Wohnungsnot in Italien: Roms Rückeroberung

In Rom fliegen die Münzen jetzt aus der Ferne. Seit zwei Monaten kostet der Zugang zum Wasserbecken des legendären Trevi-Brunnens eine Eintrittsgebühr von zwei Euro. Da die Gebühr aber nur für die Stufen direkt am Brunnen gilt, machen sich nicht wenige einen Spaß daraus, die Münzen über die Köpfe der braven Eintrittszahler hinweg Richtung Wasserbecken zu werfen. Nach 22 Uhr ist der Eintritt weiterhin frei, sodass ein mitternächtliches Brunnenbad à la Anita Ekberg nach wie vor zwar verboten, aber jedermann möglich wäre – wobei sich die Frage stellt, ob die allgegenwärtigen Überwachungskameras die erotisierte Stimmung eintrüben oder steigern würden. Für Römer, die sich als Bürger der Stadt ausweisen können, bleibt der Zugang im Übrigen kostenlos. Man fragt sich, ob die Einräumung dieses Privilegs die SPQR-Identität wirklich stärken wird.

Stoppt die Zwangsräumungen

Das Potential ihrer Sehenswürdigkeiten haben einige Römer unlängst in anderer Weise für sich entdeckt. Beispiel Kolosseum. Aus der von den vielen Selfies müde gewordenen Touristenmasse lösten sich da einige virile Gestalten und sprangen auf ein Baugerüst vor dem Palazzo Rivaldi, einem Renaissance-Prachtbau, der nach vierzig Jahren Leerstand gerade renoviert wird, um ein weiterer touristischer Anziehungspunkt zu werden. Mit Leuchtfeuern und Megafonen ausgerüstet, kletterten die Protestierenden das Gerüst empor und enthüllten unter den Augen der plötzlich wachen Touristenschar ihre Banner, die auf die Wohnungsnot in der Stadt hinwiesen: „All we need is home“ stand da, „Stoppt die Zwangsräumungen“ wurde skandiert. Es dauerte nicht lang, und es fuhr ein Mannschaftswagen der Polizei vor, aus dem mit Schlagstöcken bewaffnete Einsatzkräfte heraussprangen und sich vor dem Gerüst in Stellung brachten.

Allianz der Kleinbürger

Wenig später traf eine weitere Protestgruppe ein, die ihre Genossen auf dem Gerüst von unten lautstark unterstützten. Man konnte dem Einsatzleiter, einem gut gekleideten Herrn mit E-Zigarette, die Unentschlossenheit über das weitere Vorgehen ansehen: Sollte er die Räumung befehlen und die Demonstranten vor den Augen der Weltöffentlichkeit herunterprügeln lassen? Lieber nicht. Also bewachten die Polizisten die Demonstranten und setzten damit ironisch ins Bild, was Pier Paolo Pasolini in seinem berühmten Text „Die KPI an die Jugendlichen“ aus dem Jahr 1968 angedeutet hatte: dass es eigentlich eine klassenkämpferische Verbindung zwischen den linken Protestierenden und den aus armen Verhältnissen stammenden Polizisten gebe, eine Allianz der Kleinbürger, die in Besitzfragen und Ideologie denselben Klassenstandpunkt hätten.

Im Rom des Jahres 2026 war allerdings nicht die Klasse, sondern die mediale Macht der hundert gezückten Smartphones das entscheidende Argument: Gegen sie konnten auch hundert Schlagstöcke nichts ausrichten. Und so scheinen die Römer sich ihre bürgerschaftliche Souveränität tatsächlich durch den Besuch ihrer Sehenswürdigkeiten zurückzuerobern – nur etwas anders, als sich die Stadtoffiziellen das vorgestellt haben.

Source: faz.net