Deutschlands Schulen stehen unter Druck: volle Klassen, schlechte Leistungen, wenig Bewegung bei Reformen. Einer der wichtigsten Hebel könnte das Lehramtsstudium sein. Ideen gibt es viele. Warum ist das System so träge?
Zu volle Klassen, hoher Leistungsdruck, zu wenig Begeisterung fürs Lernen: In vielen Debatten gilt das deutsche Schulsystem als träge. Bildungsforscher Klaus Zierer von der Universität Augsburg beschreibt Schule als „kleine Maschinerie“: Kinder würden mit Wissen „vollgestopft“, unabhängig davon, ob es Freude mache oder erfolgreich sei. An einzelnen Stellschrauben werde gedreht – eine systematische Veränderung bleibe aus.
Dabei könnte man leicht etwas tun. Als größten Hebel nennt Zierer das Lehramtsstudium. Es müsse weniger starr auf Fachwissen setzen und stärker auf Pädagogik und Zusammenarbeit: mehr Teamarbeit, mehr Verständnis dafür, wie Lernen gelingt – statt Routinen, die im Schulalltag vor allem auf Stoffvermittlung und Bewertung zielen. Junge Lehrkräfte würden bislang nur zu Einzelkämpfern ausgebildet, sagt Klaus Zierer. „Im Schulalltag brauchen wir aber Teamarbeit.“
Lehrkräfte als „Talentscouts“
Ein Umdenken fordert auch Dieter Dohmen, Direktor des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS). Lehrkräfte müssten stärker als „Talentscouts“ agieren, sagt er: Potenziale erkennen, fördern, darauf aufbauen – statt den Stoff durchzuziehen und zu sortieren, wer mitkommt. Im Studium komme das zu kurz.
Dohmen plädiert für ein duales Lehramtsstudium: von der ersten Woche an Praxis, hospitieren, begleiten und das Erlebte an der Hochschule reflektieren. „Was macht eine gute Lehrkraft aus?“, „Wie führe ich Elterngespräche?“ Solche Kernfragen müssten früh und systematisch im Studienalltag verankert werden. Und dann würden die Studierenden auch früh erkennen, ob der Beruf etwas für sie ist oder nicht.
Erste Versuche dualer Modelle gebe es bereits, sagt Dohmen. Doch meist dienten sie nur dazu, dass Studierende die Lücken füllten, die durch den Lehrkräftemangel entstehen. Und das sei nicht Ziel der Sache, so der Bildungsforscher. Doch es gebe von der Politik wenig Wille zur Veränderung. Die Diskussion würde von Leuten getrieben, die gut durchs alte System gekommen seien und die deswegen glaubten, dass es heute noch funktioniere.
Mehr Fokus auf Menschen statt auf Technokratie
In Bayern wurde zwar im vergangenen Jahr ein Gutachten zur Reform der Lehrerausbildung vorgestellt. Das erfasse allerdings nicht den Kern des Problems, sagt Klaus Zierer von der Universität Augsburg. Es gehe darin stark um bestimmte Kernkompetenzen der Lehrkräfte, etwa Feedbackregeln, Klassenführung oder Tafelbild. Das sei sehr technisch. Was aber fehle, sei der Blick auf den Menschen. Bildung sei Beziehung: „Im Kern eine Interaktion zwischen Menschen.“
Der Gymnasiallehrer Oliver Kunkel aus Schweinfurt sagt, ihn mache die Trägheit des Systems immer wieder ratlos – auch aus der Perspektive als Vater: Seine Kinder seien in 13 Jahren Schule nur selten nach Hause gekommen und „irgendwie inspiriert“ gewesen. Innovation stehe nicht auf dem Dienstplan, sagt Kunkel. Statt Freude und Experimentierlust dominierten Notendruck und Stress.
Lernen mit Sinnen erfahren
Kunkel versucht im eigenen Unterricht andere Wege: Er geht mit seinen Klassen nach draußen in die Natur, macht Achtsamkeitsübungen und Projekte außerhalb der Schule. Schulstoff verankere sich anders im Gehirn, wenn man ihn mit etwas Sinnlichem oder mit einer Emotion verbinde. Die Welt sollte nicht in Schulfächer und Lehrplaninhalte gestückelt, sondern als vernetzte Systeme begriffen und verstanden werden, sagt der Lehrer.
Dafür hat Kunkel im Bayerischen Elternverband die sogenannten FutureLabs ins Leben gerufen, ein Konzept, das mit gehirngerechtem Lernen experimentiert, Projekte für Schüler und Studierende anbietet, und sich mit Wissenschaftlern auf der ganzen Welt vernetzt.
Lernen könne Spaß machen und dann bleibe mehr hängen. Kunkel hofft, dass sich dieser Blick auf den Unterricht breiter durchsetzt – nicht als Einzelprojekt, sondern als Teil eines veränderten Systems.
Source: tagesschau.de