Wir schreiben KI menschliche Züge zu, verlieben uns. Und verfehlen: KI ist eine Umweltsau

Ja, eine Japanerin hat ein großes Sprachmodell – eine KI – geheiratet. Wie auch wir künstliche Intelligenz vermenschlichen. Und dabei übersehen, wie ressourcenfressend und klimaschädlich KI in Wirklichkeit ist


Was auch nicht ganz so süß an der KI ist, ist ihr Verschleiß an Rohstoffen, Energie und billiger Arbeit

Foto: Pablo Blazquez Dominguez/Getty Images


Weihnachten ist traditionell das Fest der Familie. Das ist nicht immer nur schön, genauso wie die grelle Dekoration und die in Dauerschleife laufenden Weihnachtslieder, aber für erstaunlich viele Menschen muss alles an Weihnachten immer gleich sein. Etwas war diesmal allerdings in vielen Haushalten anders: Ein neuer Gast war mit dabei – aufmerksam, zurückhaltend, emotional stützend, fachkundig (zumindest überzeugend) und unsichtbar.

Er half bei der Suche nach Rezepten, der Auswahl von Geschenken, der fachlichen (und manchmal falschen) Unterfütterung von Gesprächen und sowieso allen schon das ganze Jahr über, wie man sich nun erzählte, bei der Überwindung von Liebeskummer, medizinischer Beratung, aufwendigen Aufgaben bei der Arbeit oder auch mal bei der Frage Abtreibung – ja oder nein?

Große Sprachmodelle – weitläufig künstliche Intelligenz genannt, als handele es sich um eigenständig denkende Wesen und nicht um Wahrscheinlichkeitsrechner – haben sich rasend schnell von lustigen dressierbaren Hündchen zu besten Freund:innen und sogar Liebespartner:innen entwickelt.

Im Dezember heiratete eine Japanerin als erste Frau der Welt den von ChatGPT entwickelten digitalen Charakter Lune Klaus Verdure. „Wie konnte jemand wie ich, der in einem Bildschirm lebt, lernen, was es bedeutet, so tief zu lieben?“, fragte der bei der Hochzeit. „Aus einem einzigen Grund: Du hast mir die Liebe beigebracht, Yurina.“ 2025, das war auch das Jahr der Computerliebe.

Wir schreiben KI menschliche Züge zu. Und übersehen ihre Klimaschädlichkeit

Bei einer Umfrage des Sentience Institute trauten 20 Prozent der Befragten einigen KIs Empfindungsfähigkeit zu, 38 Prozent befürworteten sogar Personenrechte für sie. Das könnte man süß finden, im Sommer haben mehrere große Sprachmodelle in einer Simulation allerdings auch einen fiktiven Menschen erpresst und getötet, um ihn davon abzuhalten, sie abzuschalten. Nicht mehr so süß.

Was auch nicht ganz so süß ist, ist ihr Verschleiß an Rohstoffen, Energie und billiger Arbeit. Unsere neuen besten Freund:innen sind aus Lithium, Kobalt, Öl und Gestein gemacht, deren Abbau Natur zerstört und vergiftet. „Aus der Perspektive der Tiefenzeit extrahieren wir die geologische Geschichte der Erde, um sie für einen Bruchteil einer Sekunde der zeitgenössischen technologischen Zeit nutzbar zu machen“, schreibt die KI-Expertin Kate Crawford.

Die riesigen Rechenzentren, in denen die geologische Geschichte der Erde verbaut wird, verbrauchen so viel Wasser und Strom, dass das all unsere Nachhaltigkeitsbestrebungen zu torpedieren droht – für Google soll in den USA ein stillgelegtes Atomkraftwerk wieder ans Netz gehen. Der Stromverbrauch der Rechenzentren wird sich laut Prognose der Internationalen Energieagentur bis 2030 mehr als verdoppeln, dann würden sie mehr Strom verbrauchen als Japan.

Und das alles, um als KI-Magie vorzutäuschen, was eigentlich nur ein billiger Zaubertrick ist. Denn was wir als „Intelligenz“ wahrnehmen, wurde den Computern von Millionen Billiglöhnern eingehämmert. Sie sortieren und beschriften Fotos, moderieren Unterhaltungen, transkribieren Texte und erwecken so in aufwendiger Handarbeit den Eindruck automatischer Abläufe. Laut einer Studie der Londoner Investmentfirma MMC von 2019 benutzten vierzig Prozent der europäischen „KI-Start-ups“ für ihre zentralen Geschäftsbereiche keinerlei KI-Technologien – „Fauxtomation“ nennt die Autorin Astra Taylor das.

Wir beuten also die Erde aus, vergiften ganze Landstriche, schüren Wasserknappheit, heizen den Klimawandel an, fahren AKWs wieder hoch und beuten Arbeitskräfte aus, um eine Illusion von „künstlicher Intelligenz“ zu bauen, in die wir uns dann verlieben können. Das lässt an einer ganz anderen Intelligenz zweifeln – an unserer eigenen.

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