Wo die großen Vögel im Winter grübeln – Schneesafari durch die Hohen Tauern

Im Hochgebirge der Hohen Tauern kann man die „Big Five“ der Alpen sehen: Steinadler, Bartgeier, Steinbock, Gämse und Murmeltier. Die Angewohnheiten der teils seltenen Bergtiere sind mitunter erstaunlich.

Schwuppdiwupp, schon baut Ranger Christian Steiner das mitgeschleppte Fernrohr auf, stellt scharf und sagt: „Gämsen! Gleich vier Exemplare!“ Nacheinander linst Steiners Besuchergruppe, die er durch den südöstlichen Teil des Nationalparks Hohe Tauern führt, durchs Glas.

Tatsächlich tummeln sich die Tiere an einem steilen Hang, den sogenannten Tauernmähdern. „Sie äsen gerade, also fressen. Das Gelände ist vom Wind schneefrei geblasen und damit ideal. Das Gras liegt offen, sie brauchen weniger Energie, um Futter zu finden.“

Gämsen zu sehen, ist keine Seltenheit im Nationalpark Hohe Tauern. Er wurde 1981 als erster überhaupt in Österreich eingerichtet, ist mit rund 1800 Quadratkilometern der größte der Alpenrepublik und verteilt sich auf die Bundesländer Salzburg, Tirol und Kärnten.

Mit seinen alpinen „Big Five“ ist der Nationalpark ein Hotspot für Tierbeobachter, ideal für eine Wintersafari. Als Big Five gelten hier Steinadler, Bartgeier, Steinbock, Gämse und Murmeltier. Letzteres sieht man freilich im Winter nie – sie verziehen sich zum Winterschlaf in ihre unterirdischen Bauten.

Alle anderen kann man mit Glück auf einer geführten Tour entdecken, wenn nicht gerade ein Schneesturm die Sicht versperrt. An diesem Wintertag aber könnte das Wetter im hochalpinen Mallnitzer Tauerntal nicht besser sein: Es ist eisig kalt, die Sonne scheint, der Schnee glitzert, an den Bäumen hängen Eisnadeln.

Pirsch ohne schlechtes Gewissen

Beim Start an einem Parkplatz auf rund 1600 Metern hatte Ranger Steiner Schneeschuhe und Ferngläser verteilt. Auf dieser Schneeschuhtour wird er Wildtiere zeigen – sofern sie sich zeigen. Es soll aber nicht nur darum gehen, Wildtiere zu entdecken, sagt Steiner, sondern auch um die Frage, ob die Tiere im Winter im Nationalpark nicht dringend Ruhe benötigen. Schließlich steht bereits direkt am Parkplatz ein Schild mit der Aufschrift „Winterruhezone“. Und da geht die Tour jetzt durch? Darf man das? Steiner winkt ab: „Wir gehen nicht durch, sondern nur am Rand entlang und entfernen uns bald weiter von der Ruhezone.“

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Stören menschliche Besucher die Gämsen dort drüben denn nicht, will einer aus der Gruppe wissen. „Nein“, sagt Steiner. „Wir sind ungefähr 300 Meter weg. Und das ist ihre Fluchtdistanz, sprich: Die Gämsen nehmen uns wahr, aber wir können uns auf diese Entfernung nähern, ohne sie aufzuscheuchen.“

Diese Tour verlaufe zudem entlang einer Ski- und Schneeschuhroute, da brauche man kein schlechtes Gewissen zu haben: „Das sind die Tiere gewohnt; im Sommer wie im Winter ist da einiges los.“

Aber sobald man sich einen Meter von der gewohnten Route wegbewege, „fangen die an, nervös zu werden“. Eine eventuelle Flucht gelte es unbedingt zu vermeiden, denn die würde die Tiere im Winter viel Energie kosten. „Wir bewegen uns im Wohnzimmer der Tiere, das sollten wir hier stets im Bewusstsein haben.“

Auf einer freien Fläche ziehen sich viele Tierspuren durch den Schnee. Steiner fragt, was da alles zu sehen sei: Hase? Ja! Vielleicht ein Reh? Möglich – es könne aber auch ein Steinbock gewesen sein, erklärt Steiner, da die Spuren ziemlich tief seien und es ein schweres Tier gewesen sein müsse.

Da bewegt sich plötzlich etwas

Steiner stellt wieder sein Fernrohr auf, sucht eine Felswand ab, vor der manchmal Steinböcke zu sehen sind. Aber von den gut 1100 Steinböcken im Park will sich heute einfach keiner zeigen. Dieses Bergwild wurde in den 1960er-Jahren im Nationalpark wieder angesiedelt.

Weiter unten bewegt sich plötzlich etwas! Der Blick durchs Fernrohr offenbart allerdings bunte Kleidung. Steiner ist beruhigt. Es sind Skitourengeher, die seien sehr diszipliniert. Noch vor zehn Jahren sei der Unmut vieler Wintersportler groß gewesen, doch Naturschutz habe nun mal mit Einschränkungen zu tun.

Wenn man Schutzzonen einrichte, beschwerten sich immer irgendwelche Wintergäste, dass „ausgerechnet die besten Abfahrten jetzt weg seien“. Aber durch jahrelange Aufklärung werde das Thema Tierschutz inzwischen gut angenommen.

Also keine Steinböcke heute. Schade. Doch so ist das eben auf einer Safari: Es gibt keine Sichtungsgarantie. Enttäuschung kommt trotzdem nicht auf, denn Wintergenuss gibt es genug – die klare Luft, die hohen Berge mit ihren Schneehauben, die Stille. Man stapft entspannt vor sich hin, gewinnt an Höhe, der Blick schweift, vielleicht entdeckt man ja etwas, bevor der Ranger es sieht. Eine Hoffnung, die sich auf dieser Safari allerdings nicht erfüllt.

Plötzlich stutzt Steiner, schaut durchs Fernglas. Zu den Gämsen haben sich soeben ein paar Rehe gesellt. Was zunächst unspektakulär klingt, ist eine Besonderheit des Nationalparks, denn normalerweise leben Rehe in tieferen Gefilden. Doch hier sind sie auf gut 2000 Meter Höhe unterwegs und verbringen den Winter in extremer Höhe.

Charlie und Felix brüten gerade

Immer wieder schaut Steiner auf der Tour in den blauen Himmel. Sucht er vielleicht Adler? „Nein, Bartgeier“. Diese Vögel sind die Protagonisten einer der schönsten Geschichten rund um den Nationalpark. Vor gut 40 Jahren wurden hier die ersten Bartgeier wieder angesiedelt. 2018 wurde das Projekt eingestellt – wegen des Erfolges. Die Bartgeier vermehren sich nun ohne Hilfe, auch im Mallnitzer Seebachtal. „Hier brüten jetzt gerade die Charlie und der Felix“, sagt Steiner.

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Wie das? Ausgerechnet im tiefsten Winter brüten Bartgeier? Das habe die Natur gut eingerichtet, erklärt Steiner. Denn wenn die Jungvögel schlüpften, im März, „brauchen die gleich ein wenig Fleisch“. Und im März gingen dank der intensiven Sonne immer wieder Lawinen ab, die auch Tiere mit sich rissen – einfache Beute für Bartgeier-Eltern.

Zudem sei das Winterende eine Notzeit für Wildtiere, „schwache und kranke Exemplare sterben und werden dann von den Bartgeiern, den Steinadlern und den Füchsen weiterverwertet.“ Das Nahrungsangebot für Aasfresser sei also gerade im Frühjahr sehr groß.

Das mit Charlie und Felix sei eine „nette Liebesgeschichte“: Denn im Mallnitzer Seebachtal waren zuletzt zwei junge Bartgeier freigelassen worden. „Diese Bartgeier waren noch nicht flügge, da mussten wir zufüttern. An bestimmten Stellen legten wir Futter aus“, sagt Steiner. Felix habe das entdeckt und den Jungvögeln das Fliegen zu diesen Fütterungsstellen beigebracht. „Das hat wiederum die Charlie aus dem Salzburger Anlauftal beobachtet – und ihn als vielversprechenden Partner auserkoren. Seit Ende 2018 fliegen Charlie und Felix nun schon gemeinsam, „und haben bereits zwei Jungvögel erfolgreich aufgezogen“.

Nach dieser tierischen Liebesgeschichte wandert der Blick aller Teilnehmer immer wieder in das Blau des Himmels. Leider vergebens. Steiner empfiehlt ersatzweise den Besuch des Nationalpark-Infozentrums, dort sind die Bartgeier zumindest präpariert zu sehen. Oder man macht am nächsten Tag eine weitere Wanderung – durch das Seebachtal, wo die verliebten Bartgeier gerade brüten.

Tipps und Informationen:

Wie kommt man hin? Mit dem Zug über München und Salzburg nach Mallnitz-Obervellach. Autofahrer nehmen ab Salzburg die Tauernautobahn (A10) bis zur Abfahrt Lendorf/Spittal. Alternativ kann die Autoschleuse Tauernbahn der ÖBB (Böckstein–Mallnitz) genutzt werden.

Wo wohnt man gut? Zum Beispiel im „Hotel Bergkristall“, DZ/F ab 160 Euro (bergkristall-mallnitz.at) oder im „Kärntnerhof“, DZ/F ab 130 Euro (kaerntnerhof-mallnitz.at). Je nach Saison muss mehr als eine Nacht gebucht werden.

Führungen: Führungen im Winter werden bis Ende März ins Seebachtal und ins Mallnitzer Tauerntal mit Rangern organisiert, eine Tour kostet ab 22 Euro pro Person. Spaziergänge ins Seebachtal können auch auf eigene Faust unternommen werden. Infos zu den Touren unter hohetauern.at/de/besuchen/tourenangebote.html#/erlebnisse. Ins Hochgebirge sollte sich nur wagen, wer sich mit der Lawinensituation auskennt und dafür mit LVS-Gerät (Lawinenpieps) ausgestattet ist.

Weitere Infos: Tourismusverband Mallnitz: mallnitzinfo.peak.at/betriebe/tourismusverband-mallnitz; Nationalpark Hohe Tauern Kärnten: bios-mallnitz.at; hohetauern.at; kaernten.at; austria.info.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom Tourismusverband Mallnitz und von der Hohe-Tauern-Nationalpark-Region/Kärnten Tourismus. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit

Source: welt.de

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