Dem verirrten Ostsee-Wal geht es zusehends schlechter. Greenpeace-Expertin Daniela von Schaper hält eine Befreiung des Tieres dennoch für möglich.
Das Schicksal des in der Ostsee verirrten Buckelwals beschäftigt viele Menschen in Deutschland und darüber hinaus. Nachdem er sich aus seiner misslichen Lage vor Niendorf befreien konnte, hängt das Tier nun seit zwei Tagen in der Bucht von Wismar fest. Experten wie Daniela von Schaper von der Umweltschutzorganisation Greenpeace haben das Tier kontinuierlich im Blick.
Frau von Schaper, können wir uns noch Hoffnung machen, dass der Wal ins offene Meer gelangt?
Grundsätzlich ja. Heute Morgen waren meine Kolleginnen von Greenpeace zusammen mit Einsatzkräften nochmals per Boot beim Wal und konnten sich ein Bild des Zustands des Tieres machen. Der ist leider nicht sehr gut. Der Wal wirkt sehr geschwächt. Die Frage ist, ob akut ein neuer Rettungsversuch unternommen werden sollte oder ob der Wal eher weitere Ruhe benötigt, um wieder zu Kräften zu kommen. Zusammen mit dem Deutschen Meeresmuseum beraten wir im Moment intensiv dazu. Hier müssen alle Chancen einer Rettung mit möglichen Risiken abgewogen werden. Aber: Die Hoffnung auf Rettung besteht weiterhin!
© Julius Schrank / Greenpeace
Zur Person
Die Kommunikations- und Umweltwissenschaftlerin Daniela von Schaper begleitet für Greenpeace die Walrettung an der Ostsee. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen die Analyse von Ökosystemleistungen in Meeresschutzgebieten der Ostsee sowie die Umsetzung ökologischer Projekte zur Aufklärung im Meeresschutz
Warum bewegt sich der Wal wohl in Gefilde, die ihm offensichtlich nicht guttun?
Da gibt es viele Möglichkeiten. Mit Sicherheit lässt sich nur sagen, dass es eher nicht freiwillig geschah. Er kann sich auf seinen üblichen Wanderrouten verirrt haben, indem er beispielsweise die Orientierung verlor und dadurch in die Ostsee schwamm. Eventuell folgte er aus Nahrungsgründen auch Fischschwärmen, die sich ihrerseits in die Ostsee begaben. Passieren kann dies durch Unterwasserlärm, der den Tieren die Orientierung erschwert. Auch weitere menschengemachte Einflüsse wie Überfischung der Meere spielen hier mit rein. Sichtbar ist das Problem auch durch ein Stellnetz, dessen Reste sich im Maul des Wals befinden.
Falls es nicht gelingt, dass er es zurück in den Atlantik schafft: Welche Szenarien halten Sie für wahrscheinlich und welche für sinnvoll, wie es dann weitergeht?
Hier vor Ort wird von Stunde zu Stunde die Lage neu bewertet. Zusätzlich wird die Expertise der Kolleginnen der tierärztlichen Hochschule, des Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung aus Schleswig-Holstein, eingeholt, die zuvor zuständig waren. Ob die Bedingungen für eine erneute Rettung im Moment günstig sind, muss geprüft werden. Auch die potenzielle Motivation des Wals, sich selbst befreien zu wollen, spielt in diese Abwägung hinein. Ob er es aus eigener Kraft schaffen würde, ist eher unklar.
Wie finden Sie eigentlich die Idee, dem Wal einen Namen zu geben? „Timmy“ oder auch „Nino“ – jeweils wegen der Orte Timmendorf und Niendorf – waren ja schon zu lesen.
Namen können die Identifikation mit einem wilden Tier sicherlich verstärken und insofern auch einen positiven Aspekt bedeuten. Man kann sich dadurch dem Wal näher fühlen. Wir bei Greenpeace bleiben jedoch einstweilen dabei, den Wal als Buckelwal zu bezeichnen, und hoffen, dass er es schnell wieder aus der Ostsee schafft.
Source: stern.de