Schafwolle gehört zu den ältesten verarbeiteten nachwachsenden Rohstoffen, schreibt die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR). Im Mittelalter war Wolle eine der wichtigsten Faserquellen für Bekleidung. Allerdings ist laut FNR die Nachfrage, Verarbeitung und Erzeugung von Schafschurwolle aus Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten stark zurückgegangen. Es mangle an Nachwuchs in der Schafhaltung; die Branche kämpfe mit niedrigen Erlösen und einer schwachen Nachfrage wegen schlechter Vernetzung.
Während weite Teile der Textilindustrie auf importierte und chemisch behandelte Wolle aus Australien und Neuseeland setzen, geht Friederike Feld mit nachhaltig hergestellter Wolle, die ihr Düsseldorfer Unternehmen rh:ool Yarn verkauft, einen ganz anderen Weg. Nach ihrem abgeschlossenen Mathematikstudium arbeitete die Siebenundvierzigjährige zunächst in einem Konzern und anschließend als Agile Coach in einem mittelständischen Unternehmen.
Seit ihrer Kindheit liebt sie das Handarbeiten. „Ich stricke eigentlich jeden Tag“, sagt Feld. So beschäftigte man sich „zwangsläufig auch mit dem Material“. 2019 fragte sie sich, was mit der Wolle der Schafe, die auf den Düsseldorfer Rheinwiesen weiden, passiert, und telefonierte mit einem Schäfer.
Die Schafe gehörten Albert Görsmeyer, der dort Schäfer in der dritten Generation sei und rund 800 Schafe hüte, erzählt Feld. Seit etwa 100 Jahren befänden sich die Schafe auf den Düsseldorfer Rheinwiesen „und betreiben dort Landschaftspflege und Deichschutz“. Sie sind zentraler Bestandteil der Rheinwiesen-Beweidung, indem sie den Deich festtreten, das Gras kurz halten, den Boden düngen und dafür sorgen, dass die Landschaft nicht verbuscht, wie Feld erklärt. 2021 meldete Feld ein Nebengewerbe an, im vergangenen November dann ein Hauptgewerbe.
Mit dem Schäfer vereinbarte sie damals die Abnahme von rund 300 Kilogramm der unbeliebten schwarzen Wolle zu einem „fairen Preis“, der die Schurkosten deckte. Die dunkle Wolle verunreinige die weiße Wolle farblich, erklärt Feld. Deshalb wird sie in der Regel aussortiert. Feld erfuhr, dass Schafschurwolle normalerweise für lediglich zehn Cent je Kilogramm an Großhändler verkauft wird, was weniger als die Schurkosten sind, bevor sie in China weiterverarbeitet wird.
Für die Garnherstellung muss die Wolle vorsortiert, gewaschen und versponnen werden. Herausforderungen ergaben sich bei der Vorsortierung der rund 300 Kilogramm Rohwolle. Und es war schwierig, „jemanden zu finden, der eine solche kleine Menge verarbeitete“. Viele Spinnereien in Deutschland seien zudem spezialisiert und könnten die gemischte Wolle von verschiedenen Schafrassen kaum verarbeiten.
Nichts für empfindliche Haut
Zunächst sortierte Feld die Wolle selbst aus. Nun tut das ein Spediteur in Bremen, der als Hauptgeschäft den Transport von Wolle und deren Zwischenlagerung anbietet. Die Suche nach einer Wollwäscherei war schwierig. Aus Mangel an Betrieben in Deutschland bringt man die Wolle nach Belgien und vermeidet so eine Wartezeit von bis zu acht Monaten. Versponnen und gefärbt wird die Wolle von der Wagenfelder Spinnereien GmbH, wo sie auch gelagert wird. „Und dann kommt sie bei mir in den Onlineshop, oder ich stehe auf einem Wollfest“, sagt Feld. An Handfärberinnen, die dann „auf der Wolle färben“, wird ebenfalls verkauft.
Ihre Wolle sei nichts für Menschen mit empfindlicher Haut. Deutsche Wolle werde nicht mehr auf Wollfeinheit gezüchtet, da sich dies für die Schäfer nicht lohne. Im kälteren deutschen Klima entstehe keine feine weiche Wolle wie in Australien und Südafrika. Ihre Produkte sprächen Menschen, die an industriell verarbeitete und besonders weiche Wolle gewöhnt seien, nicht an. „Es ist schon spezielles Garn.“
2023 belief sich Felds Umsatz nach eigenen Angaben auf rund 20.000 Euro. Für diese Saison erwartet sie einen höheren Umsatz. Kürzlich bekam sie einen Gründungszuschuss der Bundesagentur für Arbeit. Bisher lebe sie noch von Arbeitslosengeld 1 und Ersparnissen. Dieses Jahr fällt Feld aus der Kleinunternehmerregelung, da ihr Umsatz über 25.000 Euro liegt. Sie beschäftige keine Mitarbeiter, erhalte aber „wahnsinnig viel Hilfe von Freundinnen und meinem Mann“.
An Wolle schätzt Feld ihre wärmenden Eigenschaften. Und sie müsse nicht gewaschen werden, denn sie biete Schweißbakterien keinen Nährboden und entwickle keinen unangenehmen Geruch. Es reiche, Wollkleidung regelmäßig zu lüften.
Ein großer Teil der Wolle auf dem Markt werde stark behandelt, etwa um weicher zu werden und in der Maschine gewaschen werden zu können, sagt Feld. Und: „Alles, was nicht superweiß ist, wird, aussortiert.“ Dabei sei Wolle ein Naturprodukt und unterliege natürlichen Schwankungen durch Einflüsse wie dem Standort der Schafherde, den Wetterbedingungen, ob Tiere trächtig seien.
Etwa drei Tonnen Wolle kauft Feld den Schäfern im Jahr ab. Einmal im Jahr werden die Schafe geschoren, „üblicherweise im Frühjahr“. Zurzeit kooperiert Feld mit zwei Rheinschäfern, ein dritter soll hinzukommen. Je Kilogramm sortierte Wolle zahlt sie rund einen Euro. Ein Großteil der Wolle stammt von Rhönschafen und Coburger Fuchsschafen. Hinzu kommen andere Rassen, es entstehe jedes Mal ein „unique blend“. Verkauft wird die Wolle in Jahrgängen, ähnlich wie Wein. Die Preise je Knäuel liegen etwa zwischen zehn und 26 Euro. Das Gewicht der Knäuel variiert von 100 bis 250 Gramm.
Inzwischen erhält Feld auch die Wolle der Kölner Rheinschafe. Sie gehören Ingolf Bollenbach und pflegen den äußeren Grüngürtel am Decksteiner Weiher. Seit 1999 stehen Schafe schon auf dem Gebiet, für das der frühere Bundeskanzler Konrad Adenauer ein Bauverbot erließ. Nach Angaben der Bürgerinitiative „Grüngürtel für alle“ ist Bollenbach der letzte Schäfer Kölns und der äußere Grüngürtel von Ausbauplänen des 1. FC Köln bedroht.
Mirja Kreuziger, die an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach Digitales Textildesign lehrt, berichtet von einem Anstieg handarbeitsbegeisterter Studierender im Bereich des Mode- und Textildesigns – und einem hohen Interesse am Thema Nachhaltigkeit. Die Studierenden forderten das Thema in der Lehre ein. Kreuziger ist begeistert von rh:ool Yarn. Man müsse sich keine Sorgen ums Tierwohl machen, das Garn sei widerstandsfähig, griffig und etwas robuster. Ihr gefällt der „Charakter“ der Wolle. Stricken an sich sei schon eine aktive Entscheidung gegen Fast Fashion.
Der Artikel stammt aus „Jugend und Wirtschaft“ – ein Schulprojekt der FAZIT-Stiftung mit Unterstützung der Brost-Stiftung.