Winston Churchill macht die Fliege

Großbritannien verbannt seine Helden von den Geldscheinen. Statt Churchill und Turing sollen künftig Rotkehlchen und Dachs die Pfundnoten zieren. Offiziell wegen der Sicherheit. Tatsächlich wirkt es wie eine Kapitulation vor dem woken Zeitgeist.

Im Zeitalter von Apple Wallet und Echtzeitüberweisungen steht das Bargeld auf der Liste der bedrohten Arten. Insofern ist die Entscheidung der Bank of England, statt historischer Persönlichkeiten künftig Tiere auf die Pfundnoten zu drucken, nur konsequent. Welche genau, das eruiert derzeit ein von der Bank bestelltes „Panel of Wildlife Experts“, also ein Expertengremium für Wildtiere.

Dem Rotkehlchen werden gute Chancen eingeräumt. In einer landesweiten Abstimmung für den Lieblingsvogel der Nation vor gut zehn Jahren setzte sich der putzige Federball mit der purpurnen Brust mit 34 Prozent der Stimmen gegen die Schleiereule durch, die mit nur zwölf Prozent abgeschlagen auf dem zweiten Platz landete, dicht gefolgt von der Amsel. Aber, wie die BBC lakonisch berichtet, auch das Rotkehlchen „hatte seine Kritiker“.

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Das Rennen ist also noch offen. Auf baldigen Abschied können sich die seit vielen Jahren kursierenden Winston Churchill, Jane Austen, William Turner und Alan Turing allerdings schon mal einstellen. Diese Leute prangen auf den Pfundnoten in aufsteigender Reihenfolge von 5 £, 10 £, 20 £ und 50 £. Auf der Rückseite übrigens. Vorn sind und bleiben die Monarchen, Königin Elizabeth und König Charles.

Bei der Bank will man mit der Neuerung gewissermaßen zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: erstens die Fälschungssicherheit erhöhen – das samtig schimmernde Fell eines Fischotters schlägt in dieser Hinsicht angeblich die Sorgenfalten des Ex-Premierministers. Und das Konterfei des Malers Turner mit dem romantisch hochgeschlossenen Kragen vor dem pastelligen Himmel kann dem elegant gewundenen Geweih eines gedankenverloren äsenden Rothirschen nicht nur ästhetisch, sondern auch sicherheitstechnisch wohl nicht das Wasser reichen. Dass der Enigma-Knacker Turing weniger fälschungssicher sein soll als ein dahergelaufener Igel, grenzt aber schon an eine Unverschämtheit.

Es mag allerdings sein, dass solche Begründungen gewagt aus der Landluft gegriffen sind. Seit Jahren plagt sich die Nationalbank mit Anwürfen aus der links-woken Szene herum: Es gebe auf den Scheinen zu wenige Frauen (vor Jane Austen nur Queen Elizabeth II., die zudem weniger Frau als Institution gewesen sei). Und jemandem wie Churchill mag es zwar wesentlich mitzuverdanken sein, dass der Zweite Weltkrieg so ausging, wie er ausging.

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Aber der Mann war auch schwerer Trinker, Kettenraucher und hat bei jeder Gelegenheit politische Inkorrektheiten vom Stapel gelassen. Eine Kostprobe: „Ich bin sehr dafür, Giftgas gegen unzivilisierte Stämme einzusetzen.“ So Churchill, damals Staatssekretär für Krieg und Luftfahrt, in einem internen Vermerk aus dem Jahr 1919. Er meinte wohl den Einsatz nicht tödlichen Gases, um Aufständische in den britischen Kolonien im Zaum zu halten. Der heutigen Jugend ist so was dennoch schwer zu vermitteln.

Auf einem Dachs hingegen lastet kein Schatten einer umstrittenen Kolonialpolitik, eines Dresden, einer Schlacht von Gallipoli. Ein Dachs wird sich hüten, je ein politisches Amt zu bekleiden. Ein Dachs ist in jeder Hinsicht unverdächtig. Bis auf vielleicht im Pro-Brexit-Lager, denn der schwarz-weiß gestreifte Geselle, der durch britische Vorgärten huscht, gehört nach Taxonomie und Überzeugung der Art des Europäischen Dachses an.

Andererseits ist es schon vorstellbar, dass einige Wirrköpfe dem Tier seine aggressive Territorialpolitik zum Vorwurf machen könnten. Oder den Fuchs, sollte er unter den Kandidaten sein, als neoliberalen Einzelgänger schmähen. Den Uhu reaktionären Vigilantentums bezichtigen. Der Fasan könnte über sein elitäres Flair stolpern. Es bliebe schließlich womöglich einzig die Alge. Oder der im Stillen in der Krume herumwühlende Regenwurm, ohne den das ganze Königreich im Schlamm versinken würde. Das wäre immerhin eine ehrliche Metapher für die politische Lage.

Source: welt.de