Das Olympia-Fieber beginnt sich in Norditalien auszubreiten. Am Flughafen Mailand-Malpensa kommen die ersten Athleten an – mit viel Gepäck. Ein professioneller Skifahrer führe mehr als zwanzig Paare Ski mit sich und ein Eishockey-Team 150 Kisten mit einem Gesamtgewicht von einer Tonne, berichtet ein Logistikmanager des Flughafens. Doch man sei vorbereitet, seit zwei Jahren arbeite man auf das Ereignis hin.
Am 6. Februar beginnen mit der Eröffnungsfeier im Mailänder Stadion San Siro die Olympischen Winterspiele 2026. „Meiner Meinung nach wird am 6. Februar um 20 Uhr alles fertig sein“, sagt der Präsident der italienischen Stiftung Mailand-Cortina, Giovanni Malagò. Da klingt schon heraus, dass es nicht nur ein Wettlauf gegen die Zeit war, sondern bis zur letzten Minute auch ist. Die Vorbereitungsarbeiten fanden unter vier verschiedenen italienischen Regierungen statt, „und dann hatten wir Covid und die Kriege“, fügt Malagò hinzu und betont, dass „wir die Olympischen Spiele tatsächlich in den letzten zweieinhalb Jahren mit einer beeindruckenden Geschwindigkeit organisiert haben“.
Spiele in einer ganzen Region
Die Winterspiele 2026 finden unter der Überschrift „Milano-Cortina d’Ampezzo“ statt, doch sie erstrecken sich auf insgesamt acht Veranstaltungsorte, wenn man Verona mit der Abschlussfeier und der Eröffnung der Paralympics noch hinzuzählt. Ein Gebiet von 25.000 Quadratkilometern zwischen Mailand und sechs weiteren Sportstätten in den Alpen der Lombardei sowie von Venetien und Trentino-Südtirol ist olympisches Terrain zwischen dem 6. und 22. Februar und dem 6. und 15. März für die Paralympics.
„Diese Ausbreitung ist eindeutig ein Unterscheidungsmerkmal gegenüber früheren Spielen und ein großer Pluspunkt, denn so kommen die positiven Effekte vielen zugute“, sagt Dino Ruta, Professor für Sportmanagement an der Mailänder Universität Bocconi. Die Ausdehnung habe auch den Vorteil, dass weniger Engpässe wegen Überfüllung drohen, und sie diene der Nachhaltigkeit, weil viele bestehende Sportstätten genutzt werden.
Doch nicht überall: Zu den großen Ausnahmen gehören der Neubau einer Bob-Bahn in Cortina und einer Mehrzweckhalle für die Eishockey-Spiele in Mailand, die entsprechend umstritten sind. Besonders die Bob-Bahn wurde kritisiert, weil es bestehende Alternativen in St. Moritz und in Innsbruck gab. Der italienische Nationalstolz hätte ein Ausweichen jedoch nicht vertragen. „Man hat aus den Fehlern der Vergangenheit zu wenig gelernt“, klagt Luigi Casanova, Präsident des Umweltverbandes „Mountain Wilderness“. Die Ruine der Bobanlage von Cesana Torinese bei Turin war offenbar nicht Warnung genug. Dort wächst das Gras aus dem verfallenen Beton; nach den Winterspielen von Turin im Jahr 2006 wurde sie fast nicht mehr genutzt und dann geschlossen.
Verspätungen durch regionale Eifersüchteleien
Doch von bombastischen Anlagen, die wie bei früheren Spielen aus dem Boden gestampft wurden, kann auch keine Rede sein. Kritik ist eher an den Zeitverlusten im Planungsablauf angebracht. So stritten die Regionen lange um die Frage, wer welchen Wettbewerb haben will. Der einflussreiche damalige Präsident der Region Venetien, Luca Zaia, setzte durch, dass Cortina nicht nur die weiblichen Ski-Alpin-Wettbewerbe und Curling bekam, sondern eben auch das Bobfahren. Wegen der Streitereien wurden viele Aufträge zu spät ausgeschrieben. Für eine lange Kabinenbahn in Cortina beispielsweise wurden erst im vergangenen Frühjahr Bewerbungen erbeten.
Die weltweit führenden Hersteller Leitner aus Südtirol und Doppelmayr aus Österreich verzichteten, weil in dieser kurzen Zeit keine seriöse Arbeit zu erledigen war; in der von Erdrutschen bedrohten Regionen wären etwa gründliche geologische Untersuchungen erforderlich. So bekam ein kleines Unternehmen aus Brescia namens Graffer den Auftrag für die Kabinenbahn, die 2500 Personen in der Stunde transportieren soll. Graffer hat 17 Mitarbeiter und bisher nur einen Skilift und eine Seilbahn am Gardasee gebaut. Neben der Bahn in Cortina erhielt das Unternehmen auch noch Zuschläge für zwei weitere Kabinenbahnen in Bormio und in Livigno. Die beiden Letzteren werden nach den Spielen fertig, und auch die Kabinenbahn für Cortina scheint zum Beginn der Wettbewerbe nicht fahrtbereit. Sportler und Zuschauer müssen wohl Busse nehmen.
Bei den Auftragsvergaben lief einiges nicht rund. Die Regierung von Giorgia Meloni hat viele Projekte unter einen kommissarischen Schutz gestellt, womit sie beschleunigt werden können. Aufwendige Vorschriften für Ausschreibungen und die Beteiligung von Umweltschützern oder Anwohnern müssen dann weniger beachtet werden. Zudem hat die Regierung die Organisationsstiftung Milano-Cortina im Juni 2024 mit einem Sonderdekret vom öffentlichen ins private Recht überführt, womit „lästige“ Vorschriften ebenfalls wegfallen. Daraufhin hat die Staatsanwaltschaft Mailand Ermittlungen wegen Verdacht auf Korruption und Angebotsmanipulation vorerst eingestellt.
Auch gegen das Beratungsunternehmen Deloitte ermitteln die Mailänder Staatsanwälte. Es soll unter zweifelhaften Umständen Aufträge von insgesamt 250 Millionen Euro erhalten haben. Deloitte will den Vorgang offiziell nicht kommentieren. Der oberste italienische Gerichtshof soll nach den Spielen über die Überweisung in Privatrecht entscheiden. Wenn sie genehmigt werde, würden alle Korruptionsvorwürfe in sich zusammenfallen, heißt es in Beraterkreisen. Doch noch ist es nicht so weit.
Kostenüberschreitungen vergleichbar mit früheren Spielen
Beobachter, die das große Ganze dieser Spiele mit den vorherigen Wettbewerben vergleichen, kommen zu einem eher milden Urteil. Die Ratingagentur Standard & Poor’s schätzt, dass sich die Kostenüberschreitungen verglichen mit dem ursprünglichen Budget von rund 85 Prozent im Rahmen vergleichbarer Veranstaltungen bewegten, etwa mit Turin 2006. Wenn man die superteuren Winterspiele im russischen Sotchi sowie in Peking heranzieht, stehen die italienischen Veranstalter noch besser da. Diese beiden Spiele sind freilich besonders abschreckende Beispiele.
Nach Angaben der staatlichen Vergabeorganisation Simico bestehen im italienischen Norden 47 von 98 Investitionsprojekte aus Infrastrukturarbeiten, die nicht sportbezogen seien und damit der Bevölkerung zugutekämen, darunter neue Bahn- und Straßenverbindungen. 3,4 Milliarden Euro sollten und sollen diese Arbeiten ursprünglich kosten; viele ziehen sich bis in die kommenden Jahre hin. Aufgrund gestiegener Energiepreise und anderer Kostentreiber schätzen die S&P-Analysten den Aufwand nun aber auf bis zu 5,9 Milliarden Euro. Dennoch bleiben sie gelassen. Die Weltausstellung in Mailand im Jahr 2015 zum Beispiel habe die öffentliche Hand mehr gekostet. „Wir sehen keine negativen finanziellen Effekte für den italienischen Staat, die Regionen und die Kommunen“, sagen die S&P-Analysten.