Wieder Gas aus Russland: Kommen die Nord-Stream-Pipelines zurück?

Es wäre die maximale Demütigung für Deutschlands Politiker: Seit einiger Zeit geistern dunkel raunende Berichte durch die Medienwelt, dass clevere US-Investoren die auf dem Ostseegrund vor sich hin gammelnden Nord-Stream-Pipelines kaufen wollen, um anschließend gemeinsam mit russischen Partnern die Europäer wieder mit Gas zu beliefern. In Kurzform würde der Deal lauten: Russland stellt die Rohstoffe, die USA kontrollieren ihren Transport, die Europäer bezahlen.

Kein Sterbenswörtchen mehr über die unselige Vergangenheit, in der die USA alle Hebel in Bewegung setzten, um die verhassten Pipelines aus dem Weg zu räumen und die deutsch-russische Zusammenarbeit zu torpedieren. Der „Kriegsverbrecher Putin“ würde über Nacht wieder zum allseits respektierten Staatsmann. Und die Europäer, speziell die Deutschen, wären bis auf die Knochen blamiert.

Doch was ist dran an der Geschichte? Woher stammt die „Erzählung“ und wer hat sie mit welchen Absichten in die Welt gesetzt? Wäre die Wiederinbetriebnahme der Nord-Stream-Pipelines durch US-Investoren tatsächlich eine reale Möglichkeit oder ist das Geraune nur eine Desinformationskampagne, ein Druckmittel, um die störrischen Europäer weichzukochen? Sehen wir uns die Entstehungsgeschichte der Story etwas genauer an.

US-Milliardär will Nord Stream Pipeline ersteigern?

Die Berichterstattung beginnt am 21. November 2024. An diesem Tag schreibt das Wall Street Journal, ein in Florida lebender Geschäftsmann namens Stephen Lynch plane den Einstieg bei der Gazprom-Tochtergesellschaft Nord Stream 2 AG. Die im Schweizer Kanton Zug registrierten Firma befindet sich im Insolvenzverfahren. Sollte sie versteigert werden, wolle Lynch mitbieten.

Zu diesem Zweck habe er im Februar 2024 eine Ausnahmegenehmigung beim „Office of Foreign Assets Control“ (einer Behörde des US-Finanzministeriums) beantragt, die es ihm erlauben würde, mit einem Unternehmen zu verhandeln, das von den USA wegen des Ukrainekriegs sanktioniert wird. Lynch, der Donald Trump im Wahlkampf mit 300.000 Dollar unterstützt hatte, versprach sich nach dessen zweiter Wahl zum US-Präsidenten offenbar Rückendeckung für sein Vorhaben. Eine Pipeline in US-Besitz, so Lynch in der Antragsbegründung, wäre für die US-Regierung ein großartiges „außenpolitisches Werkzeug“.

FAZ und Spiegel („US-Milliardär will Nord Stream Pipeline ersteigern“) greifen den Sensationsbericht des Wall Street Journal am 22. November auf. Damit ist die Story, im wahrsten Sinne des Wortes, in der Pipeline.

Insolvenz-Aufschub für die Nord Stream 2 AG

Einige Wochen später, am 14. Januar 2025, meldet die staatliche russische Nachrichtenagentur Tass, ein Züricher Gericht habe den Insolvenz-Aufschub für die Nord Stream 2 AG überraschend bis 9. Mai verlängert. Auf diese Weise habe das Unternehmen Zeit gewonnen, um Investoren aufzutreiben, welche die Pipeline-Betreibergesellschaft übernehmen und die Gläubiger (darunter fünf westeuropäische Energie-Konzerne) entschädigen könnten.

Da eine der beiden Röhren von Nord Stream 2 trotz des Sprengstoffanschlags intakt geblieben sei, könne man die Gaslieferungen im Falle eines Friedensschlusses zwischen Russland und der Ukraine und der Aufhebung aller Sanktionen sofort wieder aufnehmen.

In der Brüsseler EU-Zentrale wird man hellhörig. Ist da etwas im Busch?

Zweite Medienbombe: Geheimgespräche zwischen Russland und USA über Nord Stream 2

Am 2. März 2025 platzt die nächste Medienbombe: Die Financial Times und die Bild berichten exklusiv über Geheimgespräche zwischen Russland und den USA, die das Ziel haben, Nord Stream 2 wieder in Betrieb zu nehmen. Die britische Wirtschaftszeitung konzentriert sich dabei auf jenen Part, den der „Ex-Stasi-Spion“, „Putin-Freund“ und ehemalige Geschäftsführer der Nord Stream 2 AG, Matthias Warnig, als Ideengeber und Einfädler des amerikanisch-russischen Nord Stream-Deals spielen soll.

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Eckpunkte eines Abkommens zwischen Gazprom und dem US-geführten Investoren-Konsortium seien bereits ausgearbeitet. Die Bild ergänzt, dass als US-Unterhändler Trumps Sondergesandter Richard Grenell aufgetreten sei, der bis 1. Juni 2020 Botschafter der USA in Deutschland war.

Sowohl Grenell als auch Warnig dementieren die Berichte umgehend. Trumps Gesandter spricht verächtlich von „Fake News“ und beschimpft den Bild-Reporter als „Spinner“. Warnig entrüstet sich noch am gleichen Tag in der Zeit: „Ich hatte nie etwas damit zu tun … Ich verstehe nicht, warum ich plötzlich als vermeintlicher Strippenzieher öffentlich genannt werde.“ Den Job bei Nord Stream habe er wegen der US-Sanktionen schon 2023 aufgeben müssen.

Marie-Agnes Strack-Zimmermann bollert los

Die sofortigen Dementis der beiden nähren erst recht einen Verdacht. Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Vorsitzende des EU-Ausschusses für Sicherheit und Verteidigung, bollert drauflos: „Bei wem wir Gas einkaufen, das entscheiden nicht die Vereinigten Staaten, sondern die Deutschen und die europäischen Staaten.“ Wirklich?

Am 25. März 2025 bestätigt Russlands Außenminister Sergej Lawrow gegenüber der staatlichen Nachrichtenagentur Tass, dass es solche Verhandlungen gibt. Sie seien Teil der russisch-amerikanischen Gespräche zur Beendigung des Ukrainekriegs. Man werde sehen, „ob die Amerikaner ihren Einfluss auf Europa geltend machen und es zwingen, das russische Gas nicht weiter abzulehnen.“

Zwar würden Politiker wie Robert Habeck, Ursula von der Leyen und Boris Pistorius behaupten, „dass sie die Wiederinbetriebnahme der Nord-Stream-Pipelines niemals zulassen werden. Doch diese Leute sind entweder psychisch krank oder selbstmordgefährdet.“ Lawrows Bosheit sitzt. Am nächsten Tag bestätigen NDR und Handelsblatt die Tass-Meldung: „Über Nord Stream wird gesprochen“.

Ein Indiz für die Gespräche ist auch, dass die Schweizer Richter die drohende Insolvenz der Nord Stream 2 AG am 9. Mai 2025 noch einmal abwenden, indem sie einen Schuldenschnitt per Nachlassvertrag genehmigen. So behält Gazprom die Kontrolle und kann weiter nach Investoren suchen. Die westeuropäischen Gläubiger, darunter der Ende 2022 verstaatlichte Düsseldorfer Energiekonzern Uniper, legen keinen Protest gegen die nochmalige Stundung ein. Deutsche Umweltverbände kritisieren das scharf.

Bertrand Malmendier und die Klage gegen EU-Sanktionen

In der EU herrscht jetzt offen Alarmstimmung. Am 18. Juli 2025 beschließt der Rat der Europäischen Union sein 18. Sanktionspaket gegen Russland – unter besonderer Berücksichtigung der Nord-Stream-Pipelines. Man will den umlaufenden Gerüchten ein Ende bereiten. „Die EU“, heißt es in der Verordnung des Rats, „verhängt ein vollständiges Transaktionsverbot für Nord Stream 1 und 2, auch für die Bereitstellung von Waren und Dienstleistungen, wodurch die Fertigstellung, die Wartung, der Betrieb und jede künftige Nutzung der Pipelines Nord Stream 1 und 2 verhindert wird.“ Punkt. Ende Gelände? Noch immer nicht.

Am 13. Oktober 2025 reicht die Nord Stream 2 AG Klage gegen die Sanktionsverschärfungen ein und fordert deren Rücknahme. Anwalt der Klägerin ist der in Bulgarien und Berlin lebende deutsch-französische Anwalt Bertrand Malmendier, der russische Staats- und Firmeninteressen schon häufiger vertreten hat. Malmendier ist laut Focus-Recherchen Mitglied der CDU.

Dass das Thema Nord Stream keineswegs beerdigt ist, bezeugen auch zwei Veröffentlichungen aus jüngster Zeit. Am 12. Februar 2026 erscheint die Monatszeitschrift Le Monde diplomatique mit einem ausführlichen Bericht über die „Schattendiplomatie um Nord Stream“. Im Mittelpunkt der Story stehen die Russland-Phantastereien der beiden „windigen“ US-Investoren Stephen Lynch und Gentry Beach. Sie sollen bereits ein feinmaschiges Interessenten-Netz für den Deal gesponnen haben.

Verspricht Putin den USA einen 14-Billionen-Dollar-Deal?

Keine Woche später präsentiert der britische Economist einen irrwitzig klingenden Megadeal: „Der Kreml“, heißt es, „verspricht der Regierung von Donald Trump Geschäfte im Wert von 12 Billionen Dollar“. Russlands Unterhändler Kirill Dmitriev korrigiert diese Zahl am 18. Februar auf der Plattform X mit bärbeißigem Humor: Der Economist sei einer Falschmeldung aufgesessen. In Wahrheit hätten die geplanten US-russischen Deals einen Wert von 14 Billionen US-Dollar. Das entspricht fast dem Siebenfachen des derzeitigen russischen Bruttoinlandprodukts. Bedingung für den protzigen Deal sei allerdings der Abschluss eines Friedensabkommens mit der Ukraine und die Aufhebung aller Sanktionen gegen Russland.

Das gigantische „Dmitriev-Paket“ umfasse gemeinsame Investitionen in Bergbau (Seltene Erden), Energie (Öl und Gas), Luftfahrt und Atomindustrie. Auch ein Tunnel von Alaska nach Russland sei im Gespräch. Bei einem Treffen am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos am 20. Januar 2026 sollen Trumps Unterhändler Steve Witkoff und Jared Kushner mit Dmitriev über „das Paket“ gesprochen haben. Darin enthalten: die Reparatur und Wiederinbetriebnahme der Nord-Stream-Pipelines.

US-Investoren wollen auch PCK in Schwedt, Bayernoil in Vohburg und MiRo übernehmen

Doch die Bundesregierung schweigt zu alledem. Obwohl Teile der AfD, BSW sowie Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) eine Wiederinbetriebnahme von Nord Stream begrüßen würden (allerdings nicht unbedingt unter US-Kontrolle), halten deutsche Sicherheitsexperten das Ganze für ausgemachten Unfug, bisweilen auch für russische Propaganda zur Beeinflussung eines ebenso geschäftstüchtigen wie geldgierigen US-Präsidenten.

Sie verweisen dann gern auf die hohen politischen Hürden: Erst müssten die USA den Krieg in der Ukraine befrieden und die Sanktionen gegen Russland aufheben, dann müsste Russland einer Wiederaufnahme von Energielieferungen unter US-Kontrolle zustimmen und Deutschland müsste die Lieferungen an potentielle Abnehmer in Europa genehmigen. Nichts davon sei wahrscheinlich.

Überdies würde eine Kontrolle der Pipelines durch die USA die Energieabhängigkeit nur von einer Großmacht auf eine andere verlagern und diese Abhängigkeit noch vergrößern. Denn US-Investoren wollen auch Russlands Anteile an den drei deutschen Raffinerien PCK in Schwedt (derzeit unter Treuhandverwaltung), Bayernoil in Vohburg und MiRo am Oberrhein übernehmen. Und sie zeigen Interesse an Russlands Pipeline Turk Stream, die das südliche Europa und den Balkan versorgt.

Artem Sokolow vom staatlichen russischen Institut für Internationale Studien (MGIMO) hält solche US-Überlegungen für naiv. Der Versuch der USA, den Transport russischer Energie nach Europa vollständig zu kontrollieren, mache die USA und Russland nicht etwa zu Partnern, sondern zu Konkurrenten. Washington würde US-Lieferungen „selbstverständlich priorisieren“. Und das sei „nicht im russischen Interesse“.

Wo sich Nord-Stream-Pipeline und Baltic Pipe kreuzen

Auch kann kritische Infrastruktur wie die Gas-Empfangsstation im vorpommerschen Lubmin nicht einfach in fremde Hände gegeben werden. Da Energienetze der öffentlichen Daseinsvorsorge dienen, müssten ausländische Investoren eine strenge sektorspezifische Investitionsprüfung beim Bundeswirtschaftsministerium durchlaufen. Die sei inzwischen aber überflüssig. Denn die am 3. Februar 2026 für sämtliche EU-Staaten in Kraft getretene „RePowerEU“-Verordnung schließt russische Gas- und Flüssiggas-Importe ab 2027 vollständig aus.

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Denkbar wäre allerhöchstens, dass die Nord-Stream-Pipelines an jener Stelle, an der sie die Baltic Pipe kreuzen, nach Polen umgeleitet werden. Die Baltic Pipe transportiert seit Herbst 2022 norwegisches Gas nach Polen. Sie wurde nur wenige Stunden nach der Sprengung der Nord-Stream-Pipelines von Regierungsvertretern aus Polen, Dänemark und Norwegen feierlich eröffnet.

Polen als treuester EU-Verbündeter der USA hätte gegen eine solche Umleitung von Nord Stream sicher nichts einzuwenden. Und die ungeliebten Deutschen wären dadurch maximal brüskiert.

9. MaiAfDAlaskaAtomindustrieAusländische InvestorenBalkanBeachBergbauBerichterstattungBerlinBildBorisBoris PistoriusBotschafterBulgarienBundesregierungBundeswirtschaftsministeriumBuschCDUDänemarkDeutschDeutschlandDie WeltDollarDonaldDreiEconomistEndeEnergieEUEuropaEuropäischen UnionFAZFloridaFlüssiggasGasGazpromGeschichteGrenellHabeckHerbstHumorImporteInfrastrukturInsolvenzInvestitionenJaredJobJuliKirillKnochenKremlKretschmerKriegKrieg in der UkraineKushnerLawrowLeyenLuftfahrtMalmendierMANMarieMarie-AgnesMatthiasMichaelNDRNewsNord StreamNord Stream 1Nord Stream 2Nord Stream PipelineNorwegenÖlPCKPipelinePipelinesPistoriusPolenPolitikerPropagandaProtestPutinRaffinerienRechtRegierungRichardRichterRobertRobert HabeckRohstoffeRusslandSchweizerSeltene ErdenSergejSicherheitSpiegelSpionSprengungStasiStephenSteveStrack-ZimmermannStudienTAGTransportTrumpTunnelUkraineUnionUniperUnternehmenUrsulaUrsula von derUSUS-DollarUS-SanktionenUSAVerteidigungWahlWahlkampfWallWashingtonWeiseWELTWillWitkoffXZeitZimmermannZug