24 Jahre nach Ende des Bürgerkriegs öffnet sich Angola langsam für Touristen. Wer das diesjährige Gastland der ITB, der weltgrößten Reisemesse, jetzt erkundet, hat dessen spektakuläre Vielfalt fast für sich allein.
Die Abendsonne sinkt müde in den Dunst des Dickichts, als Miji Suete Chihumbué dem Fahrer des Geländewagens plötzlich zuflüstert, anzuhalten. Angestrengt horcht der Wildhüter in den Wald. Keine Vogelstimme. Kein Schakalgeheul. Noch nicht einmal das Rascheln flüchtender Buschbockhufe im trockenen Laub lässt auf nahe Wildtiere schließen, hier im Cangandala-Nationalpark im Norden Angolas.
Chihumbués weitgereiste Gäste haben mit geschärftem Blick erst hoffnungsvoll, dann zunehmend skeptisch das dichte Buschland und die Lichtungen im Dickicht abgesucht. Nichts. Der Ranger aber besteht darauf, dass sie hier zu finden und auch für Touristen zu beobachten sind: Palanca Negra Gigante, so der portugiesische Name der geheimnisvollen Riesen-Rappenantilope.
Sie ist das Wappentier Angolas und weltweit nirgendwo anders zu finden als in dem südwestafrikanischen Land. „Eigentlich sehen wir sie bei fast jeder Pirschfahrt. Manchmal ist es allerdings etwas schwierig, nämlich dann, wenn die Tiere nicht täglich an die Wasserstellen kommen.“ So ein Tag scheint heute zu sein.
Weißer Fleck auf der Weltkarte
Angola ist keine Destination für Safari-Anfänger. Schon gar nicht ist es ein Land für Reiseneulinge ohne Geduld und Neugier. Erst seit wenigen Jahren öffnet sich der von einem jahrzehntelangen Bürgerkrieg gebeutelte Staat zwischen Namibia und dem Kongo langsam für Touristen. Für die meisten Reisenden ist Angola schlicht ein weißer Fleck auf der Weltkarte.
Doch das soll sich nun ändern. Die Regierung unternimmt inzwischen große Anstrengungen, um den Tourismus im Land zu fördern. In der Hauptstadt Luanda und einigen weiteren Städten planen mittlerweile auch große internationale Hotelketten wie Hilton und Marriott Neueröffnungen. Und Angola ist in diesem Jahr offizielles Gastland der weltgrößten Tourismusmesse ITB in Berlin, die am 3. März beginnt.
Wer Afrika liebt, wird mit Angola ein fast unberührtes Reiseland entdecken, das das Potenzial zum Trendziel für Weltreisende hat, die am liebsten als Pioniere zu unbekannten Zielen unterwegs sind. Nicht obwohl, sondern gerade weil das Land touristisch fast komplett unerschlossen ist, wird Angola viele Globetrotter begeistern.
Safariwagen-Staus um eine Elefantenherde, wie sie zum Alltag in etlichen Schutzgebieten im südlichen und östlichen Afrika gehören, wird man in Angola in absehbarer Zeit nicht erleben. Die Magie zu spüren, einsam in oft spektakulären Naturlandschaften unterwegs zu sein, gehört zu den eindrücklichsten Erlebnissen einer Angolareise. Im Vergleich zu klassischen Afrikazielen gibt es hier auch einige Geheimnisse zu entdecken, die einzigartig sind – die Riesen-Rappenantilope ist nur eines davon.
Hippotragus niger variani, so der lateinische Name der Antilope mit den mächtigen, säbelartig nach hinten gebogenen Hörnern, galt am Ende des Bürgerkriegs als ausgestorben. Der letzte Nachweis gelang 1982, sieben Jahre nach der Unabhängigkeit Angolas von Portugal und dem Beginn erbitterter Schlachten zwischen den drei rivalisierenden Befreiungsbewegungen MPLA, FNLA und Unita.
Mythos Antilope
Für die Angolaner ist die Riesen-Rappenantilope ein nationales Symbol. Ihre Fußballmannschaft trägt ihr Konterfei auf dem roten Trikot, die angolanische Fluggesellschaft TAAG hat sie im Logo. Die Mythen, die die scheue Antilope umgeben, erinnern an die Legenden vom Einhorn. Zu schade, dass die Tiere, trotz der Versprechen des Rangers, hier im Wald von Cangandala nicht leibhaftig zu sichten sind.
Anfang des 20. Jahrhunderts, als Angola die bedeutendste und wirtschaftlich profitabelste Kolonie Portugals in Afrika war, galten die bis zu 1,70 Meter langen Hörner der Riesen-Rappenantilope als Lieblingstrophäe der Kaffeebarone und ihrer wohlhabenden Gäste. 2002, am Ende des Bürgerkriegs, war unsicher, ob auch nur ein einziges der stolzen Tiere überlebt haben könnte.
Viele waren der hungernden Landbevölkerung zum Opfer gefallen. Kämpfer, die sich im Busch verschanzt hatten, lebten von ihrem Fleisch und schmückten sich mit ihren Hörnern, die zu den schönsten und schwersten aller Antilopen gehören.
2003 gingen Naturschützer um den Zoologen Pedro Vaz Pinto den Gerüchten von Einheimischen nach, dass im Wald von Cangandala noch immer ein paar letzte Überlebende existieren sollten. Es gelang ihnen tatsächlich, eine Herde ausfindig zu machen und die Tiere unter strengen Schutz zu stellen. Heute gibt es wenige Hundert Exemplare.
Die einzigen Touristen im Nationalpark
Als das letzte Licht der untergehenden Sonne durch das Buschwerk bricht, ruft Chihumbué dem Fahrer plötzlich zu, den Wagen anzuhalten: „Palanca!“ Seine Begleiter können erst gar nichts zwischen den Baumstämmen ausmachen. Dann glauben sie, ihren Augen nicht zu trauen: In einiger Entfernung steht tatsächlich ein schwarzer Bulle, der in der einbrechenden Dämmerung gut getarnt ist. Die stattlichen Hörner wölben sich eindrucksvoll über seiner Mähne. Ein ausgesprochen majestätisches, fast wundersames Wesen.
Auf der Pirschfahrt am nächsten Morgen kann Chihumbué seiner Gruppe noch einige weitere der seltenen Tiere zeigen, darunter ein paar Weibchen. Zwar erweisen sich die Antilopen noch immer als scheu, einige scheinen jedoch inzwischen an das Gefährt der Ranger gewöhnt zu sein. Chihumbués Safarigäste schätzen sich jedenfalls glücklich, eines der seltensten Tiere der Welt vor die Kamera bekommen zu haben.
Einem anderen Wagen begegnen sie in Cangandala nicht. Laut den Rangern sind sie momentan die einzigen Touristen im Nationalpark. Bisher gibt es hier keine einzige Lodge. Einige Safariveranstalter bieten aber Campingmöglichkeiten in komfortablen Bush Camps mit Vollverpflegung an. „Noch immer findet kaum ein Tourist hierher“, bedauert Chihumbué. „Dabei brauchen wir für den Schutz der Antilopen dringend mehr Geld.“
Nicht nur in Cangandala haben Touristen Angolas Wildnis für sich allein. Safari-Enthusiasten entdecken gerade erst den Iona-Nationalpark an der Grenze zu Namibia mit seinen spektakulären Landschaften. Die Sandwüsten, Trockensavannen und kilometerlangen Strände am Atlantik sind menschenleer.
Hier lassen sich auch Spieß- und Springböcke sowie die seltenen Angola-Giraffen beobachten. Im Naturreservat Cuatir an einem entlegenen Zufluss des Okavango, können Besucher inzwischen auch wieder Giraffen, Zebras und verschiedene Antilopenarten beobachten. 2024 wurde zudem eine Herde Elefanten aus Namibia eingeführt.
Das gesamte Kaleidoskop afrikanischer Panoramen
Angola ist in etwa dreieinhalbmal so groß wie Deutschland und landschaftlich weit vielfältiger als andere Staaten Afrikas. Von den Dschungeln, Waldsavannen, Kaffee- und Kakao-Plantagen im Norden über Gebirgszüge im Zentrum, die über 2500 Meter hoch aufragen, bis zu den Trockengebieten im Süden findet man hier fast das gesamte Kaleidoskop afrikanischer Panoramen – alles in einem einzigen Land.
Mit den mächtigen Kalandula-Wasserfällen bietet Angola zudem auch eine echte Alternative zu den bisweilen überlaufenen Victoria-Fällen zwischen Sambia und Simbabwe. Steht man hier einsam am Abgrund vor den tosenden Wassermassen, fragt man sich staunend, wie solch ein grandioses Naturschauspiel bis heute ganz ohne Souvenirhändler auf überfüllten Busparkplätzen und ohne Selfie-Poser auf der Aussichtsplattform auskommt.
Nicht nur wegen seiner spektakulären Natur könnte Angola in Zukunft durchaus ein gefragtes Reiseziel werden. So manchen lockt auch die enorme kulturelle Vielfalt, schließlich ist Angola ein Schmelztiegel aus afrikanischen und portugiesischen Einflüssen.
Besonders mitreißend sind die Musik- und Tanztraditionen – allen voran Semba, Kizomba und Kuduro. Vor allem in Luanda kann man sie in Bars, Beach Clubs und auf Straßenpartys erleben.
Die Hauptstadt ist eine sehenswerte Mischung aus afrikanischem Moloch, entspannter Strandmetropole und vibrierendem Wirtschaftszentrum, hier lassen sich alte Kirchen aus der portugiesischen Kolonialzeit besichtigen, die eindrucksvolle Festung São Miguel und das futuristische Mausoleum des Nationalhelden Agostinho Neto mit seinem raketenartigen Turm. Zwischen modernen Hochhäusern, Favelas, Shopping-Malls und Mülldeponien schlägt Angolas Herz, dem man mehr als ein, zwei Tage einräumen sollte, um in den Alltag einzutauchen.
Vor allem das Geschäft mit Öl, der mit Abstand bedeutendste Wirtschaftszweig, brachte der Stadt zwischen 2010 und 2017 mehrfach den zweifelhaften Titel der teuersten Stadt der Welt ein. Von den enormen Rohstoffvorkommen profitieren allerdings die wenigsten Angolaner. Die massive Ungleichheit zwischen Arm und Reich führt immer wieder zu Protesten, zuletzt im Sommer 2025, als mehr als 20 Demonstranten getötet wurden – solche Veranstaltungen sollten Reisende also meiden.
Gewaltkriminalität kommt, wie anderswo in Afrika auch, ebenfalls in Angola vor. Anders als in einigen klassischen Safariländern richtet sie sich jedoch nicht gezielt gegen Touristen. Die allermeisten Besucher dürften vielmehr überrascht sein, wie ausgesprochen freundlich und zuvorkommend Angolaner ausländischen Besuchern vor allem aus Europa begegnen.
Weder Folklorekitsch noch Fake-Kunsthandwerk
Mehr als 100 Stämme und ethnische Minderheiten zählt das Land. Keine davon wird touristisch vermarktet wie etwa die Massai in Kenia und Tansania oder die Himba in Namibia. Folklorekitsch und Fake-Kunsthandwerk hat in Angola schlicht noch keinen Markt. Für Interessierte bieten einige einheimische Veranstalter Begegnungen mit verschiedenen Stämmen vor allem im Süden des Landes an. Günstig sind solche individuellen Touren freilich nicht.
Überhaupt ist Angola nicht billig. Immerhin gilt Luanda nicht mehr als teuerste Metropole des Planeten, die Spitzenposition haben inzwischen – je nach Ranking – Hongkong, Singapur oder Zürich übernommen. Vor allem für Backpacker oder Budget-Reisende fehlen Angebote; für Rundreisen sollte man mindestens 5000 Euro pro Kopf einkalkulieren. Solche Touren haben den Vorteil, dass man unterwegs nichts organisieren muss, zumal kaum jemand in Angola Englisch spricht. Portugiesisch, die Sprache der ehemaligen Kolonialmacht, wird jedoch fast überall verstanden.
Wer Einheimische trifft, idealerweise mit einem sprachkundigen Guide, erhält tiefe Einblicke. Zum Beispiel in die Kaffeekultur: „Angola hat eine sehr schmerzvolle Geschichte, aber man spürt überall auch den Wunsch nach einem Neuanfang“, sagt Miguel Barata. Der Angolaner mit portugiesischen Wurzeln trifft gerne ausländische Besucher.
Er hat vor vier Jahren begonnen, die ehemalige Kaffeeplantage Monte Alegre wiederzubeleben, die – wie fast alle im Land – während des Bürgerkriegs zerstört wurde und langsam verfiel. Einst sei Angola eines der wichtigsten Kaffeeanbaugebiete der Welt gewesen, sagt Barata. „Meine Familie baut in vierter Generation Kaffee an. Zum Glück sind wir nicht allein: Inzwischen gibt es einige, die wieder an die alte Tradition anknüpfen.“
Im Kaffeeanbaugebiet Cambondo, etwa auf halber Strecke zwischen Luanda und den Kalandula-Fällen, führt Barata Besucher durch Reihen frisch gepflanzter Robusta-Setzlinge und junger Kakao-Bäume. Heerscharen von Schmetterlingen flattern über bunten Blüten. Auf einem Hügel liegt die Ruine eines im Bürgerkrieg zerstörten Plantagenhauses, umgeben von Dschungel.
„Man kann noch gut erkennen, wie reich das Anwesen einst gewesen sein muss“, sagt Barata, während er an einem überwucherten Becken vorbeigeht, in dem einmal ein Springbrunnen gesprudelt haben muss. Der neue Plantagenbesitzer träumt davon, es irgendwann wieder in Betrieb zu nehmen.
Vielleicht werden in Cambondo irgendwann einmal Reisebusse mit Touristen einen Zwischenstopp einlegen. Weitgereiste könnten wie einst zur Zeit der Kaffeebarone auf der vornehmen Terrasse bei einer Tasse Robusta die Weitsicht über den Dschungel und die Qualität des Heißgetränks bestaunen. „Wir haben Hoffnung, dass für Angola ruhigere Zeiten anstehen“, sagt Barata.
Dann könne Cambondo sich nicht nur als bekanntes Kaffee- und Kakao-Anbaugebiet etablieren, sondern auch als attraktives Reiseziel für Globetrotter mit Gespür für Besonderes. „Wir sind ein ausgesprochen reiches Land. Jenseits vom Öl sind unsere Natur und unsere Kultur unsere größten Schätze. Ich hoffe, wie viele hier, dass wir die behutsam und nachhaltig heben können.“
Tipps und Informationen:
Wie kommt man hin? Lufthansa fliegt mehrmals pro Woche nonstop ab Frankfurt/Main nach Luanda. TAP Air Portugal und Ethiopian Airlines fliegen mit Umstiegen in Lissabon bzw. Addis Abeba nach Angola.
Wo wohnt man gut? Das Cuatir-Naturreservat ist einer der besten Orte für Tierbeobachtungen in Angola. Gäste der dortigen Lodge blicken auf eine wildreiche Schwemmebene, die zu Pirschfahrten und Buschwanderungen einlädt. Der Betreiber bietet auch Touren mit Übernachtungen in mobilen Bush Camps in anderen Schutzgebieten an; Preise inklusive Aktivitäten auf Anfrage (angola-uncharted-safari.com). Das „Art House“ ist ein künstlerisch gestaltetes Boutiquehotel auf Luandas Halbinsel Ilha do Cabo, die bei den Hauptstädtern für Strandausflüge und ihr Nachtleben beliebt ist, Doppelzimmer ab 74 Euro (thomsonarthouse.com).
Veranstalter: Diamir Erlebnisreisen bietet als Spezialist für wenig bekannte Reiseziele bereits seit 15 Jahren Angolareisen an, eine 15-Tage-Gruppenrundreise kostet ab 5650 Euro pro Person inklusive Flug (diamir.de). Geoplan Privatreisen stellt individuelle Touren zusammen, die zehntägige Reise „Angolas Höhepunkte“ ist ab 6350 Euro pro Person inklusive Flügen und Teilverpflegung im Programm (geoplan-reisen.de).
Weitere Infos: angolatourism.com
Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Visit Angola. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit
Source: welt.de