Wird Skifahren zum Luxus?: „Der Preis ist vernunftgemäß“

Harald, wir kennen uns kaum und sind schon beim Du, wie in den Bergen üblich. Wie sehr würde es deinem Geschäft schaden, wenn sich Skilehrer und Kunden siezen würden?

Die Höflichkeitsform gibt es auch bei uns hier oben in den Bergen, es gibt keinen Zwang zum Duzen. Ich fange immer mit dem Sie an, und wem das gefällt, der wird sogar bis zum Ende gesiezt. Das hat keinen Einfluss auf die Höhe der Rechnung oder die Neigung zu Reklamationen. Aber die meisten Kunden wollen schnell zum Du, wenn sie erst einmal hier sind. Das gilt für alle Schichten, vom Busfahrer bis zum Blaublütigen oder Multimilliardär.

Zu dir kommen sie alle, weil du der Chef der größten Skischule in Österreichs größtem Skigebiet bist, in St. Anton am Arlberg. Wie läuft das Geschäft in dieser Saison?

Wahnsinnig gut, anders kann ich es nicht sagen. Wir haben im Vergleich zum vergangenen Winter ein Plus von 13 Prozent bei den Gästezahlen. Das überrascht uns ehrlicherweise fast selbst. Heute sind ausnahmslos alle unsere 380 Skilehrer im Einsatz. Einige Länder, die für uns Kernmärkte sind, haben gerade Winterferien. Es sind viele Deutsche da, aber auch Holländer, Engländer, Skandinavier. Dazu kommen von Jahr zu Jahr mehr Chinesen, auch Araber, und neuerdings auch viele Brasilianer.

Wie viel mehr Gäste vertragen die Berge? Wann wird es zu voll?

Die Bergbahnen haben eine Obergrenze gesetzt. Wenn für einen Tag 45.000 Tickets verkauft sind, ist Schluss. Dann verkaufen sie kein weiteres mehr. Das kommt je Saison vielleicht an zehn Tagen vor. Damit kann ich gut leben.

Der Klimawandel stellt den alpinen Wintertourismus grundsätzlich infrage. Ist der Boom jetzt ein letztes Aufbäumen, bevor es zu Ende geht?

Der Klimawandel ist eine Tatsache, wir sehen ihn auch hier. Im Herbst kommt der Schnee später als früher. Ich rechne trotzdem damit, dass wir hier am Arlberg auch in 50 oder 70 Jahren noch Ski fahren können. Uns hilft unsere besondere geographische Lage. Schau raus: Heute haben wir einen halben Meter Neuschnee, und über Nacht soll noch einmal so viel dazukommen.

Es brummt, obwohl St. Anton kein billiges Pflaster ist. Vier Stunden Gruppenkurs kosten bei dir 123 Euro. Dazu kommt die Liftkarte, die mit 81,50 Euro am Tag eine der teuersten in Österreich ist.

Mich ärgert es, dass so viel über den Tagespreis geredet wird. Dabei spielt der doch nur für die wenigsten Urlauber eine Rolle. Wer einen Fünftagekurs bei uns bucht, zahlt je Tag 84 Euro, und auch der Liftpass wird dann günstiger.

Für Normalverdiener ist auch das noch eine Menge. Erst recht, wenn sie mit der Familie anreisen. Warum ist Skifahren so teuer geworden?

Stell einmal dagegen, was du alles bekommst. Wir haben in unserem Skigebiet 85 Lifte und Seilbahnen. Wenn so eine Bahn neu gebaut wird, kostet das schnell 20 oder auch 40 Millionen Euro. Es gibt an den Bergstationen schöne Restaurants und gut sortierte Sportgeschäfte. Und jeden Abend sind mehr als 60 Pistenraupen im Einsatz, um alles für den nächsten Tag herzurichten, insgesamt 305 Kilometer präparierte Piste. Ich finde: Der Preis ist angemessen.

Harald Wolf, 51, ist seit 25 Jahren Skilehrer und seit 2024 Chef der Skischule Arlberg.Felix Kaspar Rosic

Du bist seit 25 Jahren Skilehrer, warst davor ein hervorragender Snowboarder. Als du anfingst, gab es am Berg kein WLAN und in der Gondel keine beheizten Sitze. Wie gefällt es dir, dass es heute so luxuriös zugeht?

Es geht um den Komfort, den die Gäste erwarten. Von Luxus würde ich dabei nicht reden. Die Stützen für die Seilbahn waren als Funkmasten für das WLAN ja schon da, die mussten wir nicht erst bauen. Und bei Schnee und Wind auf 2000 Meter und mehr in der Gondel hochzufahren, war vor 25 Jahren kein Spaß und ist heute kein Spaß. Schön, wenn nicht auch noch der Sitz eiskalt ist.

Die Kinder haben es in ihren Kursen nicht so kommod. Warum müssen sie wie eh und je Tellerlifte nutzen?

Weil Tellerlifte großartig sind für diesen Zweck. Erstens ermöglichen sie einen schnellen Durchlauf. Die Kinder müssen ja nicht auf den Gipfel, um dann drei Kilometer ins Tal abzufahren, sondern brauchen zum Üben viele Wiederholungen. Da ist ein kurzer Lift, vor dem sie nicht lang anstehen müssen, viel besser. Und zweitens ist es schon eine super Gleichgewichtsübung, mit so einem Lift überhaupt den Berg hochzukommen. Wenn es nach mir geht, lassen wir die Tellerlifte also noch sehr lang stehen.

Bleiben wir kurz bei den Kindern. Wie alt müssen sie sein, damit ein Skikurs Sinn macht?

Mindestens drei Jahre. Für die noch Kleineren bieten wir heuer zum ersten Mal eine eigene Betreuung an, dann können Mama und Papa ein paar Stunden zusammen Ski fahren. Bei den Kursen ist wichtig, dass die Kinder in der Mittagspause ordentlich essen, weil die Kälte ihnen noch viel mehr zusetzt als den Erwachsenen. Wir betreiben sieben Restaurants speziell für die Kinder. Da waren wir eine Weile voll auf Gesundheitskurs, weil sich die Eltern das so wünschten, mit Gemüsesticks und dergleichen. Davon sind wir wieder etwas abgewichen. Beim Skikurs muss es den Kindern schmecken. Alles andere sollen die Familien unter sich ausmachen.

Wie fürsorglich sind die Eltern, wenn sie ihre Kinder bei dir abgeben?

Da gibt es große Unterschiede. Die Deutschen sind typischerweise sehr fürsorglich, manche sogar zu sehr. Die müssen wir wegschicken, wenn sie mittags reinschauen wollen, weil das die Kinder durcheinanderbringt. Engländer und Holländer nehmen es oft etwas leichter. Da kommen die Kinder auch mal viel zu dünn angezogen. Aber das liegt vor allem an mangelnder Erfahrung mit den Bedingungen hier.

Viele Sportlehrer klagen, dass die Kinder heute weniger rennen, hüpfen, Purzelbäume schlagen als früher. Wie wirkt sich das im Skikurs aus?

Ich sehe da nicht so schwarz. Mein Eindruck ist, dass es dabei um eine kleine Minderheit der Kinder geht. Dasselbe gilt nach meiner Beobachtung für das soziale Verhalten. Da gibt es auch nur sehr wenige, die in der Gruppe nicht tragbar sind. Wenn das der Fall ist, müssen die Eltern sie abholen. Wir bringen den Kindern bei, wie sie sich auf der Piste verhalten müssen. Aber die allgemeine Erziehung ist nicht unser Auftrag.

Auf der Piste hält sich auch längst nicht jeder an Regeln und Anstand, viele überschätzen sich. Sonst käme es nicht zu so vielen Unfällen.

Die Unfälle gibt’s, keine Frage. Der Helikopter bringt fast jeden Tag jemanden mit einem Knochenbruch oder Bänderriss ins Spital. Aber wenn du siehst, wie viele Leute hier unterwegs sind, ist es wieder nur eine sehr kleine Zahl. Und dank unserer modernen Medizin ist das meiste nach zwei, drei Monaten ausgestanden. Was die Selbstüberschätzung und das schlechte Benehmen angeht: Da sticht eindeutig eine Altersgruppe heraus, zwischen 18 und 25 Jahren. Siebzehnjährige kommen noch zu uns in die Kurse, Achtzehnjährige halten das für uncool. Und fahren dann drauflos.

Lass uns wieder übers Geld reden. Die Wirtschaft lahmt, die Industrie streicht viele Stellen. Hier steppt trotzdem der Bär in den Bars, wo ein Glas Bier 7,50 Euro kostet. Das geht doch nur, weil beim Skifahren heute die Reichen unter sich sind.

Kompliment, da hast du eine günstige Bar gefunden, oft ist das Bier teurer. Im Ernst: Ein Skiurlaub ist nicht billig, aber das war früher schon genauso. Und deine Vermutung, dass nur die Reichen hierherkommen, stimmt nicht. Ich vermiete selbst ein paar Appartements. Und da kommt wirklich der Busfahrer, den ich schon erwähnt habe, mit seiner Familie. Dem hat das Skifahren als Kind Spaß gemacht. Das will er jetzt an seine Kinder weitergeben, und dafür spart er dann eben, um es bezahlen zu können.

Sparen ist ein gutes Stichwort. Auf Youtube geben viele Skilehrer kostenlos Tipps. Wie ernst nimmst du diese Konkurrenz?

Nicht besonders. Du kannst dir das anschauen und versuchen, so zu fahren. Aber du siehst dich dann ja nicht selbst auf der Piste. Du brauchst jemanden, der dir sagt und zeigt, was du falsch machst und wie du dich verbessern kannst. Gefährlicher könnte uns eines Tages die Künstliche Intelligenz werden. Wenn jeder sich von einer Drohne filmen lässt, die KI das Video blitzschnell analysiert und zum Beispiel über einen Kopfhörer gleich Tipps gibt – darauf müssen wir uns vorbereiten.

Noch ist es nicht so weit. Wo lässt sich im Skiurlaub jetzt schon sparen?

Du musst, wenn du für eine Woche zum Skifahren kommst, keine eigene Ausrüstung mitbringen. Es gibt alles zum Leihen, in einer riesigen Auswahl und in bester Qualität. Wenn du das mit früher vergleichst, wo du alles selbst kaufen musstest, ist das ein großer Vorteil. Und dann natürlich die Gastronomie: Wir haben oben am Galzig, unserem Hausberg, ein phantastisches Sternerestaurant. Da kostet das Hauptgericht 40 oder 50 Euro. Aber daneben gibt es ein Selbstbedienungslokal, wo es einen Kebab für weniger als zehn Euro gibt. Es wird niemand gezwungen, das Teuerste zu nehmen. Und beim Après-Ski sind zwei Bier vielleicht genug.

Andererseits ist die Partystimmung ein Markenzeichen von St. Anton.

Die soll es ja auch weiterhin geben, schlecht sind nur die Übertreibungen. Deshalb findest du bei uns, anders als am Ballermann, nirgends einen Mengenrabatt auf Alkohol. Oder nimm ein anderes Beispiel: Die Wirte im Ort haben sich darauf geeinigt, dass sie ab 19 Uhr keinen mehr mit Skistiefeln in ihre Lokale lassen. Das gefällt nicht jedem. Aber diese Stiefel sind verdammt schwer. Wenn du damit jemandem in Straßenschuhen auf die Füße trittst, tut das sehr weh. Und da hat einfach zu oft der Anstand, die Rücksichtnahme gefehlt.

Ist der nächste Schritt ein Alkoholverbot auf der Piste?

Hoffentlich nicht. Ein Glas Rotwein oder ein Sundowner vor der letzten Abfahrt oben an der Bergstation sind ein Genuss, den ich niemandem verbieten möchte. Mir ist eine Welt lieber, in der die Menschen selbst die Verantwortung für ihr eigenes Tun und Lassen übernehmen. Wo soll, erstens, die Grenze für ein Verbot liegen? Und zweitens, wie willst du es am Berg kontrollieren?

Einkehrschwung: Aufgestellte Bretter vor einer Après-Ski-BarFelix Kaspar Rosic

Ob nüchtern oder nicht, viele zeigen auf der Piste gern ihre sündteure Ausrüstung. Fährt man damit besser?

Überhaupt nicht. Du kannst deine Ski, wenn du sie nur zwei Wochen im Winter fährst, locker zehn Jahre benutzen, ohne einen Nachteil zu haben. Dasselbe gilt für die Anzüge. Und du darfst vom Äußeren nicht aufs Konto schließen. Einer meiner Stammgäste ist steinreich, trägt aber immer seinen abgerissenen alten Rennanzug. Typisch altes Geld.

Wie meinst du das?

Die Gäste, deren Familien schon lange vermögend sind, treten meistens sehr bescheiden auf. Einige bestehen mittags aufs SB-Restaurant, weil es ihnen dort besser gefällt. Mit den Neureichen, ob sie nun aus China kommen, aus Indien oder sonst woher, ist das oft anders. Mich haben mal vier zum Mittagessen ins teuerste Lokal mitgenommen und dann die ganze Karte bestellt, um von jedem Gericht einen Bissen zu nehmen und es dann zurückgehen zu lassen.

Und du saßt als Skilehrer daneben mit guter Miene zum bösen Spiel?

Nein. Ich will meine Gäste nicht erziehen, aber ich muss auch nicht alles mitmachen. Ich habe zu ihnen gesagt, dass wir uns später zum Skifahren wiedersehen, und bin rausgegangen.

Früher hatten Skilehrer einen Ruf als Animateure und Charmeure. Wie viel Spielraum gibt es dafür heute noch?

Viel weniger, und manchmal bedauere ich das. Weil schön war’s schon. Und es sind ja auch viele glückliche Ehen daraus entstanden, wenn Touristinnen aus Deutschland, Holland oder Schweden sich hier in einheimische Männer verliebt haben. Aber es hat irgendwann in den Neunzigern und Zweitausendern überhandgenommen. Wir mussten gegensteuern. Deshalb haben wir unseren Lehrern untersagt, in ihren Skischulanzügen zum Après-Ski zu gehen.

Muss der Skilehrer überhaupt noch die Partyhits der Saison kennen?

Ich bin da nicht textsicher. Aber einen Tipp, was der nächste Hit werden könnte, hätte ich. Letzte Woche war DJ Ötzi hier. Als er auf der Bühne sein Stück mit dem Refrain „I kimm ausm Landl Tirol“ gespielt hat, ist die Menge schier durchgedreht. Würde mich nicht wundern, wenn das auf dem nächsten Oktoberfest in München ganz groß rauskommt.

Source: faz.net