Daniel Stähr veröffentlichte 2024 gemeinsam mit Simon Sahner Die Sprache des Kapitalismus. Das Buch beschreibt, wie mit Begriffen wie „Reform“ oder Floskeln wie der „Schwäbischen Hausfrau“ Entscheidungen legitimiert werden, die soziale Ungleichheit befördern.
Nun legt Stähr eine „überfällige Intervention aus den eigenen Reihen“ vor: In Die neuen Propheten seziert er die Mechanismen, mit deren Hilfe etablierte Ökonomen zu Meinungsführern im Zentrum der Macht wurden – in Deutschland und erst recht in den USA oder Großbritannien. Politische Entscheidungsträger, so die überspitzte Kernthese des Buches, vertrauen einer „faktenfreien Wissenschaft, die kein Konzept von Moral oder Gerechtigkeit kennt“.
der Freitag: Herr Stähr, als Schüler der gymnasialen Oberstufe belegte ich Ökonomie als Leistungskurs, beschäftigte mich an der Uni aber lieber mit Soziologie oder Politikwissenschaft. Die Mathematisierung der Inhalte und vor allem das unhinterfragte Axiom vom stets profitorientierten „Homo oeconomicus“ stießen mich ab. Verständlich?
Daniel Stähr: Das ist auf den ersten Blick total verständlich. Gerade die extrem mathelastige Arbeitsweise fungiert als eine Art Gatekeeper. Der „Homo oeconomicus“ dient in der Öffentlichkeit aber gerne als Totschlagargument, nur wenige Wirtschaftswissenschaftler:innen nehmen ihn tatsächlich ernst. Er ist nur eine Art Baseline, an der man Modelle ausrichten kann. Die eigentlichen Probleme der Disziplin gehen viel tiefer als diese gemeinhin geäußerten Kritikpunkte.
Ökonomische Theorien hat genauso zur Krise von 2008 beigetragen wie rücksichtslose Investmentbanker
Warum haben Sie sich entschieden, das Fach zu studieren?
2008 wollte ich als Teenager begreifen, wie eine Krise, die ihren Anfang auf dem US-Häusermarkt hatte, am Ende beinahe die gesamte Weltwirtschaft in den Abgrund reißen konnte. Da erschienen mir die Wirtschaftswissenschaften als die logische Wahl. Heute weiß ich, dass ökonomische Theorien genauso zur Krise beigetragen haben wie rücksichtslose Investmentbanker.
Was genau kritisieren Sie an dem üblichen Zugang zur Disziplin?
Die US-amerikanische Soziologin Elizabeth Popp Berman spricht von der „ökonomischen Art des Denkens“. Sie meint damit eine besondere Art, gesellschaftliche Probleme zu betrachten. Zwei Annahmen stehen im Mittelpunkt: Zum einen, dass Märkte die beste Möglichkeit sind, um Ressourcen zu verteilen. Der zweite wichtige Aspekt ist, Interventionen daran zu messen, wie effizient sie sind. Effizienz als unparteiische und objektive Kenngröße anzusehen, ist an sich schon ein Werturteil. Genauso gut könnten politische Stabilität oder Gerechtigkeit entscheidende Kriterien sein. Popp Berman zeigt, wie die Suche nach effizienten Marktlösungen alle Bereiche durchdringt: die soziale Sicherung, den Klimaschutz oder die Gesundheitsversorgung. Diese Herangehensweise ist heute so selbstverständlich, dass Ökonom:innen in den Debatten gar nicht mehr anwesend sein müssen, um ihren Einfluss geltend zu machen.
Ayn Rands radikale Thesen, die beinahe jede Form von staatlich organisierter Solidarität ablehnen, prägen heute das erschreckende Weltbild der Tech-Elite
Sie beginnen Ihr Buch mit Ayn Rand, einer russischstämmigen Autorin, die in den 1920er Jahren in die USA auswanderte und vor allem Romane schrieb. Nach ihrem Tod 1982 wurden sie zu Megasellern. Die US-amerikanische Rechte beruft sich heute auf Rand, Politiker wie Donald Trump und Tech-Milliardäre wie Elon Musk oder Peter Thiel zählen zu ihren begeisterten Lesern. Was ist der Kern der Randschen Ideologie?
Sie hat schon zu Lebzeiten Hunderttausende Bücher verkauft, aber danach ist ihre Popularität immer weiter gewachsen. Rand war eine der ersten, die dem Kapitalismus eine inhärente moralische Überlegenheit gegenüber anderen Wirtschaftssystemen attestiert hat. Dass es Verlierer und Gewinner gibt, ist für sie kein Problem, sondern Zeichen eines funktionierenden Kapitalismus. Ein radikaler Egoismus steht im Zentrum ihres Denkens. Ihre radikalen Thesen, die beinahe jede Form von staatlich organisierter Solidarität ablehnen, prägen heute das erschreckende Weltbild der Tech-Elite.
Sie erläutern ausführlich die ökonomischen Denkrichtungen Neoklassik und Keynesianismus. Den in linken Diskursen beliebten Begriff Neoliberalismus sehen Sie kritisch …
Neoliberalismus wird häufig als Buzzword genutzt, ohne dass die Menschen wissen, was genau gemeint ist. Der Begriff ist ein vielschichtiges Konstrukt, das am Ende auf die Formel „Staat im Dienst des Kapitals“ hinausläuft. Im Buch versuche ich, die Ursprünge dieser Ideologie herauszuarbeiten, die weit vor den Regierungen von Ronald Reagan in den USA und Margaret Thatcher in Großbritannien liegen. Eine entscheidende Rolle spielten dabei Ökonomen wie Ludwig von Mises, Friedrich Hayek und Milton Friedman.
Demokratie war für die Neoliberalen schon immer Verhandlungsmasse
Auf den ersten Blick überraschend bezeichnen Sie die „Trente Glorieuses“, die Jahrzehnte des europäischen Wirtschaftsbooms nach dem Zweiten Weltkrieg, als sozialdemokratisches Zeitalter. In (West)Deutschland aber fuhr damals die CDU/CSU Wahlsiege ein, surfte erfolgreich auf dem Konzept der „Sozialen Marktwirtschaft“. Wie passt das zusammen?
In Westdeutschland regierten damals zwar lange die Christdemokraten, aber es waren dennoch sozialdemokratische Vorstellungen, die die Politik dominierten. Ich orientiere mich hier am Konzept des US-Historikers Gary Gerstle. Der argumentiert, dass die letzten einhundert Jahre von zwei politischen Ordnungen dominiert waren. In den USA war das erst der New Deal und seit den 1970er Jahren die neoliberale Ordnung. Eine politische Ordnung beschreibt eine Zeit, in der sich auch die politische Opposition demselben Zeitgeist unterwirft wie die Regierung. So war in den USA der Demokrat Bill Clinton der Präsident mit der stärksten neoliberalen Agenda, und hierzulande trieb eine rotgrüne Regierung die sozialpolitische Wende mit den Hartz-Gesetzen auf die Spitze.
Als die mit Abstand einflussreichste wirtschaftswissenschaftliche Institution in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts betrachten Sie die Universität Chicago …
Ja, deren Dominanz ging so weit, dass sie als „Mekka“ und „Rom“ für Ökonomen bezeichnet wurde. Insbesondere Friedman fand mit seiner Vorstellung, dass nur Märkte die zentralen Probleme der Menschheit lösen könnten, Gehör bei einem Millionenpublikum. Am Beispiel Hayek, der als Berater in Chile einen autoritären Diktator der demokratisch gewählten Regierung vorzog, sieht man noch etwas: Demokratie war für die Neoliberalen schon immer Verhandlungsmasse. Sie wird nur geduldet, solange sie die Vormachtstellung des Kapitals über die Interessen der Arbeiterschaft sicherstellt.
Ökonomie-Studierende sind egoistischer, spenden weniger und legen einen größeren Fokus auf den eigenen Nutzen als auf Kooperation
Sie machen die Wirtschaftswissenschaft mitverantwortlich für die globale Finanzkrise 2008. Inwiefern?
Die Neoklassik geht davon aus, dass man Märkte nur deregulieren muss, um ihr Funktionieren zu garantieren. Die Effizienzhypothese des Chicagoer Ökonomen Eugene Fama besagt, dass alle verfügbaren Informationen bereits in den Finanzmärkten eingepreist sind und jede staatliche Intervention zu Verzerrungen führt. Auf Basis dieser Theorie hat Alan Greenspan, der von 1987 bis 2006 Vorsitzender der US-amerikanischen Zentralbank und ein enger Freund Ayn Rands war, trotz aller Warnzeichen den Abbau von Regulierungen vorangetrieben. Wohin das geführt hat, haben wir dann 2008 erlebt: Ökonom:innen waren nicht nur unfähig, die Krise zu antizipieren, sie haben vielmehr ein System erschaffen, das sie ermöglicht hat.
Sie beschreiben Leute, die sich mit Ökonomie beschäftigen, als einen besonderen Menschenschlag. Was sind aus Ihrer Sicht dessen charakteristische Eigenschaften?
Seit den 1960er Jahren gibt es einen kleinen Forschungsstrang, der sich fragt, ob sich Studierende der Wirtschaftswissenschaften grundlegend anders verhalten als ihre Altersgenossen in anderen Disziplinen. 85 Prozent der dazu durchgeführten Studien kommen zu dem Ergebnis: Ökonomie-Studierende sind egoistischer, spenden weniger und legen einen größeren Fokus auf den eigenen Nutzen als auf Kooperation. Aufgrund dieser Ergebnisse wurde häufig vermutet, das Studium des Faches „verwandele“ junge Menschen in den Homo oeconomicus, über den sie so viel lernen. Ich würde das eher umdrehen: Menschen, die schon vorher egoistischer eingestellt waren als andere, neigen eher dazu, Wirtschaft zu studieren. Wenn eine Wissenschaft einen besonderen Menschenschlag anzieht, dominiert dessen Weltsicht die Disziplin und bestimmt die Art, wie über Probleme und Lösungen nachgedacht wird.
Friedman, Adam Smith, Alfred Marshall: Einige der größten Ökonomen aller Zeiten waren in ihrem Leben auf unbezahlte weibliche Arbeit angewiesen
Gestolpert bin ich über den von Ihnen häufig erwähnten „Nobel-Gedächtnispreis“, der in Stockholm jedes Jahr für die Wirtschaftswissenschaften vergeben wird. Ich habe nun gelernt, dass das gar kein „richtiger“ Nobelpreis ist und sogar die Stifterfamilie ihn skeptisch sieht. Was hat es damit auf sich?
Stimmt, der sogenannte Wirtschaftsnobelpreis wird erst seit 1969 verliehen, er war ein Instrument des damaligen Chefs der schwedischen Zentralbank Per Åsbrink im Machtkampf mit dem schwedischen Parlament, von dem er mehr Unabhängigkeitsrechte wollte. Die Zustimmung der Nobel-Familie wurde von der damals 87-jährigen noch lebenden Nichte von Alfred Nobel eingeholt. Nur der Geistesgegenwart dieser Frau ist zu verdanken, dass die Auszeichnung offiziell den sehr ungelenken Namen „Preis der Schwedischen Nationalbank in Wirtschaftswissenschaft zur Erinnerung an Alfred Nobel“ trägt. Es ist bizarr, dass er heute beinahe gleichberechtigt mit den anderen Preisen steht. Und er hat enorm dazu beigetragen, dass sich die Wirtschaftswissenschaft als die Naturwissenschaft unter den Gesellschaftswissenschaften inszenieren konnte, die vermeintlich fixe Gesetzmäßigkeiten entdeckt.
Eine spannende Kapitelüberschrift lautet „Wer hat Milton Friedmans Abendessen gekocht?“ Es geht um die Vernachlässigung der ganz überwiegend von Frauen geleisteten Care-Arbeit in wirtschaftswissenschaftlichen Theorien …
Einige der größten Ökonomen aller Zeiten, nicht nur Friedman, auch Adam Smith oder Alfred Marshall, von dem die heute berühmte Angebots-Nachfrage-Grafik stammt, waren in ihrem Leben auf unbezahlte weibliche Arbeit angewiesen. Mal waren das die Ehefrauen, mal die Mütter, mal Cousinen. Diese Männer, die von sich behauptetet haben zu verstehen wie unser Wirtschaftssystem funktioniert, waren nicht in der Lage, die Leistungen der Hälfte der Bevölkerung in ihren Theorien mitzudenken.
Wir müssen die Dominanz des Faches Ökonomie hinter uns lassen
Ebenso fragwürdig, behaupten Sie, sei der Umgang führender Ökonomen mit den Themen Rassismus und Klimawandel.
Der Versuch der Wirtschaftswissenschaften, Rassismus in ihre Modelle zu integrieren, zeugt von einer beeindruckenden Ignoranz. Entweder wird Rassismus als persönliches Geschmacksurteil modelliert, das sich nicht groß von der Vorliebe für verschiedene Musikstile unterscheidet, oder – und das ist noch perfider – es wird als rationales Verhalten interpretiert, beispielsweise wenn Unternehmer Menschen mit arabisch klingenden Namen diskriminieren, weil diese im gesellschaftlichen Durchschnitt vermeintlich weniger produktiv seien. Diese Art des Zugangs verkennt vollkommen die gesellschaftlichen Strukturen, über die Rassismus funktioniert. Das Gleiche sieht man beim Thema Klima, wenn William Nordhaus, auf diesem Gebiet einer der führenden Ökonomen der Welt, behauptet, eine Erderwärmung um 3 Grad Celsius bis 2100 wäre optimal für die Menschheit. Nordhaus‘ Logik lautet, dass alles andere einfach zu teuer wäre. Beide Beispiele zeigen, wie schnell die Wirtschaftswissenschaften an ihre Grenzen gelangen und wie vollkommen abstrus ihre Empfehlungen werden, sobald Themen außerhalb ihrer unmittelbaren Expertise liegen. Wir müssen die Dominanz des Faches hinter uns lassen, sonst werden wir keine Chance haben, die globalen Herausforderungen der Zukunft zu lösen.