Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen fordert mehr Mut für Deutschland. In „Maischberger“ kritisiert er die Selbstblockade in Energie, Industrie und Innovation – während Herbert Diess und Claudia Major industrielle Realität und geopolitische Risiken einordnen.
„Wir Deutsche sind Weltmeister im Bedenkenanmelden“ – mit diesem Satz liefert Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen bei „Maischberger“ den eigentlichen Schlüssel für den ganzen Abend. Denn was zunächst wie eine lockere Bemerkung wirkt, entpuppt sich schnell als präzise Diagnose eines Landes, das in fast jeder Zukunftsfrage zuerst erklärt, warum etwas nicht geht.
Dabei beginnt die Sendung erwartbar: mit hohen Spritpreisen, politischem Druck und der Frage, ob der Staat eingreifen muss. Herbert Diess, ehemaliger VW-Chef und heute Aufsichtsratsvorsitzender von Infineon, widerspricht sofort. „Lasst uns den Preis des Benzins senken, halte ich für falsch“, sagt er. Das ist ein bewusst ungemütlicher Satz, denn er richtet sich gegen die Erwartung, dass Politik kurzfristig entlasten müsse. Diess argumentiert anders: Wer früh auf Elektromobilität gesetzt hat, ist heute im Vorteil. „Wer eine Solaranlage auf dem Dach hat, fährt für einen Euro hundert Kilometer.“ Der Wandel ist längst im Gang – nur eben nicht für alle gleichzeitig.
Madsen widerspricht dieser Perspektive. Ihn treibt weniger der konkrete Preis an der Zapfsäule um als die politische Logik dahinter. „Allein die Diskussion darüber, wie wir den Preis senken, führt doch zu einer künstlichen Preisfindung“, sagt er. Das zielt auf einen Grundkonflikt: Wenn Politik anfängt, Preise zu steuern, verschiebt sie Anreize – oft in die falsche Richtung. Gleichzeitig räumt Madsen ein, dass es reale Belastungen gibt, etwa für Pendler oder Pflegekräfte. Doch seine eigentliche Stoßrichtung ist eine andere: Deutschland müsse raus aus der Abhängigkeit von fossilen Energien und endlich konsequenter in die eigene Stärke investieren.
Wie sehr diese Stärke durch eigene Regeln gebremst wird, macht Madsen später deutlich. „Wir lassen in Deutschland Innovation nicht ordentlich zu“, sagt er und nennt das autonome Fahren als Beispiel. Während in den USA und in China neue Technologien erprobt werden, stößt man hierzulande schnell an regulatorische Grenzen. Er erklärt: „Dort, wo man testet, ist auch dann der Markt.“ Es ist eine einfache, aber weitreichende Beobachtung – und sie erklärt, warum sich technologische Dynamik oft außerhalb Europas entfaltet.
Diess ergänzt diese Perspektive mit einem Blick auf die Industrie. Die aktuelle Krise der Autohersteller relativiert er deutlich. „Wir hatten zwanzig goldene Jahre in der Automobilindustrie“, sagt er. Tatsächlich wuchs der chinesische Automarkt von rund zwei Millionen Fahrzeugen um die Jahrtausendwende auf mehr als 25 Millionen pro Jahr und ist seit 2008 der größte der Welt (OICA). Für deutsche Hersteller wurde China damit zum zentralen Absatzmarkt. Volkswagen erzielt dort rund 30 Prozent seiner Verkäufe (Geschäftsbericht Volkswagen). Die vergangenen Jahrzehnte waren deshalb durch außergewöhnliches Wachstum geprägt. Dass diese Phase nun endet und die Gewinne zurückgehen – Volkswagen etwa halbierte sein operatives Ergebnis zuletzt auf unter neun Milliarden Euro (Geschäftszahlen 2025) –, sei kein Zusammenbruch, sondern eine Rückkehr zur Normalität.
Zugleich verweist er auf konkrete Investitionen, die dem Pessimismus widersprechen. Dass Infineon Milliarden in Dresden investiert, sei kein politisches Signal, sondern eine wirtschaftliche Entscheidung. „Wir sind sicher, dass wir in Dresden die wettbewerbsfähigste Halbleiterfabrik der Welt bauen“, sagt Diess. Es ist ein Satz, der zeigen soll: Der Standort Deutschland kann funktionieren, wenn Technologie, Markt und Rahmenbedingungen zusammenpassen.
Madsen führt diesen Gedanken politisch weiter. Deutschland müsse wieder attraktiver werden für Unternehmertum. „Wir müssen den Menschen wieder Lust auf Unternehmertum machen“, fordert er. Und fast trotzig fügt er hinzu: „Wir sind deutlich besser, als wir uns selbst machen.“ Spätestens hier wird klar, dass es in dieser Diskussion nicht nur um Energiepreise oder Industriepolitik geht, sondern um das Selbstverständnis.
Trump, Krieg und die NATO-Herausforderung
Im zweiten Teil der Sendung verschiebt sich der Fokus – und bestätigt doch den gleichen Befund. Claudia Major analysiert den Iran-Krieg und Trumps Rolle darin. Ihr Einstieg ist knapp und deutlich: „Ich glaube, es war absehbar, dass er kein Friedenspräsident wird.“ Entscheidend ist für sie aber etwas anderes. Der Angriff auf den Iran sei militärisch präzise gewesen, sagt sie, aber strategisch fragwürdig. „So unvorbereitet und ziellos in diesen Krieg hineinzugehen, ist beunruhigend.“
Major trennt klar zwischen militärischem Erfolg und politischem Ziel. Genau daran fehle es. „Was ist das Ziel?“, fragt sie und deutet damit das eigentliche Risiko an. Ein Krieg ohne klares Ziel könne schnell zum Selbstzweck werden. Noch schärfer wird sie beim Blick auf die NATO. Trumps Forderung nach Unterstützung aus Europa interpretiert sie nicht als normale Bündnispolitik, sondern als grundlegende Verschiebung. „Das ist dann aber auch kein Bündnis mehr, das ist ein Versicherungsunternehmen“, sagt sie. Sicherheit werde hier zur Gegenleistung, nicht mehr zur gemeinsamen Verpflichtung.
Auch Trumps Drohungen, die NATO infrage zu stellen, bewertet sie nüchtern. „Es ist ein Druckmittel“, sagt Major. Doch selbst ohne formalen Austritt könne die Allianz geschwächt werden. „Diese Art zu reden ist extrem destabilisierend.“ Für Europa bedeutet das vor allem eines: mehr Unsicherheit – und mehr Verantwortung.
Am Ende fügt sich der Abend zusammen. Madsen spricht über wirtschaftliche Selbstblockade, Diess über industrielle Realität, Major über geopolitische Risiken. In allen drei Perspektiven steckt dieselbe Botschaft: Deutschland und Europa müssen entscheiden, ob sie weiter reagieren oder anfangen, selbst zu gestalten. Oder, wie Madsen es formuliert: „Wir müssen Entscheidungen treffen in einer Welt voller Wandel.“ Genau daran aber hapert es. Stattdessen dominieren oft Zweifel, Vorsicht und Absicherung. Die Sendung zeigt das ungewöhnlich klar – und macht damit sichtbar, dass es weniger an Ideen fehlt als am Mut, sie umzusetzen.
Source: welt.de