„Wir sehen, dass die Politik von Trump zweite Geige den Markt definit“

Das internationale Machtgefüge auf dem Öl-Markt verschiebt sich durch die US-Intervention in Venezuela massiv. Die USA sind unter Trump auf dem Weg zum „Petro State“. Dabei geht es nicht nur um Geld, sondern auch um die Frage, wer künftig den Ölpreis bestimmt: die USA oder die Opec.

Venezuela, Iran, Russland: Es sind turbulente Zeiten für den Öl-Markt. Welche epochalen Veränderungen gerade stattfinden, was es mit dem Aufstieg der USA zur Ölmacht auf sich hat, welche neuen Player russisches Öl überflüssig machen könnten – und warum dieses Jahrzehnt ein goldenes für den ganzen Sektor ist, erklärt der internationale Energieberater Johannes Benigni im Interview.

WELT: Herr Benigni, Sie beraten Ölkonzerne sowie Regierungen in Energiefragen: Wozu raten Sie im Moment?

Johannes Benigni: Es geht um eine differenzierte Einschätzung von Donald Trumps Politik. Sie erscheint vielen nicht immer schlüssig. Ich versuche zu verstehen, wo die Interessen sind. Denn die US-Politik ist immer interessengesteuert. Manchmal sind diese Interessen auch ausgesprochen, aber werden nicht immer verstanden. Trump hat sich in seiner ersten Amtszeit bereits gegen die Ostseepipeline Nord Stream 2 geäußert und dafür plädiert, dass Europa US-Flüssiggas kauft. Hätte man das richtig verstanden, hätten Deutschland und Österreich die Abnehmerverträge mit Russland nicht derart erhöht.

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WELT: Fokussieren wir den Öl-Markt: Die Erwartungen, dass die US-Intervention in Venezuela dem Ölpreis stark zusetzen würde, war heillos überzogen. Aber eines zeigt sich: Die USA bauen ihre Kontrolle auf dem Öl-Markt aus. Wie sieht das der Experte?

Benigni: Nachdem China demonstrativ mit Indien und Russland in Peking das Ende des Zweiten Weltkrieges vor 80 Jahren gefeiert hatte, haben wir von unseren Partnern in den USA ganz klare Signale bekommen, dass sich Washington nun neu orientiert und strategisch um seinen Hinterhof kümmert. In Venezuela wollen die USA wieder stärkeren Zugriff auf die Ölreserven und die internationalen Widersacher von dort fernhalten. Dazu kommt, dass der US-Konzern ExxonMobil schon seit Jahren im Nachbarstaat Guyana Öl fördert – aktuell eine Million Fass pro Tag, bis Jahresende wahrscheinlich 1,2 Millionen und bis 2030 dann 1,7 Millionen. Venezuelas Präsident hatte Ende 2024 Gebietsansprüche auf Guyana artikuliert. Die US-Ölindustrie hat diese Sorgen gegenüber Trump kundgetan.

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WELT: Tatiana Mitrova, Energieexpertin am New Yorker Center on Global Energy Policy, meint, dass sich die USA gerade als Petro State konsolidieren. Aber im Unterschied zu klassischen Petro States sei Öl für die USA nicht die zentrale Einnahmequelle, sondern ein Instrument, mit dem man elastisch Markterwartungen und Politik steuern kann. Ein richtiger Befund?

Benigni: Da wird vielleicht etwas zu viel hineininterpretiert. Das venezolanische Öl ist zwar von Interesse für die US-Raffinerien, das Volumen aber eher mühsam zu fördern und bescheiden und wird auch zur Bedienung der Chinesen herhalten müssen, die ja 65 Milliarden Dollar in Venezuela investiert haben. Das venezolanische Öl ist kein Gamechanger, aber das US-amerikanische Öl ist ein Gamechanger. Es wird auch nach Europa geliefert und beeinflusst daher auch den Preis der Leit-Ölsorte Brent. Aber bei der gestiegenen Rolle der USA ist eines zu bedenken: Die USA haben keine vom Staat kontrollierte Ölwirtschaft, das sind klassisch kapitalistisch agierende Privatunternehmen. Ganz anders als etwa in Saudi-Arabien oder in anderen Ländern des Öl-Kartells Opec+, wo oftmals das Ministerium bestimmt, wie viel produziert wird.

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WELT: In Guyana nimmt die Förderung stark zu. Auch in Kanada, Brasilien, Argentinien. Wie relevant sind diese neuen Förderstätten für die Machtverhältnisse auf dem Öl-Markt?

Benigni: Das schwere kanadische Öl wird zum Großteil von den US-Raffinerien verwendet. Und die Förderung in Kanada ist wieder entspannter, weil der neue Premierminister die belastende CO₂-Steuer aufgehoben hat. Brasilien war in den vergangenen Jahren sicher einer der Hotspots der Förderung und ist weiterhin sehr erfolgreich. Argentinien spielt international keine Rolle.

WELT: Sie haben China erwähnt. Wenig bekannt ist, dass auch dort die Förderung ausgeweitet wird. Wie viel tut sich da?

Benigni: China fördert mit 250 Milliarden m³ relativ viel Gas, und auch bei Öl sind es mehr als vier Millionen Fass. Es importiert aber zwölf Millionen. Wenn sie die Anstrengungen erhöhen, könnten sie mehr fördern.

WELT: Warum ich das alles frage: Die Welt kann auf russisches Öl vorerst nicht verzichten. Aber es kursiert auch die Hoffnung im Westen, dass russisches Öl beizeiten von anderen Quellen in der Welt ersetzt werden kann. Wie realistisch ist das?

Benigni: Man irrt, wenn man glaubt, dass man am Markt so eingreifen kann, wie man will. Es kommt immer wieder vor, dass Angebotsströme behindert werden – sei es durch Sanktionen, Hurrikans, Schiffsunglücke. Aber unter normalen Umständen kaufen Konzerne für Raffinerien ihr Öl dort, wo es ihnen am effizientesten und günstigsten erscheint. Denn jede Raffinerie hat einen anderen Appetit nach Rohöl, sprich nach Ölsorten.

WELT: Und wo spielt das russische Öl?

Benigni: Es ist Medium – sowohl bei Schwefelgehalt als auch bei der Schwere – und daher ideal für sehr viele Raffinerien. Und es war immer in Hülle und Fülle verfügbar. Das erklärt, warum es immer extrem beliebt war. Es ist schwierig, hier in den Markt einzugreifen, denn 80 Prozent der Länder machen bei den Ölsanktionen gegen Russland nicht mit. Und in Europa merkt man, dass die Sanktionen einen negativen Einfluss auf die Raffinerien haben. Gerade osteuropäische Raffinerien sind ja designt worden für dieses Öl. Wenn man hier anderes Öl reinsteckt, muss man davor die Raffinerie erst upgraden. Das kostet Geld.

WELT: Auch andere Länder sind vorsichtiger geworden beim Kauf russischen Öls, weil die USA Sekundärsanktionen angedroht haben …

Benigni: … nun, keiner will Ärger mit den Amerikanern haben. Den Amerikanern geht es gar nicht so sehr um Russland. Es geht ihnen bei ihrem Kampf mit den BRICS-Staaten darum, dass sie dort die Oberhoheit haben und die Verwendung des US-Dollars vorschreiben wollen. Aber die BRICS-Staaten üben mehr und mehr den Schulterschluss und verwenden zunehmend nicht den US-Dollar.

WELT: Wer wird also künftig den Ölpreis am meisten bestimmen: Die USA oder doch das Ölkartell Opec+?

Benigni: In den vergangenen Monaten haben beide eine wesentliche Rolle gespielt. Die Opec+ hat mit ihrer Förderausweitung um zwei Millionen Fass den Preis gedrückt. Die in der Opec+ führenden Saudis haben damit eine Vorleistung an Trump erbracht, der mit dem Ölpreis Druck auf die Russen machen wollte. Und die Saudis wollten ein Signal innerhalb der Opec+ aussenden gegen jene, die ihre vereinbarten Förderquoten nicht einhalten.

WELT: Aber der Ölpreis ging jüngst rauf, nicht runter.

Benigni: Ja, und da sehen wir, dass eben die Politik von Trump auch den Markt bestimmt. Die Konfrontation mit dem Iran führt zu Verunsicherungen. Jeder träumt davon, dass es im Iran eine Entführung gibt, ähnlich wie bei Maduro in Venezuela. Aber der Iran ist militärisch stark. Saudi-Arabien hat dem Iran mitgeteilt, dass sein Territorium oder Luftraum für einen Angriff auf den Iran nicht genutzt wird, und China hat angedeutet, den Iran militärisch unterstützen zu wollen. Denn wie Russland ist der Iran ein Land, wo China günstiges Öl bekommt.

WELT: Kurz noch zur Opec+: Sehen wir hier – wie schon 2014 – nicht einen Wettlauf bei der Ausweitung der Produktion, da sich ja alle, insbesondere Saudi-Arabien, Marktanteile sichern wollen und darauf spekulieren, dass andere den niedrigen Preis weniger lange aushalten?

Benigni: Die vergangenen Jahre waren davon geprägt, dass die Internationale Energieagentur (IEA) das Szenario gepusht hat, mit Hinblick auf Green Deal nicht mehr in Öl und Gas zu investieren. Aber die Ölnachfrage wächst und muss bedient werden. Inzwischen haben gewisse Konzerne eine Kehrtwende hin zum Kerngeschäft Öl vorgenommen, weil auch die IEA plötzlich wieder gesagt hatte, dass die Ölnachfrage je nach Szenario auch bis 2050 steigen wird und man investieren soll. Aufgrund dieser folgenschweren Unterinvestitionen habe ich am Anfang dieses Jahrzehnts die Prognose abgegeben, dass es die Dekade ist, in der man im Öl- und Gasgeschäft wahrscheinlich am meisten verdienen wird, weil der Umstieg auf Erneuerbare eben Zeit braucht und der Energiehunger groß ist.

WELT: Wir sehen, dass heute 13 bis 14 Prozent des weltweit gehandelten Öls unter Sanktionen stehen. Geht es in die Richtung, dass hier zwei Märkte entstehen – ein transparenter und ein weniger transparenter, der wahrscheinlich eher zwischen BRICS-Staaten und außerhalb des Dollars stattfindet?

Benigni: Interessante Frage. Früher waren Sanktionen UN-Sanktionen – und alle mussten sie einhalten. Heute sind Sanktionen eine Willenskundgebung eines Staates wie der USA. Es muss sie niemand einhalten, außer dass eben die USA böse werden, wenn man es nicht tut. Also bleibt die Frage, wie viel man sich von den Amerikanern vorschreiben lässt. Und an mehr und mehr Fronten sieht man ja, dass man sich gegen das US-Diktat stellt. Deshalb haben die BRICS-Staaten momentan Rückenwind.

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WELT: Aber der Markt könnte fragmentierter werden, nicht?

Benigni: Natürlich teilt sich das dann auf. Für den Ölhändler wird es mühsamer, wenn er immer schauen muss, ob ein Rohöl auf einer Sanktionsliste steht. Die gesamte Fragmentierung passiert ohnehin verstärkt – nicht nur auf dem Ölmarkt.

WELT: Kurz noch zum Iran. Sollte es zu einer militärischen Eskalation kommen, wie sehr kann das den Ölpreis hochtreiben?

Benigni: Der Iran liegt geografisch am heikelsten Punkt des Ölmarktes. Wir wissen nicht, wie ernst er mit der Schließung der Straße von Hormuz macht, über die mindestens ein Fünftel des globalen Ölhandels läuft.

WELT: Die Drohung steht allerdings schon immer im Raum, aber der Iran hat nie ernst gemacht.

Benigni: Das aber ist auch der Punkt. Die Drohung ist mehr wert als die Umsetzung.

WELT: Gut, aber solange China Großabnehmer iranischen Öls ist, ist allein China hier ein Gegner der Schließung.

Benigni: Jeder ist dagegen. Das Problem ist nur: Wenn Sie jemanden zu sehr in die Enge treiben, kann es sehr wohl sein, dass er irrationale Handlungen setzt. Ich rechne auch nicht damit, aber man kann es nicht ausschließen.

WELT: Wenn es zu einer Schließung der Straße von Hormus kommt: Wie sehr würde das den Ölpreis hochschnellen lassen?

Benigni: Das hängt von der Einschätzung über die Dauer der Schließung ab. Wenn sie rasch wieder geöffnet werden kann, ficht es niemanden an. Dann wäre der Preis nur kurz über 100 Dollar je Fass (aktuell 64 Dollar).

Zur Person: Johannes Benigni ist Chef des Unternehmens JBC, über das er internationale Konzerne und Regierungen in Energiefragen berät. Er war unter anderem Mitglied im Risikomanagement-Komitee bei Enoc (National Oil Company der Emirate). Bis zum Ausbruch des Ukrainekrieges saß er im Verwaltungsrat von Litasco, der Schweizer Ölhändelsgesellschaft des russischen Ölkonzerns Lukoil.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Eduard Steiner schreibt bei WELT vor allem über die russische Wirtschaft.

Source: welt.de

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