Chance auf höhere Bildung.
Die literarische Bühne betrat Garschin in Zeiten großer Krisen. Hatte der verheerende Krimkrieg 1853 bis 1856 (der erste industriell geführte) trotz Niederlage Russlands noch in Bauernbefreiung und Innovationen wie dem Ausbau des Eisenbahnnetzes gemündet, brachte der 1877 unter dem Banner des Panslawismus begonnene Russisch-Türkische dem Zarenreich innenpolitische Desillusionierung, soziales Elend und wachsende Repressionen. Von der liberalen Oppositionsbewegung der Volkstümler spaltete sich der terroristische Zweig der „Narodnaja Wolja“ ab. Zahlreiche Anschläge gipfelten 1881 im Mord an Zar Alexander II. Dessen Sohn und Nachfolger Alexander III. regierte anders als der Reformen aufgeschlossenere Vater mit drakonischer Hand, wobei ihn die neu gegründete Geheimpolizei Ochrona unterstützte.
Eine Antikriegserzählung machte ihn 1877 berühmt
Auch literarisch waren es Jahre des Umbruchs. Dostojewski und Turgenjew starben 1881 und 1883, Tolstoi steckte in einer Sinn– und Schaffenskrise und hatte sich vom Schreiben abgewandt. Eine junge Generation von Autoren und neue ästhetische Formen begannen sich erst zu etablieren. Wsewolod Garschin wurde zu einem ihrer Wegbereiter.
Anders als Tolstois Graf Bolkonski, der nach der Schlacht von Austerlitz trotz schwerer Verwundung philosophierend in einen ‚hohen, unendlichen Himmel‘ blickt, kriecht bei Garschin Soldat mit dem Allerweltsnamen Iwanow in elendem Überlebenskampf bäuchlings durchs Gestrüpp, um an die letzten Tropfen aus der Wasserflasche eines toten Widersachers zu gelangen. In einem von Schmerz und Ohnmacht unterbrochenem Bewusstseinsstrom sinniert er über das Unmenschliche des Kriegs, verlogenes Heldentum und die Sinnlosigkeit des Mordens.
Das Erscheinen der Erzählung „Vier Tage“ im Oktoberheft der renommierten Literaturzeitschrift „Vaterländische Notizen“ 1877 war eine Sensation. Den damals zweiundzwanzigjährigen Studenten machte sie über Nacht berühmt. Im April, zwei Tage nach Kriegsbeginn, hatte er sich freiwillig an die Front gemeldet, um an der Seite der zwangsrekrutierten Bauern zu kämpfen. Sein „Gang ins Volk“, inspiriert von den Revolutionären jener Jahre, mündete in radikaler Geißelung des Krieges, in dem Russland seine Söhne auf fernen Schlachtfeldern verheizte. „90 Tausend Tote und Krüppel, Fünfhunderttausend Rubel Schulden, das ist es, was der Krieg uns bisher brachte. Und es wird noch einiges hinzukommen“, schrieb er nach seiner Rückkehr als Verwundeter bitter an die Mutter.
Seine Literatur wurde aus den Bibliotheken entfernt
In einer anderen Erzählung zieht ein junger Mann, angestachelt vom bigotten Patriotismus seiner Verlobten, in ebendiesen Krieg, nur um nach der Heimkehr als Invalide zusehen zu müssen, wie sie einem anderen ihr Jawort gibt. In der Erzählung „Der Feigling“ hofft ein Medizinstudent auf die Einberufung zum Landsturm, um dem Fronteinsatz zu entgehen, bis ihm das Schicksal Zehntausender Kriegsopfer keine Ruhe mehr lässt. Während er einen an Gangräne erkrankten Kommilitonen pflegt, reift der Entschluss, in den Krieg zu ziehen, um nicht als Feigling zu gelten. Beide sterben, der eine durch medizinische Schlamperei, der andere als Opfer von Großmachtphantasien.
Garschins Kriegserzählungen wurden schon nach kurzer Zeit wieder aus den Bibliotheken entfernt, galten sie doch als unpatriotisch und pazifistisch. Nach seiner Rückkehr von der Front litt er immer wieder an einem ererbten manisch-depressiven Leiden, sah sich zerrissen zwischen der Gewalt der autokratischen Regierung und dem eskalierenden Terror seitens der Oppositionellen. Zwar bewunderte er deren Donquichotterie, ihr heroisches und oft in Tod oder Verbannung endendes Märtyrertum, den Erfolgsaussichten stand er hingegen skeptisch gegenüber.
In der Erzählung „Attalea Princeps“ wächst eine exotische Palme im Streben nach Freiheit dem Glasdach ihres gefängnisartigen Gewächshauses entgegen. Als sie es schließlich durchbricht, wird sie vom elenden Tristgrau des russischen Winters überrascht und erfriert gemeinsam mit einem unscheinbaren Gewächs, das sich bewundernd an den Stamm der Exotin gekettet hatte. Michail Saltykow-Schtschedrin, Herausgeber der liberalen Zeitschrift „Vaterländischen Notizen“, lehnte eine Veröffentlichung mit dem Verweis auf den fatalistischen Tenor ab. Der Text erschien Anfang 1880 andernorts und muss wie das düstere Final zum politischen Geschehen der kommenden Monate und Jahre geklungen haben. Ein gescheitertes Attentat auf die Zarenfamilie im Winterpalais und eines auf den späteren Innenminister Michail Loris-Melikow hatten die Stimmung aufgeheizt. Verzweifelt sprach der Kriegsveteran und Schriftsteller Garschin mitten in der Nacht bei Loris-Melikow vor und bat um Gnade für den wegen des Attentats verurteilten Terroristen, einen zum Christentum konvertierten polnischen Juden, der aber kurz darauf in einem öffentlichen Spektakel hingerichtet wurde.
Garschin endete in der Nervenheilanstalt
Davon aufgewühlt, reiste Garschin zunächst nach Moskau und von dort gen Süden, um den Mann zu treffen, dessen Werk er bewunderte und in dem er einen Seelenverwandten vermutete: Unangemeldet erschien er am 16. März 1880 auf dem Landsitz Leo Tolstois, erbat spöttisch Wodka und Hering, nicht ahnend, dass der Verfasser von „Krieg und Frieden“ das Schaffen des literarischen Neulings aufmerksam verfolgt hatte. Im beider nächtlichem Gespräch ging es nicht nur um die Unbill der russischen Gesellschaft, um Überlegungen zum „universellen Glück“, dem Kampf gegen das Böse mittels Vergebung und einer Abkehr von Gewalt, sondern auch um ein großes Projekt des jungen Autors mit dem Titel „Menschen und Krieg“, das so jedoch nie vollenden werden sollte.
Vom Gut Tolstois aus begann Garschins Irrfahrt durch mehrere Gouvernements, zunächst mit dem Ziel, für sein Projekt bei einer Kosakeneinheit zu recherchieren. Doch getrieben vom Ausbruch eines manischen Schubs, predigte Garschin auf einem gestohlenen Pferd vor erstaunten Bauern, erfand eigentümliche Maschinen, war rastlos bis zum völligen Zusammenbruch. Sein Bruder Ewgenij ließ ihn schließlich in die selbst für damalige Verhältnisse schauerliche Nervenheilanstalt Saburowa Datscha in Charkiw einweisen. Ironischerweise hatte Garschin diese Einrichtung im Jahr zuvor aus Interesse an psychiatrischen Krankheiten besucht; nun war er selbst für Monate darin gefangen. Fast zwei Jahre nahm dann die Rekonvaleszenz in Anspruch, die meiste Zeit davon verbrachte er in der Nähe von Cherson auf dem Gut eines Onkels.
Aus dem literarischen Kriegsprojekt sollten am Ende nur Fragmente erscheinen: Erzählungen wie „Der Bursche und der Offizier“ oder „Aus den Erinnerungen des Gemeinen Iwanow“. Es sind Charakterstudien in Kriegs– und Friedensszenarien, über geschundene Soldaten und gewaltverliebte Offiziere. Anders als im Mikrokosmos der Erzählung „Vier Tage“ tritt nun die Macht der Masse ins Zentrum: „Ich fühlte, dass dieser Masse nichts unmöglich sei, dass der Strom, in dem ich weitertrieb und von dem ich ein Teil war, keine Hindernisse kennen konnte, dass er alles zerbrechen, alles umwälzen und alles zerstören würde.“
Er stürzte sich in den Treppenschacht
Jenseits der Kriegsthematik hinterließ Garschin vor allem mit seiner Erzählung „Die Rote Blume“ (1883) Spuren in der Literaturgeschichte. Sie ist Iwan Turgenjew gewidmet und ein Meisterwerk moderner symbolisch-surrealer Eskalationsprosa. Darin verarbeitete Garschin seine Erfahrungen aus der Psychiatrie, über die er später aussagte: „Hätte es eine Wahl zwischen Krankenhaus und Zwangsarbeit gegeben, ich hätte die Zwangsarbeit gewählt.“ In der Erzählung will ein sich seiner Psychose durchaus bewusster Patient in drei roten Blumen im Klinikgarten das Böse der Welt erkennen. In ihrer Vernichtung findet er Erlösung und den Tod.
Garschin experimentierte danach mit Erzählperspektiven und Formen, schrieb kurze Novellen, Gedichte in Prosa, Märchen und Ausstellungsrezensionen. Er suchte nach neuen Ausdrucksmitteln für eine sich dramatisch verändernde Gesellschaft. Prostitution, soziale Isolation, die Rolle und Verantwortung der Kunst sind seine Themen. Auch dem Gemeinen Iwanow begegnet der Leser noch einmal: in der Erzählung „Das Signal“ (1887). Jetzt ist dieser Iwanow ein „kränklicher, vom Unglück hart mitgenommener“ ehemaliger Offiziersbursche, der als Bahnwärter sein Brot verdient. Als er bemerkt, wie ein Kollege aus Wut über ausbleibende Zahlungen der Bahngesellschaft eine Zugentgleisung plant, will er das Unglück unter Einsatz seines Lebens verhindern.
Die finanziellen und politischen Zwänge waren immens – trotz literarischem Erfolg arbeitete Garschin bis 1887 für die Eisenbahngesellschaft. 1884 wurde sein wichtigstes Forum, die „Vaterländischen Notizen“, von der Zensur verboten, die Krankheit nagte an den Kräften des Schriftstellers. Unmittelbar vor einer zur Erholung geplanten Reise in den Kaukasus stürzte sich Garschin am 19. März 1888 in den Treppenschacht seines Wohnhauses in Petersburg und erlag wenige Tage später seinen Verletzungen. Noch am Abend zuvor hatte er Freunden begeistert aus dem Text eines neuen literarischen Talents vorgelesen: Tschechows „Die Steppe“, einer Reiseerzählung durch den damaligen Donbass, dem auch Garschin entstammte. Es ist jener Landstrich, der heute von russischen Gleitbomben und Raketen im Namen panslawischer Hirngespinste und Großmachtphantasien in Schutt und Asche gelegt wird.
Neuere deutsche Ausgaben von Wsewolod Garschins gibt es leider nicht. Am vollständigsten ist noch der 1956 in der Dieterisch’schen Verlagsbuchhandlung in Leipzig erschienene Sammelband „Alle Bitternis der Welt“. 1989 erschien im Insel Verlag „Die rote Blume“.
Source: faz.net