Ein Gespenst geht um in Deutschland – das Gespenst der Deindustrialisierung. Es taucht auf in den Reden von Politikern und in den Mahnungen von Unternehmern. Mal ist von einer „schleichenden Deindustrialisierung“ (CDU-Chef Friedrich Merz als Oppositionsführer) die Rede, mal befindet sich der Industriestandort „im freien Fall“ (BDI-Präsident Peter Leibinger). Gestützt wird die Deindustrialisierungsthese von der seit Jahren im Trend rückläufigen Wertschöpfung des verarbeitenden Gewerbes und von Meldungen über Personalabbau vor allem in der Automobilindustrie: Im Volkswagen-Konzern sollen bis 2030 rund 50.000 Stellen wegfallen. Bosch will im selben Zeitraum 20.000 Stellen in Deutschland streichen.
Wie dramatisch ist die Lage wirklich? Drei Forschungseinrichtungen – das Ifo-Institut, das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) und die Bertelsmann-Stiftung – haben die Entwicklung aus allen möglichen Perspektiven beleuchtet und versuchen abzuschätzen, wie es weitergehen wird. In den Studien, die der F.A.Z. vorab vorliegen, liefern sie ein Bild in Grautönen: Die deutsche Industrie schrumpft und verliert in der Welt Marktanteile. Es gibt aber auch Hoffnungsvolles zu berichten.
1. Strukturbruch, aber kein Abbruch
Die Krise der Industrie begann nach Ansicht der Ökonomen vor knapp zehn Jahren. Seit 2017 ist die jährliche Bruttowertschöpfung der Industrie preisbereinigt um 7,5 Prozent gesunken. Etwa eine halbe Million Industriearbeitsplätze sind seitdem verschwunden. „Was die Industrie seit Jahren erlebt, ist ein tiefgreifender Strukturbruch – ein Wandel, der über zyklische Schwankungen weit hinausgeht“, sagt Michael Grömling, der am IW in Köln forscht. Vor allem die energieintensive Industrie, zum Beispiel die Metall- und Papierindustrie, hätten schon in den 2010er-Jahren begonnen, Fabriken und Beschäftigung hierzulande abzubauen.
Besonders bedenklich stufen die Ökonomen die andauernde Investitionsschwäche in Deutschland ein. Im vergangenen Jahr sank die Investitionsquote gemessen an der Wirtschaftsleistung auf den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung. Die Industrie hat daran den größten Anteil. „Gemessen an der Dauer“, sagt Grömling, „ist die Krise so hartnäckig wie die Strukturkrise der 1990er-Jahre.“ Von einer Deindustrialisierung, einem dauerhaften und ersatzlosen Verschwinden großer Industrieteile, will der Ökonom aber noch nicht sprechen. Oliver Falck, ein Forscher des Ifo-Instituts, sagt: „Wir sehen einen tiefgreifenden Strukturwandel. Die Deindustrialisierungsdebatte ist aber ein bisschen zu überdreht.“
2. Der Industrieanteil ist im internationalen Vergleich hoch
Seit 2016 ist der Anteil des verarbeitenden Gewerbes an der gesamten Bruttowertschöpfung nominal um rund drei Prozentpunkte auf etwas weniger als 20 Prozent gesunken. Der Rückgang war stärker als in anderen Industrieländern. Im internationalen Vergleich aber hat Deutschland immer noch viel Industrie. Der Anteil an der Wertschöpfung ist rekordverdächtig und etwa doppelt so hoch wie in Großbritannien und Frankreich.
Noch größer wirkt die deutsche Industrie, wenn berücksichtigt wird, dass Industrieunternehmen heute oft hybride Unternehmen sind. Sie bieten zu ihren Produkten passende Dienstleistungen an, wie Finanzierungen und Reparaturen. Diese Kombination funktioniert nach Einschätzung der Ökonomen hierzulande hervorragend – Industrie und verbundene Dienstleistungen machen gemeinsam 30 Prozent der Wertschöpfung aus. Allerdings fallen auch viele diese Dienstleistungen weg, wenn die zugrundeliegende Industrie schrumpft.
Auf dem Arbeitsmarkt sehen die Fachleute neben Schatten auch Licht. Während in der Kfz-Fertigung seit 2015 fast ein Viertel der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze wegfiel, kamen im IT-Bereich fast fünfzig Prozent dazu. Auch die Rüstungsindustrie baut derzeit von Monat zu Monat Personal auf. Unter dem Strich steht dennoch ein Minus: Im vergangenen Jahr arbeiteten 7,25 Millionen Menschen im verarbeitenden Gewerbe, 520.000 Menschen weniger als noch im Jahr 2019.
3. Deutsche Waren sind weniger gefragt
Die Gründe für das Schrumpfen der Industrie sind vielfältig. Ein wichtiger Grund ist: Die deutsche Exportstärke, jahrzehntelang das Rückgrat des Wohlstands, lässt nach. Bis vor fünf Jahren wuchs die deutsche Ausfuhr fast immer schneller oder im Gleichschritt mit der Weltwirtschaft. Etwa zur Zeit der Covid-Pandemie kam der Bruch.
„Der deutsche Export hat sich vom Weltmarkt abgekoppelt, mit entsprechenden Auswirkungen auf die Industrieproduktion“, sagt Otto Meyer zu Schwabedissen, Projektmanager der Bertelsmann-Stiftung. Das liegt nach seiner Einschätzung vor allem daran, dass die Ausfuhr von Autos nach China sich in den vergangenen Jahren halbiert hat. „Das ist schon ziemlich dramatisch“, sagt Meyer zu Schwabedissen. „Da ist es schon dringend geboten, den EU-Binnenmarkt zu vertiefen und neue Freihandelsabkommen zu schließen.“
4. China hat alle überholt
China ist auch jenseits der Autoindustrie der sichtbarste Grund für die Veränderungen. Während der Anteil Deutschlands an der globalen Industrieproduktion mit fünf Prozent nur noch halb so hoch ist wie vor den 1990er-Jahren und auch die USA und das restliche Europa Anteile eingebüßt haben, hat China seinen Anteil in den vergangenen Dekaden auf rund 30 Prozent verzehnfacht.
Der Aufstieg Chinas von der globalen Werkbank zu einem Anbieter von Industrie- und Hightech-Produkten habe den Wettbewerb für die deutsche Industrie verschärft, aber auch zu einer Fokussierung auf hochwertige Produkte geführt, sagt Ifo-Forscher Falck: „Wir bauen nicht mehr die Massenwerkzeugmaschine oder die Bohrmaschine, weil die längst aus China kommt. Wir bauen spezialisierte Maschinen für anspruchsvolle Kunden.“
5. Der Standort hat große Schwächen, aber auch besondere Stärken
Im Standortranking des IW in Köln belegte Deutschland 2025 Rang 12 von 45 Ländern. Kostenseitig – also Steuern, Löhne, Energie – ist Deutschland allerdings Vorletzter.
Die preisliche Wettbewerbsfähigkeit habe sich in den vergangenen zehn Jahren auch im Vergleich zu anderen Eurostaaten verschlechtert, heißt es in den Studien. Vor allem die hohen Strom- und Gaskosten sind für energieintensive Betriebe ein Standortnachteil.
Ökonom Grömling vom IW fürchtet, dass die Krise dieser Industrien hierzulande noch weiter andauern wird. „Ein großes Chemiewerk schaltet man nicht von heute auf morgen ab“, sagt Grömling. „Da kann noch etwas kommen.“ Allerdings ist Deutschland in einer anderen Kategorie Spitzenreiter: In keinem anderen Land zeigen die 60 statistischen Einzelindikatoren, die das IW in dem Ranking vergleicht, eine größere Offenheit des Marktes und eine größere Vielfalt der Wertschöpfungsketten an.
6. Die Industrieunternehmen haben die Weichen auf Wachstum gestellt
Für den Blick nach vorne ist nicht nur die Attraktivität des Standorts entscheidend, sondern auch, ob die Betriebe es schaffen, ihre Produkte so auszurichten, dass sie auch künftig gefragt sein werden. In dieser Hinsicht liefern die Forscher ein in erster Linie positives Bild. Schon jetzt habe ein großer Teil der Unternehmen es geschafft, überwiegend Produkte im Angebot zu haben, die in den vergangenen fünf Jahren immer stärker gefragt waren. 76 Prozent der Bruttowertschöpfung des verarbeitenden Gewerbes entfalle auf solche „zukunftsfesten“ Branchen. Dazu zählen unter anderem die Pharma- und Halbleiterindustrie.
Als anschauliches Beispiel einer gelungenen Neuausrichtung nennt Falck vom Ifo-Institut ein hessisches Unternehmen, das einst auf Blasebälge für Bandoneons, also Musikinstrumente, spezialisiert gewesen sei. „Heute sind sie Weltmarktführer für Ummantelungen beweglicher Maschinenteile.“ Roboter statt Blasebalg. Überraschend für die Forscher war, dass dieses positive Fazit, was die Produkte angeht, selbst auf Branchen wie die Metallerzeugung oder die chemische Industrie zutrifft, die oft als Krisenindustrien bezeichnet werden. Auch der Maschinenbau, der mehr als eine Million Menschen beschäftigt, bietet gemäß der Ifo-Studie in der Mehrheit wachstumsstarke Produkte an.
Der große Wermutstropfen: Für die Autoindustrie, Deutschlands andere Leitindustrie mit knapp 900.000 Beschäftigten, trifft das nicht zu. Die Forscher sprechen daher von einer „Sonderkrise“: Im wachsenden Bereich der Elektroautos sowie der Software- und Unterhaltungsangebote im Auto haben deutsche Konzerne schärfere Konkurrenz als zuvor. Elektromotoren zu bauen erhöhe die Bruttowertschöpfung zudem weniger, als es bei den Verbrennungsmotoren der Fall war. Unter dem Strich stehen also viele aussichtsreiche, aber eher kleine oder mittelgroße Branchen einem wankenden Riesen – der Automobilwirtschaft – gegenüber.
7. Viel Forschung, wenig Durchbrüche
Als Schlüssel dafür, auch künftig gefragte Produkte anbieten zu können, sehen die Forscher eine starke Forschung. Die deutsche Industrie sei forschungsintensiv, heißt es. In absoluten Summen investiere sie aber viel weniger als die USA, China und Japan in diesen Bereich. Zudem seien aus dem Geld zuletzt – im Gegensatz zu früheren Dekaden – kaum noch große Produktivitätsimpulse entsprungen. In der Auto- und Chemieindustrie sowie dem Maschinenbau gebe es viele kleine, inkrementelle Innovationen. Insgesamt werde aber zu wenig in die Erforschung neuer, disruptiver Technologien und Schlüsseltechnologien investiert, aus denen künftig Wachstum und Wohlstand entstehen könnten. Die Forscher sprechen von einer „Midtech-Falle“, die verhindere, dass der Fokus stärker auf Digitalisierung und große Herausforderungen wie den Klimawandel und die Demographie gelenkt werde.
8. Viel Industrie bedeutet nicht automatisch viel Wachstum
Die Sorge vor dem Schrumpfen der Industrie in Deutschland wird dadurch ein wenig gelindert, dass durch ein Schrumpfen nicht zwangsläufig Wohlstand verloren gehen muss. „Zwischen Wirtschaftswachstum und Industrieanteil eines Landes gibt es definitiv keinen Zusammenhang“, sagt Ifo-Forscher Oliver Falck. Ob ein Land weiteren Wohlstand anhäuft, hängt demnach davon ab, ob Unternehmen produktiver werden und Innovationen voranbringen. Das könne in wissensintensiven Dienstleistungsbereichen wie IT oder Finanzdienstleistungen genauso gelingen wie in der Industrie. Der gezieltere Einsatz von Wagniskapital in disruptive Technologien wie in den Vereinigten Staaten sei Beleg dafür, dass hohe Dynamik jenseits der Industrie stattfinden kann.
9. Deutschlands industrieller Schatz
Eine falsche Folgerung daraus wäre, dass es für Deutschland völlig egal ist, ob die Industrie durch anderen potentielle Wachstumstreiber ersetzt wird oder nicht. In keinem anderen Land, das die Forscher untersuchten, trafen sie auf eine derart dezentrale, mittelständisch geprägte Industriestruktur wie in Deutschland. Aus Sicht der Ökonomen ist das für sich genommen eine eigene Standortstärke: Die Industriestruktur führe fast automatisch dazu, dass wirtschaftlich schwächere Regionen über die Zeit aufholten und das Ziel gleichwertiger Lebensverhältnisse zumindest etwas näher rücke.
Das wirke zudem politisch stabilisierend. Anders als etwa in Irland oder den Vereinigten Staaten profitiere auch der ländliche Raum von wachstumsstarken Branchen und den damit oft verbundenen Fachhochschulstrukturen und Wissensnetzen. In deutschen Regionen, in denen viele Exportgüter hergestellt werden, sei das Wahlverhalten vergleichsweise stabil geblieben, während in Regionen mit starker Konkurrenz von Billigwaren aus dem Ausland die Zustimmung zu rechtspopulistischen Parteien zugenommen habe. „Wir sollten diesen Vorteil nicht so arglos über Bord werfen“, sagt Ifo-Ökonom Falck.
10. Was braucht die Industrie – und was braucht sie nicht?
Die Forscher ziehen als Fazit, dass Deutschland als Produktionsstandort weiter an Boden verlieren wird, als Ort für die Entwicklung, der Ingenieurskunst und der Spezialisierung von Industrieprodukten seine bedeutende Rolle aber verteidigen kann – gemäß dem Motto: Entwickelt wird in Deutschland, produziert wird anderswo. Das müsse in Zeiten schrumpfender Erwerbsbevölkerung kein schlechtes Modell sein. Voraussetzung sei, dass die Politik sich nicht darauf konzentriere, bestehende Arbeitsplätze, Geschäftsmodelle und Technologien zu verteidigen. Solche strukturerhaltenden Maßnahmen könnten die Transformation nicht aufhalten, sondern nur verzögern, was die Kosten letztlich nach oben treibe.
Stattdessen müssten Kapitalmarkt, Steuersystem und Regulierung darauf ausgerichtet werden, dass Innovationen gewagt werden und das Scheitern nicht so teuer ist wie bislang. Forschungsförderung dürfe nicht mit der Gießkanne von vielen Akteuren auf viele Akteure verteilt werden, sondern müsse da eingesetzt werden, wo die Wachstumschancen am größten seien. Kleinteilige Industriepolitik halten die Ökonomen für falsch – vielmehr fordern sie innovationsfreundliche Rahmenbedingungen, die für alle gelten. Bertelsmann-Forscher Meyer zu Schwabedissen sieht nur die Autoindustrie als Sonderfall: „Die Lage dort ist wirklich sehr schwierig. Da komme ich zu der Auffassung, dass es ein beherztes Intervenieren auf europäischer Ebene im Sinne von Kaufanreizen durchaus geben darf.“
Am Ende bleibt ein Bild in Grautönen. Das ist weniger spektakulär als das Gespenst der Deindustrialisierung, doch es lässt Raum für Hoffnung. „Ich würde die Wette nicht ohne die deutsche Industrie machen“, sagt Falck vom Ifo-Institut. „Ich sehe da absolut positive Entwicklungen.“