„Wir erfordern diesen Islamismus nicht!“ – Proiranische Demo sorgt zu Händen Protest, Polizei trennt Lager

Am Frankfurter Römerberg demonstrieren Teilnehmer mit iranischen und palästinensischen Fahnen. Parallel formiert sich ein Gegenprotest. Zwischen beiden Lagern kommt es zu Spannungen. Die Polizei sichert den Platz, trennt beide Gruppen und verhindert Eskalationen.

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Am frühen Nachmittag wirkt der Römerberg zunächst wie an einem gewöhnlichen Tag. Touristen stehen vor den Fachwerkhäusern, machen Fotos, drehen sich für Selfies in die richtige Position. Auf den Terrassen stehen Gläser mit Bier, Kaffee und Eisbechern, Kellner laufen zwischen den Tischen hin und her. Erst am Rand fällt auf, dass sich etwas verändert. Polizisten bewegen sich zu den Zugängen des Platzes, kommunizieren über Funk, beobachten den Platz. Ein Lautsprecherwagen wird direkt am Römer positioniert. Erste Fahnen tauchen zwischen den Touristen auf – grün-weiß-rote Iran-Fahnen mit dem Emblem der Islamischen Republik, daneben Palästina- und vereinzelt Libanonflaggen.

Zunächst stehen nur wenige Gruppen auf dem Platz, verteilt zwischen den Tischen und dem Lautsprecherwagen. Fahnen werden aus Taschen gezogen, aufgeschlagen und direkt über die Köpfe gehoben. Weiß, Rot, Grün breiten sich aus, immer mehr davon, bis sie den Platz prägen. Dazwischen Palästina- und Libanonflaggen. Ein Mann bleibt stehen und hebt ein Plakat über seinen Kopf. Darauf ist Ruhollah Chomeini, ehemaliger religiöser Führer der Islamischen Revolution, zu sehen. Neben ihm richtet eine Frau ihr Plakat aus, auf dem „Hands off Iran, Libanon, Palestine, Yemen“ steht, dreht es kurz, bis es gerade ist, und hält es dann fest nach oben.

Kinder stehen dazwischen, dicht bei ihren Eltern. Eines hält sich am Ärmel fest, ein anderes schaut nach oben, folgt mit dem Blick den Fahnen, die über ihnen geschwenkt werden. Inzwischen dürften sich auf dem Platz fast 100 Demonstranten versammelt haben.

„Wir brauchen keine Islamisierung“

Dann geht die Musik an. Erst ein kurzer Ton, dann direkt laut. Aus den Lautsprechern kommt Bass, der über den Platz zieht. Stimmen gehen darin unter, Gespräche brechen ab. An den Tischen drehen sich Gäste um, einige stehen auf und schauen zum Lautsprecherwagen. Ein Kellner bleibt kurz stehen, schaut in Richtung Anlage, bevor er weitergeht.

Vor einem Café tritt der Betreiber nach draußen. Er geht ein paar Schritte auf den Platz zu, bleibt stehen, schaut in Richtung Lautsprecherwagen. „Wir brauchen keine Islamisierung“, sagt Peter Biberfeld. Er spricht nicht ruhig, sondern deutlich hörbar für die Menschen um ihn herum. „Ist das hier eine Disco oder eine Demo?“ Er zeigt mit der Hand auf die Anlage. Seine Kunden seien verschreckt, sagt er. Die Musik sei zu laut, das habe mit einer Versammlung nichts mehr zu tun.

Er geht ein Stück weiter, spricht mit Beamten der Stadtpolizei, gestikuliert dabei, zeigt wieder auf die Lautsprecher. Die Polizisten hören zu, zeigen Verständnis. Kurz darauf spricht er auch mit dem Veranstalter. Es ist ein kurzes, angespanntes Gespräch. Wenige Minuten später wird die Musik heruntergedreht. Stattdessen beginnen Redebeiträge über das Mikrofon. Die Lautstärke bleibt hoch, aber die Situation verändert sich. Der Betreiber zeigt sich zufrieden, die „schreckliche Musik“ sei abgestellt. Er geht zu seinem Lokal zurück und sagt als Letztes: „So kann es auch laufen, man muss sich nur trauen.“

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Die Fahnen werden nicht mehr nur gehalten, sondern aktiv geschwenkt. Plakate mit den ehemaligen obersten Führern Irans, Chamenei und Chomeini, werden hoch über die Köpfe gehoben, gedreht, gezeigt. Einige Teilnehmer filmen die Szene, halten ihre Handys über den Kopf oder richten sie auf sich selbst. Vereinzelt streamen Menschen auf TikTok, kommentieren das Geschehen, zeigen die Menge. Der Römerberg ist jetzt deutlich gefüllt. Zwischen den Fahnen bewegen sich nur noch schmale Wege. Die Farben Weiß, Rot und Grün dominieren den Platz.

„USA, USA, USA“

Nur wenige Meter entfernt, am Paulsplatz, steht die Gegendemonstration. Israel- und USA-Fahnen werden hochgehalten, einige Teilnehmer haben sich nebeneinander aufgestellt und blicken direkt auf den Römerberg. Die Distanz zwischen beiden Gruppen ist gering. Die Polizei positioniert sich dazwischen und zieht eine klare Trennlinie. „USA, USA, USA“, rufen Gegendemonstranten. Dazu lautes Pfeifen, immer wieder, anhaltend. Auf dem Römerberg drehen sich Teilnehmer um, einige reagieren mit Gesten, andere rufen zurück. Die Geräusche überlagern sich: Pfeifen, Rufe, Lautsprecher.

Mehrere hundert Menschen stehen inzwischen auf dem Platz. Die Reden laufen, Parolen werden gerufen. „Free, free Palestine“ hallt über den Römerberg. In einer Rede fällt der Satz: „Wer Atombomben hat, hat Geschichte.“ Applaus, Rufe, Bewegung in der Menge.

Am Rand eines Cafés steht eine Frau auf, bleibt an ihrem Tisch und schaut direkt auf die Demonstration. „Kein Islamismus“, ruft sie. Ihre Stimme ist klar, fest. „Wir sehen doch, was im Iran passiert.“ Sie verschränkt die Arme und bleibt sitzen, während sie weiter in Richtung Platz spricht. „Ich will hier in Frieden leben.“

Direkte Spannungen

Ein Demonstrant aus dem Pro-Regime-Lager läuft am Rand der Gegendemonstration vorbei. Er schreit mehrfach in deren Richtung, läuft auf die Gegendemonstranten zu und zeigt den Mittelfinger. Die Reaktion kommt sofort. Stimmen werden lauter, Einzelne treten näher. Beamte greifen ein, packen den Mann und schieben ihn zurück. Der Platz füllt sich mit Polizisten.

Kurz darauf eskaliert die Sprache weiter. Aus der Gegendemonstration sind Beleidigungen zu hören, laut und wiederholt, teilweise auf Türkisch. „Wir ficken eure Mütter“, „Fickt euch“, wird mehrfach gerufen. Die Polizei geht dazwischen, eine Person wird abgeführt.

Am Rand steht die 53-jährige Salome A. Sie spricht laut, ihre Stimme hebt sich trotz der Lautsprecher über mehrere Meter hinweg. „Ich bin hier für die Frauen, die von den Mullahs umgebracht wurden“, sagt sie. Sie wirkt aufgebracht, ringt kurz nach Worten, spricht dann weiter. Es gehe ihr auch um die Frauen, die am 7. Oktober vergewaltigt worden seien. „Dass solche Demonstrationen hier auf deutschen Straßen stattfinden dürfen“, sagt sie, „das muss man aushalten – ich erkenne das Versammlungsrecht und das Recht auf Freiheit an.“

Während sie spricht, zeigt sie immer wieder auf den Römerberg. Dort rufen Demonstranten Parolen wie „Free, free Palestine“. Auf der anderen Seite, am Paulsplatz, stehen Gegendemonstranten, pfeifen und rufen dagegen an. Für Salome A. ist das ein direkter Gegensatz. Viele hier hätten nicht begriffen, sagt sie, was dieses Regime für die Menschen im Iran bedeute.

Sie spricht schneller, die Sätze werden kürzer. „Das ist islamistischer Terror“, sagt sie. Es sei nicht nur eine Provokation, sondern mache auch der Polizei zusätzliche Arbeit. Sie stehe hier für iranische Frauen, sagt sie, und auch für israelische Frauen vom 7. Oktober. Dann nennt sie die kurdischen Frauen in Rojava, einer kurdischen Region in Nordsyrien, die im Kampf gegen den IS getötet worden seien. Während sie spricht, bleibt ihr Blick immer wieder auf die Demonstration gerichtet.

„Ich rufe Kindermörder – ihr wisst, was die Antwort ist“

„Free, free Palestine“, ruft ein Redner. Die Menge spricht es nach. Fahnen werden gehoben und schneller bewegt. Die Lautsprecher tragen die Stimmen über den gesamten Platz. Ein Redner ruft: „Ich rufe Kindermörder – ihr wisst, was die Antwort ist.“ Die Antwort kommt sofort: „Kindermörder Israel.“

Der Ruf wird wiederholt und lauter. „Frauenmörder Israel“ folgt. In einer weiteren Rede werden Parolen aneinandergereiht: „Free, free Palestine“, „Free, free Libanon“, „Von Frankfurt bis nach Teheran – Hände weg von Iran.“ Dazwischen fällt immer wieder „From the river to the sea“. Zwischen den Reden werden Gegendemonstranten direkt angesprochen. „Exil-Iraner sind Faschisten“, ruft ein Redner.

Die Polizei muss immer wieder kurz eingreifen, bevor sich einzelne Personen den gegenseitigen Lagern nähern. Am späten Nachmittag wird die Demonstration dann durch den Veranstalter beendet. Die ersten Gruppen ziehen ab, Fahnen werden eingerollt, Plakate unter den Arm geklemmt. Die Lautstärke nimmt langsam ab. Die Polizei bleibt an ihren Positionen, beobachtet den Abzug. Am frühen Abend kehrt am Römerberg die Normalität zurück.

Source: welt.de

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