Wildtier und Mensch: Der Wolf im Paragraphenwald

Bald, wohl schon zu Beginn der Weidesaison, beginnt ein neues Kapitel in der Geschichte der Wolfsrückkehr nach Deutschland. Es können dann auch Exemplare geschossen werden, die sich nicht als „Problemwolf“ (reißt Nutztiere) oder „Risikowolf“ (verhält sich auffällig) hervorgetan haben, sondern ungeschickt genug sind, vor eine Flinte zu laufen, bevor die Jagdzeit vorbei und die Abschussquote erfüllt ist.

Mit der vom Bundestag eben beschlossenen Aufnahme des Wolfs ins Jagdrecht schwingt das Pendel im Umgang mit ihm um. 25 Jahre lang fühlten sich die Befürworter eines wehrhafteren Vorgehens von den Schutzregelungen ausgebremst, nun argumentieren Naturschützer vergeblich, dass sich die Probleme, die der Wolf macht, nicht mit dem Gewehr lösen ließen.

Roland Norer: „Leben mit dem Wolf. Anleitung für ein Wolfsmanagement in Europa“Oekom Verlag

Die Fronten im Umgang mit dem Top-Prädator sind verhärtet. Sich ein nicht vom Urteil der jeweiligen Informationsquelle eingefärbtes Bild der komplexen Rechtslage zu machen, ist nicht einfach. Eine von einem Rechtswissenschaftler verfasste Neuerscheinung mit dem Titel „Leben mit dem Wolf“ klingt da vielversprechend: Eine Beschreibung von Optionen, Ansätzen und Praxiserfahrungen vor dem Hintergrund nationaler, internationaler und supranationaler Regularien wäre ein verdienstvolles Projekt.

In Teilen ist Roland Norers Buch das auch geworden. Man kann danach die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie von der Berner Konvention unterscheiden, und Europarecht von Völkerrecht. Allerdings täuscht der sachliche Ton nicht lange darüber hinweg, dass auch der Autor von bestimmten Maßnahmen überzeugen möchte und seine „Anleitung für ein Wolfsmanagement in Europa“ vor allem von Befürwortern der Wolfsjagd zustimmend gelesen werden wird.

Dagegen ist nichts zu sagen, doch sollte eine Haltung auch als solche dargelegt werden. Dass Naturschutz durch die Aufnahme des Wolfs ins Jagdrecht an Glaubwürdigkeit gewänne, ist eine Behauptung, kein Fakt. „Stetig steigender politischer Druck“ habe zu einer Absenkung des Schutzstatus des Wolfs geführt, schreibt Norer. Zu einer vollständigen Darstellung hätte gehört, dass die Mehrheitsverhältnisse im EU-Parlament den Vorstoß konservativer Parteien erfolgreich machten und der Vorwurf eines politischen Motivs im Raum steht. Die mehrfach zitierte Arbeitsgruppe Large Carnivore Initiative for Europe kritisierte, dass dieselbe von ihr erstellte Popu­lationsanalyse zunächst als Argument ge­gen einen verringerten Schutz verwandt wurde, und zwei Jahre später plötzlich als Argument dafür.

Die eigentliche „Anleitung“ für ein Zusammenleben mit dem Wolf entspricht weitgehend dem Gesetzentwurf der Bundesregierung: Herdenschutz, die Entnahme konkreter Tiere, eine Bestandsregulierung und die Festlegung von Gebieten, in denen der Wolf mal mehr, mal weniger geduldet wird. Zu dem Anspruch aus dem Vorwort, sich an „alle Interessierten“ zu wenden, hätte auch hier ein vollständigeres Bild gehört.

Der Schutz von Nutztieren durch adäquate Zäune, für viele Naturschützer zentrales Element einer gelingenden Kohabitation, wird zum Beispiel schnell abgehandelt. Laut einem Bericht der Schweizer Stiftung KORA stimme es nicht, dass Übergriffe vor allem da passierten, wo Tiere schlecht geschützt seien. Andere Studien stellen hier im Ge­genteil einen deutlichen Zusammenhang fest. Doch die bleiben unerwähnt.

Source: faz.net