Es ist ja kein Wunder, wenn man nach diesem Jahr in Deutschland schlechte Laune hat. Zwölf Monate lang hat das Land sich immer wieder erzählt, worin es schlecht ist. Deutschlands Wirtschaft ist seit 2019 keinen Schritt vorangekommen, eher zurückgefallen. Der Industrie ist die Energie zu teuer. Die Autohersteller verkaufen zu wenige Elektroautos, und an Verbrennern haben sie nicht mehr so viele im Angebot, also schwächelt ihr Geschäft. Neue Unternehmen entstehen viel zu selten, weil das Land sich in lauter Regeln und Vorschriften selbst gelähmt hat. Der Staat nimmt zwar hohe Schulden auf, aber nur die Hälfte davon geht in zusätzliche Investitionen, wie die Bundesbank schätzt. Und der Herbst der Reformen? Er habe nie auf großen Reformeifer gehofft, sagt der Ökonom Moritz Schularick im F.A.S.-Interview. „Die Enttäuschung ist eher, dass nicht einmal die niedrig hängenden Früchte gepflückt werden.“
Das Lamento kann noch weitergehen: Die sowieso schon schwachen Wirtschaftsaussichten sind in den jüngsten Prognosen noch mal schlechter geworden. Ohne grundlegende Änderungen drohten Deutschland mehr als zehn Jahre Stagnation, lautet die Furcht. Jetzt kommen die wirtschaftlichen Schwierigkeiten auch in den öffentlichen Kassen an: Einst reiche Städte wie Ingolstadt, Friedrichshafen oder Stuttgart streichen Parks und Schwimmbäder zusammen. Die Bahn kommt immer noch unpünktlich. Und die tollen neuen Entwicklungen, mit denen man Geld verdienen und vielleicht auch Kriege gewinnen kann, die entstehen allzu oft auf anderen Erdteilen als Europa.
Lange Rede, kurzer Sinn: Zu schlechter Laune hat das Jahr 2025 genug Anlass geboten. Und all diese Nachrichten sind wahr. Doch es gibt auch ein anderes Bild von Deutschland, aus einem anderen Blickwinkel.
Den Menschen geht es immer noch ziemlich gut
In dieser anderen Perspektive geht es den einzelnen Menschen immer noch ziemlich gut, und das Land hat eine gute Basis, um mit den nötigen Reformen wieder auf die Beine zu kommen. Wer mit etwas Zuversicht ins neue Jahr gehen will, der darf sich auch dieses Bild einmal genauer ansehen.
In Umfragen sagt seit Jahren ziemlich stabil mehr als die Hälfte der Deutschen, ihre wirtschaftliche Lage sei gut. Als schlecht bewertet sie nicht mal jeder Zehnte – und so ist es auch in diesen Wochen. Das klingt komisch? Das Paradoxon lässt sich auflösen, angefangen damit, dass Arbeitslosigkeit für die meisten Deutschen immer noch weit weg ist. In den Nachrichten ist zwar inzwischen fast jede Woche von großen Stellenabbauprogrammen die Rede. Doch eines ist anders als in früheren Jahren: Ein Stellenabbau bedeutet längst nicht mehr immer, dass Leute entlassen werden.
So läuft es zum Beispiel beim Chemiekonzern BASF, der seit Jahren mit hohen Energiepreisen kämpft. 3000 Stellen hat der Konzern im vergangenen Jahr abgebaut. In diesem Jahr ging es nach den Worten der Personalvorständin „mit großer Dynamik“ weiter, und im kommenden Jahr sollen noch mehr Stellen wegfallen. Auf betriebsbedingte Kündigungen verzichtet der Konzern in seinem Stammwerk in Ludwigshafen allerdings bis mindestens 2028. So hat er es erst vor zwei Wochen mit dem Betriebsrat vereinbart. Der Stellenabbau geschieht nicht mit Entlassungen, sondern mit Abfindungen – und nicht zuletzt: weil so viele Beschäftigte in den nächsten Jahren in Rente gehen.
Das Risiko von Arbeitslosigkeit war noch nie so gering
Tatsächlich stellt auch die Bundesagentur für Arbeit fest: In der Geschichte des Landes hatten die Deutschen selten ein so geringes Risiko, arbeitslos zu werden. In den vergangenen zwölf Monaten meldeten sich nicht einmal 0,6 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten neu beim Jobcenter. Das sind nicht mehr ganz so wenige wie vor drei Jahren, aber wahr ist auch: Vor der Corona-Pandemie war dieser Wert noch niemals überhaupt so gering. Das heißt: In der Geschichte der Bundesrepublik vor Corona waren die Arbeitsplätze noch nie so sicher wie im Jahr 2025.
Ein bisschen anders sehen mögen das die jungen Leute, die aus Universität und Ausbildung kommen und jetzt nur schwer eine Stelle finden. Auch das ist ein Teil der Wahrheit: Wer im Moment keine Stelle hat, der findet auch nicht so leicht eine – auch auf dieser Seite ist der Arbeitsmarkt so unbeweglich, wie er es in der Geschichte des Landes selten war. Da machen sich die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Unternehmen bemerkbar, möglicherweise auch die ersten Effekte der Künstlichen Intelligenz, die manche Anfängertätigkeit in den Unternehmen übernommen hat. Doch auch für die jungen Leute gibt es Hoffnung: Die Arbeitsagentur rechnet damit, dass die Arbeitslosigkeit schon im kommenden Jahr wieder sinkt, selbst wenn das Wirtschaftswachstum keine neuen Rekorde erreicht. Warum? Die Antwort ist immer noch die gleiche: weil so viele Babyboomer in Rente gehen und bei allen Schwierigkeiten einige von ihnen ersetzt werden müssen.
Arbeitnehmer haben also gute Aussichten, und das wirkt sich auf die Löhne aus. Die steigen im Moment schneller, als viele Experten angesichts der Wirtschaftsflaute erwartet hatten. Allein im vergangenen Jahr sind die Gehälter in Deutschland um durchschnittlich fünf Prozent gestiegen, die geringsten Löhne noch etwas schneller. Auf der anderen Seite sind Lebensmittel ein Stück günstiger geworden, die Inflation beträgt nun noch etwas mehr als zwei Prozent. Entsprechend können sich die Deutschen heute wieder fast so viel kaufen wie auf dem bisherigen Höhepunkt des Wohlstands im Jahr 2019, zumindest gilt das im Durchschnitt. Nicht so schnell stiegen die Löhne in der krisengeplagten Autoindustrie, wo sie vorher schon hoch waren, das ist keine Überraschung. Über dem alten Stand sind dagegen zum Beispiel Krankenpfleger und Erzieher angekommen, aber auch die Leute in der Informationstechnik und in der Gastronomie.
Steckt das Land trotzdem in der Krise?
Wer jetzt noch nicht glaubt, dass die Deutschen wieder auf dem alten Wohlstand angekommen sind, der darf sich gern die Urlaubsstatistik ansehen. Die Deutschen sind wieder da, wo sie vor Corona waren – oder besser gesagt: Sie sind oft weg, wie das Statistikportal Statista in einer eigenen Umfrage ermittelt hat. Fast die Hälfte der Deutschen leistet sich wieder zwei oder drei private Reisen im Jahr. Zwar bleibt so wie früher ein Fünftel der Deutschen ganz zu Hause – doch fast genauso viele verreisen dafür vier Mal im Jahr oder noch öfter. Und für diese Reisen geben sie immer mehr Geld aus.
Bisher gibt diese Erzählung im Wesentlichen das wieder, was auch die Umfragen sagen: Den einzelnen Leuten geht es gut – doch wenn die Arbeitslosigkeit im kommenden Jahr nur durch massenhafte Renteneintritte gesenkt wird, dann steckt das Land als Ganzes trotzdem in der Krise. Gibt es für das Land auch etwas Grund zum Optimismus? Muss es den Menschen erst noch schlechter gehen, bevor der Reformwille kommt und es dem Land wieder besser gehen kann? Oder kann Deutschland aus diesem Sumpf auch dann herausfinden, wenn die einzelnen Deutschen nicht von wirtschaftlichem Druck zu Veränderung getrieben werden?
„Wenn der Handlungsdruck groß ist, werden Dinge möglich, die heute noch unvorstellbar sind. Und darauf steuert Europa im nächsten Jahr zu“, sagt Moritz Schularick, Leiter des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel. Und wenn Deutschland erst mal ins Rollen kommt, dann hat es gute Voraussetzungen. Zumindest hat praktisch jeder, den die F.A.S. in den vergangenen Tagen fragte, den einen oder anderen Grund zur Hoffnung genannt.
Der Mittelstand ist anpassungsfähig
Vor allem die Mittelständler seien sehr anpassungsfähig, sagt Clemens Fuest, der Präsident des Ifo-Instituts in München: „Sie haben in vergangenen Krisen, unter anderem der Corona.Pandemie, ihre Flexibilität und Innovationskraft bewiesen, und sie könnten ein wichtiger Faktor künftigen Wachstums in Deutschland sein.“
Daran glauben viele Leute: dass die Unternehmen gut darin sind, neue Techniken in den Markt zu bringen. „Unsere Stärke ist unser Ökosystem, die Kombination aus innovativen Hochtechnologieunternehmen, vom Mittelstand bis zum Konzern, ergänzt um ein Wissenschaftssystem, von der Berufsschule bis zu den Max-Planck-Instituten“, sagt Industriepräsident Peter Leibinger. „Diese enge Verzahnung ist weltweit einzigartig.“ Weil Deutschland Innovation und Produktion so gut verbinde, sei es stark in der Serienproduktion technologieintensiver Produkte. „Diese Produkte werden gefragt bleiben“, sagt Leibinger.
Eine der Branchen, die ohne großes öffentliches Interesse in den vergangenen Jahren immer weiter gewachsen sind, ist die Gesundheitsindustrie, die Ärzte und Krankenhäuser. Aus Deutschland kommen nicht nur Corona-Impfstoffe, sondern immer noch viele patentgeschützte Medikamente, außerdem weltweit führende Computertomographen und Magnetresonanztomographen – eben: technologieintensive Anlagen voller Hightech, die sich nicht so leicht nachbauen lassen. Und eine der großen subventionslosen Investitionen des Jahres war ein Medikamentenwerk in Alzey.
Wenn Reformen kommen, schafft es das Land
Am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim betont der Präsident Achim Wambach: „Deutschland ist nach wie vor eines der führenden Länder bei Forschung und Entwicklung, sowohl bezüglich der Ausgaben als auch bei den Erfolgen, etwa bei den Patentzahlen.“ Er verweist auf die Aufrüstung. Dass jetzt größere Verteidigungsausgaben nötig würden, das sei zwar nicht erwünscht – aber dieses Geld könne die Forschung stärken, auch in Branchen, in denen die zivile Wirtschaft profitiert. Da meint er zum Beispiel Drohnen, Satelliten und Cybersicherheit. „Deutschland mit seinen Stärken in Chemie, Maschinenbau und Elektronik ist gut aufgestellt, von diesen Entwicklungen zu profitieren“, sagt Wambach.
Tatsächlich haben sich in den vergangenen Jahren schon mehrere Rüstungs-Start-ups in Deutschland gegründet, eines der prominentesten davon ist Helsing, das Drohnen mit Künstlicher Intelligenz steuert und schon im Ukraine-krieg aktiv ist. Insgesamt ist die Zahl der Firmengründungen noch viel geringer, als sie es vor zehn Jahren war. Doch der Trend dreht sich gerade.
Der Deutsche Start-up-Verband hat schon zur Jahresmitte neun Prozent mehr Start-up-Gründungen gezählt als im Vorjahr. „Für das Gesamtjahr erwarten wir nochmals einen deutlichen Zuwachs“, sagt Verbandschefin Verena Pausder. Eine besondere Chance seien Hochtechnologie-Gründungen, zum Beispiel mit Raketen, Robotern und Kernfusion, „weil hier exzellente Forschung, industrielle Stärke und langfristige technologische Durchbrüche zusammenkommen. Genau die Kombination, mit der wir global wettbewerbsfähige Unternehmen aufbauen können.“
Bleibt die Frage, ob Deutschland seine nötigen Reformen schafft. Diese Reformen hat Ifo-Präsident Clemens Fuest auf seine Hoffnungsliste gesetzt: „Im Frühjahr hat die Bundesregierung noch mal die Gelegenheit, Reformen auf den Weg zu bringen, die das Wachstum beleben“, sagt er. „Bislang ist das nicht gelungen, aber bei allen Koalitionspartnern müsste das Bewusstsein vorhanden sein, dass der Reformbedarf gewaltig ist.“