Wohnraumknappheit: Die britische Labour-Regierung will ganze Städte neu zusammensetzen

Um die Wohnungsnot zu lindern, will die britische Labour-Regierung die Bautätigkeit durch die Errichtung neuer Städte beschleunigen. Sie hat nun sieben Standorte für neue Siedlungen ausgewählt, wo mindestens 10.000 bis 40.000 Wohneinheiten entstehen könnten. Premierminister Keir Starmer will damit an Programme von Labour-Regierungen der Nachkriegszeit anschließen.

Steve Reed, der Minister für Wohnungswesen und Gemeinden, sprach vom „ehrgeizigsten Wohnungsbauprogramm seit mehr als einem halben Jahrhundert“. Zudem soll eine neue staatliche National Housing Bank den Bau einer halben Million Wohnungen unterstützen.

In vielen Städten und Regionen des Königreichs herrscht Wohnraumknappheit. Die Folge sind stark gestiegene Preise und Mieten. Der Häuser- und Wohnungsbau hinkt seit Jahren der Nachfrage der Bevölkerung hinterher. Diese ist im vergangenen Vierteljahrhundert vor allem durch Immigration um fast zehn Millionen gewachsen.

1,5 Millionen neue Wohnungen versprochen

Starmers Labour-Regierung hat versprochen, dass in den fünf Jahren dieser Legislaturperiode bis 2029 anderthalb Millionen Häuser und Wohnungen neu gebaut werden. Doch bestehen erhebliche Zweifel, ob dieses Ziel erreicht wird. Der bisherige Wohnungsbau seit Labours Regierungsantritt Mitte 2024 blieb deutlich hinter den Zielen zurück. Im ersten Jahr wurden nur gut 200.000 Wohnungen neu gebaut. Auch die offiziellen Prognosen des unabhängigen Amts für Budgetverantwortung OBR gehen von niedrigeren Neubauzahlen aus.

Mit den jetzt präsentierten sieben Standorten für neue Städte oder Stadtviertel will Labour die Bemühungen symbolträchtig unterstreichen. Die Bauarbeiten sollen vor 2029 begonnen werden. Zu den ausgewählten Standorten zählen ein neues Stadtviertel im nordenglischen Leeds mit 20.000 Wohnungen, eine neue Kleinstadt im Großraum Manchester mit 15.000 Wohnungen und ein größerer Ort in der Grafschaft Bedfordshire etwa eine Autostunde nördlich von London, wo Häuser mit 40.000 Wohnungen gebaut werden sollen. In der Hauptstadt selbst sollen in der südöstlichen Gegend Greenwich sowie im Norden in Enfield zusätzliche Viertel entstehen.

Auch in der Sechziger- und Siebzigerjahre-Stadt Milton Keynes nördlich von London wird ein Neubauviertel anvisiert. „Die Menschen wünschen sich echte Veränderungen – bezahlbaren Wohnraum, eine funktionierende lokale Infrastruktur und gute Arbeitsplätze in lebendigen Gemeinden“, sagte Wohnungsbauminister Reed. „Unsere nächste Generation von neuen Städten markiert einen Wendepunkt in der Art und Weise, wie wir für die Zukunft bauen.“

Die Labourpartei hatte 2023 sogar von gut einem Dutzend neuer Städte gesprochen. Allerdings wurden sechs potentielle Neugründungen wieder „depriorisiert“, also faktisch aufgegeben, nachdem es regionalen Widerstand gegen die Großvorhaben gab. Etwa in der Grafschaft Cheshire in Nordwest-England erhoben Anwohner heftige Proteste.

Die „hässlichste Stadt Englands“

Mit den Stadtneugründungen der Nachkriegszeit hat das Land gemischte Erfahrungen gemacht. Milton Keynes, deren Grundstein in der Zeit der Labour-Regierung von Harold Wilson 1967 neben einem älteren Ort gelegt wurde, sollte Entlastung für die Hauptstadt schaffen. Die auf dem Reißbrett entworfene Pendlerstadt gilt vielen Kritikern aber bis heute als „seelenlose“ Betonwüste, dominiert von breiten Fahrstraßen, riesigen Kreisverkehren und Wohnblöcken ohne echtes städtisches Leben. Die Neubaustadt Hemel Hempstead, errichtet 1946 von der sozialistischen Attlee-Regierung, wurde vor ein paar Jahren in einem Wettbewerb zur „hässlichsten Stadt Englands“ gewählt.

König Charles engagiert sich seit Jahren als Förderer eines besseren, menschengerechteren Bauens, orientiert an klassischen Architekturformen und Proportionen. Seit den Neunzigerjahren hat Charles auf seinem Pachtland zusammen mit dem inzwischen verstorbenen luxemburgischen Städteplaner und Architekten Léon Krier die Modellsiedlung Poundbury bauen lassen. Premierminister Starmer erklärte, er wolle, dass die neuen Städte nach dem Vorbild von Poundbury in Dorset gestaltet werden. Nach einem Besuch der Wohnsiedlung Nansledan des Königs in Cornwall sagte Starmer, er wolle „schöne Gemeinschaften“ schaffen.

40 Prozent der Neubauten sollen für bezahlbaren Wohnraum reserviert sein, die Hälfte davon Sozialwohnungen. Bauminister Reed betonte auch, dass bei der Planung Verkehrsverbindungen und Grünflächen mitbedacht werden.

Finanzministerin Rachel Reeves setzt für mehr Wirtschaftswachstum auf gelockerte Bauplanungsregeln. Das strikte Planungsrecht mit vielen Einspruchsmöglichkeiten für Anwohner und Gemeinderäte gilt als entscheidende Bremse für den Neubau. Aber auch gestiegene Kosten und höhere Zinsen haben Immobilienentwickler entmutigt. Um die Großstädte herum gelten sehr restriktive Vorgaben in den sogenannten „Grünen Gürteln“.

Reed nannte als sein – von Donald Trump abgewandeltes – Motto: „Bau, Baby, bau.“ Die tatsächliche Lage hat sich indes derzeit verdüstert. Laut Branchenanalyst Glenigan fiel die Bautätigkeit in den Monaten Dezember bis Februar um rund ein Drittel. Belastet haben die weltwirtschaftlichen Unsicherheiten. Viele Entwickler klagen aber auch über die hohen Kosten und die Vorgaben für bezahlbaren Wohnraum mit regulierten Mieten.

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