Das Leben ist schön auf Sentosa. Die künstlich aufgeschüttete Reicheninsel vor Singapur ist mit Schlagbäumen und Überwachungskameras vor ungebetenen Gästen geschützt. Im Parkhaus vor dem Yachthafen stehen Bentleys neben abgedeckten Ferraris.
Dort, hinter dem gut gesicherten Tor Nummer eins, liegen die schwimmenden Kontoauszüge der Superreichen vor Anker. Laufen die Superyachten in Sentosa aus, steuern sie das thailändische Phuket an, die Götterinsel Bali oder das aus 99 Inseln bestehende Archipel Langkawi vor der Küste Malaysias.
Die Nonni II hingegen, die unter der steuersparenden Flagge der Cookinseln fuhr, nahm in den vergangenen Jahren regelmäßig Kurs auf Sihanoukville, wie die Logdaten von Trackingportalen zeigen. Die Stadt an der Südwestküste Kambodschas war ganz früher mal bei Rucksacktouristen beliebt. Dann stellte der chinesische Staatspräsident Xi Jinping im Jahr 2013 seinen Traum einer neuen Seidenstraße vor. Wie einst in der Han-Dynastie sollten Handelsrouten China mit der Welt verbinden, mit Sihanoukvilles Tiefwasserhafen als Knotenpunkt. Der Ruf aus Peking trieb chinesische Investoren in das nicht allzu weit entfernte Land. Ein Jahrzehnt später gilt Sihanoukville als Zentrum des globalen Verbrechens.
Raketenhafter Aufstieg
Auch Mitte November des Jahres 2024 hatte die Nonni II in Sihanoukville festgemacht, bevor ihr Eigner sie zurück nach Sentosa schickte. Chen Zhi, ein 1987 in der Provinz Fujian geborener Chinese, war mit Anfang zwanzig nach Kambodscha ausgewandert und hatte es innerhalb von ein paar Jahren zum bekanntesten Unternehmer des Landes gebracht. Sein Family Office hatte Chen im sicheren Singapur eröffnet. Der Gesamtwert der im Hafen von Sentosa liegenden Yachten kann zuweilen schon mal über eine Milliarde Dollar betragen. Zur Nonni II kamen selbst fremde Kapitäne auf ein Foto vorbei: Um die „fantastische Kreuzung aus Raumschiff und Nachtclub“ zu bewundern, wie die Fachpresse den Koloss mal beschrieben hat.
Damit passte das Schiff zum raketenhaften Aufstieg seines Eigners, der mit Anfang zwanzig in Chinas Provinz ein Internetcafé betrieben hatte und mit 33 Jahren in Kambodscha zum Milliardär und persönlichen Berater von Herrscher Hun Sen geworden war, der ihm den Titel eines „Oknha“ verliehen hatte, einer Art Lord. Zwar ist die Nonni II mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von zwölf Knoten nicht die Schnellste. Doch zum Rennen hatte sie Chen Zhi nicht gekauft. 130 verbaute Lautsprecher machten die Nonni II zur Disco auf See. Für Vorrat an 18 Jahre in Eichenfässern gereiftem Macallan-Whiskey, einem Grundnahrungsmittel auf Superyachten, war ebenfalls Platz. Trotz ihrer ausladenden Dimensionen sei die Nonni II während des Monsuns auf dem Weg nach Kambodscha fast gekentert, hat ihr Kapitän einmal erzählt.
Wer abergläubisch ist wie viele Chinesen, kann das Unwetter als schlechtes Omen für Chen Zhi werten, auch wenn der Eigner während der Überfahrt kaum an Bord gewesen sein dürfte. Wenn Chen von Singapur oder seinen anderen Wohnorten in Hongkong, Taiwan oder einer seiner Liegenschaften in London nach Kambodscha reiste, nahm er für gewöhnlich den Privatjet.
Ein Imperium aus Immobilien und Hotels
Unter dem Markennamen Prince hatte Chen in der rasant wachsenden kambodschanischen Wirtschaft ein Imperium aus Immobilien und Hotels aufgebaut. Auch eine Bank hatte Chen gegründet, die mit hohen Sparzinsen und einer kostenlosen Unfallversicherung zum Kundenliebling wurde, auf 36 Filialen anwuchs und sich mit Auszeichnungen von europäischen Fachmagazinen schmückte. Noch im Juli vergangenen Jahres verlieh das Londoner Magazin „Euromoney“ der Prince-Bank für „beeindruckendes Wachstum“ den „Award for Excellence“.
Keine drei Monate später stürmten in Phnom Penh Tausende Kunden die Prince-Bank und versuchten verzweifelt, ihr Geld abzuheben. In vielen Filialen spuckten die Automaten keine Scheine mehr aus. Drei Tage zuvor hatten in den Vereinigten Staaten Justizministerium und Finanzministerium sowie die Regierung Großbritanniens Sanktionen gegen die Prince-Bank und Chens Unternehmensgruppe verhängt. Der Lord selbst war wegen Verschwörung zum Onlinebetrug und der Geldwäsche angeklagt.
Die Prince-Group habe ihr Bank- und Immobiliengeschäft nur zum Schein betrieben, hieß es in der 24 Seiten langen Anklageschrift. Tatsächlich habe Chen sein Vermögen in Kambodscha mit dem Betrieb von „gefängnisähnlichen“ Sklavenlagern erlangt, in dem verschleppte oder unter falschen Versprechungen angelockte Asiaten „gegen ihren Willen“ über das Internet Opfer in Amerika und der ganzen Welt aufspüren und abzocken mussten. Um wie viel Geld es dabei ging, ließ erahnen, was die ermittelnde New Yorker Staatsanwaltschaft in Chen gehörenden Kryptowährungs-Wallets gefunden und eingefroren hatte: 121.271 Bitcoins. Eine Menge, die 15 Milliarden Dollar entsprach.
Ankunft mit Schirmmütze und Atemschutzmaske
Für Chen Zhi ist das schöne Leben vorbei. Im Januar hat die kambodschanische Zentralbank der Prince-Bank die Lizenz entzogen, der Liquidationsprozess ist gestartet. Chen Zhi hat 2014 die kambodschanische Staatsbürgerschaft angenommen. Nun hat Kambodschas Regierung ihn ausgeliefert – nicht an die USA, sondern nach China, das Chen als „Anführer eines großen grenzüberschreitenden Glücksspiel- und Betrugsrings“ bezeichnet hat.
Mit Schirmmütze und Atemschutzmaske führten ihn chinesische Polizisten in schwarzen Kampfanzügen in Phnom Penh Chen die Treppe hinauf ins Flugzeug – und in blauer Sträflingskleidung und gefesselten Händen nach der Landung in China hinunter. Die ganze Welt konnte lesen, was im Gesicht des kleinen Mannes stand, dem man offensichtlich seinen Kinnbart abrasiert hatte: Was war da gerade passiert?
Zwei Monate später ist klar: Bis zur Antwort könnte es noch eine ganze Weile dauern. Allein in Taiwan haben die Behörden 25 Personen festgenommen, die Teil von Chens Netzwerk gewesen sein sollen, dazu wurden 190 Millionen Dollar an Vermögensgegenständen sichergestellt. In Singapur haben die Strafverfolger Anfang März mitgeteilt, drei Bürger des Inselstaats verhaftet zu haben, die Chen beim Geldwaschen behilflich gewesen sein sollen. Darunter ist der Kapitän der Nonni II. Eine vierte Chen-Vertraute namens Karen Chen, die den Ermittlern zufolge weite Teile der Geldflüsse der Prince-Gruppe bis nach Mauritius kontrollierte, hat sich nach Kambodscha abgesetzt und ist zur Fahndung ausgeschrieben.
Mit Stacheldraht gesicherte Hochhäuser
Seit rund zwei Jahren machen sogenannte Scam-Camps in Südostasien Schlagzeilen, über die auch die F.A.Z. aus Kambodscha berichtet hat – mit Stacheldraht gesicherte Hochhäuser, in denen immer mal wieder einer der Betrüger aus dem Fenster fiel, wenn er nach Meinung der Vorgesetzten das Tagesziel nicht erreicht hatte: nichts ahnende Menschen in westlichen Ländern über das Internet auszuforschen und sich passgenaue Identitäten zu basteln, um die Opfer zu vermeintlich lukrativen Investitionen in Krypto-Währung zu überreden. Die Versprechen endeten immer mit demselben Ergebnis: Das Geld war weg.
Eine Billion Dollar im Jahr sollen es nach Schätzung von Nichtregierungsorganisationen sein, die jedes Jahr auf der Welt von den vor allem in Asien stationierten Abzockern erbeutet werden. Für Deutschland schätzt das Bundeskriminalamt die Schäden durch Cyberdelikte in den vergangenen Jahren auf einen zwei- bis dreistelligen Milliarden-Euro-Bereich ein. „Schweineschlachten“ heißt die Methode, die in den Scam-Camps per Power-Point-Präsentation gelehrt wird: über soziale Netzwerke alleinstehende Frauen oder Männer identifizieren, sich über ihre Vorlieben und Schwächen schlau machen und dann per Whatsapp die Kontaktaufnahme anbahnen, auf dass ihr Vermögen am Ende in Asien landet. Zum Beispiel bei Chen Zhi.
Schützende Hand des Staates?
90 Milliarden Dollar habe er durch den Betrug erbeutet, soll Chen mal geprahlt haben. Doch in dieser Geschichte geht es nicht nur um Statussymbole, die Behörden in aller Welt nun sicherstellen: Chens Londoner Haus in Primrose Hill, das zwölf Millionen Pfund gekostet haben soll, nebst 18 weiteren Luxusimmobilien in der Stadt im Wert von 90 Millionen Pfund. Der Lamborghini und der Ferrari, die Patek-Philippe-Uhren und das Penthouse an Singapurs Orchard Road. Der Fall des Scam-Prinzen wirft die Frage auf, wie es sein kann, dass einer der größten Gangster der Welt in Staaten wie Singapur eine Wohnung im Luxustower Le Nouvel Ardmore kaufen und zur Operationszentrale seines Verbrechensimperiums ausbauen kann, wie die Ermittler vermuten, mit Weinkeller und Karaoke-Saal zur Entspannung nach Feierabend.
Die Frage stellt sich noch mehr für den kambodschanischen Staat, der nach Lektüre der Anklageschrift den Eindruck vermittelt, er habe sich zur Gänze an Chen verkauft. Von einer millionenschweren Yacht ist die Rede, mit der Chen das „hochrangige Mitglied einer ausländischen Regierung“ bestochen haben soll. Die US-Fahnder wollen Belege über Hunderte Millionen Dollar gefunden haben, die Chen Politikern und Beamten zugeschoben haben soll, auf dass sie ihre schützende Hand über die „Scam-Camps“ der Prince-Gruppe hielten, von denen es in Kambodscha mindestens zehn gegeben haben soll.
Einen Regierungsbeamten hat Chen demnach mit teuren Luxusuhren gefügig gemacht, woraufhin dieser seinem Gönner einen Diplomatenpass verschaffte, mit dem 2023 die Einreise in die USA möglich war. Seine Kontakte soll Chen dabei auf exzessiven Feiern gepflegt haben, auf denen Whiskey in Strömen floss und die Gäste zu Technobeats von aus Taiwan eingeflogenen jungen Damen versorgt wurden, alles auf den Decks der Nonni II.
Wer genau da alles auf Chens Superyacht tanzte, ist nicht bekannt. Von Singapurer und taiwanischen Geschäftsleuten ist in Berichten die Rede und „kambodschanischen Politikern“. Dass Chen sich entschieden hatte, zum Bürger des Landes zu werden, hatte einst den Vorteil gehabt, dass er als Inländer chinesischen Investoren Massen an Wohnungen verkaufen konnte. Doch weil er sich mit der Führung seines Gastlandes gut stellen wollte, baute der „Unternehmer des Jahres“ ebenso intensiv an seinem Ruf als Menschenfreund. Über die Zeit spendete Chens Prince-Stiftung 18 Millionen Dollar für 280 verschiedene Hilfsprojekte, unterstützte Schulen und freie Krankenversorgung für Kinder. Das brachte Chen den Preis „Philanthrop des Jahres“ ein.
Eine Milliarde Dollar
Nachdem er nach dem Ausbruch des Coronavirus dem Staat drei Millionen Dollar zum Kampf gegen die Pandemie überwiesen hatte, holte ihn der seit über drei Jahrzehnten wie ein Diktator herrschende Ministerpräsident Hun Sen an seine Seite. Eine Milliarde Dollar hatte die Prince Group zu diesem Zeitpunkt investiert, deren Gründer nun den Rang eines Ministers innehatte. Wenn Hun im Friedenspalast in Phnom Penh Wirtschaftsführer empfing, wurden sie auch von Chen begrüßt. Als Hun in Havanna vom kubanischen Präsidenten empfangen wurde und Tiraden gegen die USA abließ, saß Chen mit am Tisch. Beim Fototermin im Protokollsaal des Parlaments stand Chen neben Hun aufgereiht. Selbst nach New York, wo Kambodschas Herrscher eine Rede vor den Vereinten Nationen hielt, soll Chen mitgeflogen sein.
Wer in diesen Tagen durch Kambodscha reist, sieht Chinesen allerorten. Bauarbeiter aus China errichten Straßen und Brücken, in Städten wie Sihanoukville sind die Läden ganzer Stadtviertel mit Schriftzeichen in Mandarin überschrieben. Der Tiefwasserhafen der Küstenstadt hatte in Xi Jinpings „Gürtel und Straße“-Initiative zum Knotenpunkt von Chinas neuer Seidenstraße werden sollen, der die Volksrepublik mit Südostasien verband. Die Chinesen bauten eine Autobahn, die in die Hauptstadt führte. In Sihanoukville selbst entstand eine Sonderwirtschaftszone, in der Chinesen fast 200 Fabriken hochzogen, in denen sie von Bekleidung, Lederwaren bis Elektronik alles Mögliche fertigen ließen.
Von den Sicherheitsbehörden vorab gewarnt
Auch Kasinos bauten die Investoren aus der Volksrepublik, auf deren von Stacheldrahtzaun umgebenen Geländen nicht nur Roulette gespielt wurde, wie seit Jahren berichtet wird und durch die amerikanische Anklage nun aktenkundig ist. In Sihanoukville habe die Prince-Gruppe ein Scam-Camp auf dem Gelände des Jinbei-Kasinos betrieben, ein anderes im „Golden Fortune Science and Technology Park“ in Chrey Thom, ein weiteres im „Mango Park“ in Kampong Speu.
In Letzterem hatte die kambodschanische Polizei im Oktober 2024 auf Geheiß von Hun Manet, der inzwischen den Posten des Regierungschefs von seinem Vater übernommen hatte, eine Razzia durchgeführt. Zuvor hatte es im Ausland Berichte über das Lager gegeben, in dem vor allem Koreaner unter Folter zum Onlinebetrug gezwungen worden sein sollen. Doch die Ermittler hatten nach eigener Aussage keine kriminellen Aktivitäten feststellen können.
Chen Zhi, dessen Nonni II wenige Wochen später wieder mal in Sihanoukville festmachte, soll gegenüber Komplizen geprahlt haben, ihm könne nichts passieren. Was er damit gemeint haben könnte, steht in der Anklageschrift: Chen sei von den Sicherheitsbehörden vorab gewarnt worden, wenn wieder mal eine Razzia anstand – und zwar nicht nur von den kambodschanischen. So habe ein Beamter des chinesischen Ministeriums für Öffentliche Sicherheit versprochen, in Schwierigkeiten steckende Mitglieder der Prince-Gruppe „vom Haken zu lassen“ – was ein Handlanger Chens mit dem Gegenversprechen quittiert haben soll, sich um den Sohn des Beamten zu „kümmern“. Es sind derlei Sätze, die China dazu bewogen haben könnten, auf eine Auslieferung Chens zu drängen – bevor dessen schmutzige Wäsche in einem amerikanischen Gerichtssaal gewaschen wird.
Die Prince-Gruppe hat alle Anschuldigungen gegen ihren Gründer bestritten. Was die Korruptionsvorwürfe gegen Kambodschas Regierung angeht, hat Ministerpräsident Hun Manet vor ein paar Wochen beteuert, man habe nicht gewusst, dass Chen ein Gangster gewesen sei. Zweifel daran wecken Berichte, wonach Chen mit dem Innenminister Sar Sokha ein Unternehmen gegründet haben soll, das den Betrieb eines Sklavencamps zum Zweck hatte. Der Minister bestreitet das. Dass die Regierung nun reihenweise Lager schließen lässt, sei reine Show, sagen Beobachter im Land der F.A.S. Der Betrug werde weitergehen, schließlich entsprechen die Einnahmen der Scam-Camps Schätzungen zufolge der Hälfte des kambodschanischen Bruttoinlandsprodukts.
Das gelte selbst für die Hauptstadt, wo die Camps in ganz normalen Hochhäusern untergebracht sind. Eines davon steht Informationen der F.A.S. zufolge auf dem Gelände, in dem die Prince-Gruppe ihren Sitz hat. Im Mai vergangenen Jahres fiel dort ein Mann aus dem Fenster und starb. Untersucht wurde der Fall nicht, dabei hätten die Ermittler es nicht weit gehabt. Chen Zhis direkter Nachbar war das Generalkommissariat der Nationalpolizei.