Individuelle Krebstherapien können sehr wirksam sein – ihre Herstellung ist oft Handarbeit und damit teuer. Unternehmen und Forschungseinrichtungen stellen auf der Hannover Messe neue Technologien vor.
Erst die Diagnose Blutkrebs, dann noch eine Covid-Infektion: Wochenlang war nicht klar, ob Ina Burkart diese Situation überlebt. „Dank der Gnade Gottes habe ich das überlebt“, sagt sie rückblickend. „Als ich dann wieder zurück kam, war der Körper so geschwächt, dass von weiteren Chemotherapien abgesehen wurde.“
Eine der letzten Optionen für sie war eine CAR-T-Zell-Therapie an der Uniklinik Heidelberg.
Wirksame Therapie, hohe Kosten
Hinter dem sperrigen Namen verbirgt sich eine Immuntherapie. Dabei werden Immunzellen aus dem Körper des Patienten entnommen, genetisch verändert und wieder zurückgeführt. Diese modifizierten Zellen können dann die Tumorzellen erkennen. Bei bestimmten Blutkrebsarten ist diese Therapie seit einigen Jahren zugelassen und wirksam. Auch Ina Burkarts Krebserkrankung ist seit der Behandlung nicht mehr nachweisbar.
Doch die Herstellung der Zelltherapie ist sehr aufwendig. „So wie wir momentan CAR-T-Zellen herstellen, brauchen wir für die Vorbereitung, Dokumentation und Lagerführung sehr viel Personal“, sagt Michael Schmitt, Professor für Zelluläre Immuntherapie an der Uniklinik Heidelberg.
Dazu kommt: Das Fachpersonal muss die Therapie in besonderen Reinräumen produzieren. Das braucht viel Platz und Material. Und Zeit: Denn viele Schritte sind noch Handarbeit. Verschiedene Forschungsgruppen und Unternehmen wollen diesen Prozess deshalb komplett automatisieren.
Intensive Forschung zur automatischen Herstellung
Am Fraunhofer Institut für Produktionstechnik und Automatisierung in Stuttgart entwickeln Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dafür beispielsweise sogenannte Minifabriken.
In diese Maschinen können Kassetten mit den Zellen der Patientinnen und Patienten eingelegt werden. Im Inneren sollen die einzelnen Schritte der Herstellung automatisch ablaufen. „In der Kassette ist alles enthalten, was für den jeweiligen Prozessschritt notwendig ist“, erklärt Andrea Gaißler vom Fraunhofer Institut.
Gemeinsam mit dem Unternehmen Festo in Esslingen wurde ein Bauteil entwickelt, das es ermöglicht, die Flüssigkeiten in den Apparaten ohne Handarbeit zu steuern. Dieses Bauteil wird aktuell auf der Hannover Messe vorgestellt.
Die erste „Minifabrik“ des Fraunhofer Instituts ist nahezu fertig. In ihr läuft der erste Schritt auf dem Weg zur CAR-T-Zelle ab: die genetische Veränderung. Für die weiteren Schritte müssen noch „Minifabriken“ entwickelt werden. Das wird noch einige Jahre dauern.
Automatisierung könnte Kosten senken
Einen anderen Ansatz verfolgt die Uniklinik Heidelberg gemeinsam mit ihren Partnern Optima Pharma und dem Bosch Health Campus.
In Heidelberg hat Ina Burkart ihre CAR-T-Zellen erhalten. Die Uniklinik ist spezialisiert auf die Herstellung solcher Zell-Therapien. Aber auch hier ist die Herstellung zumindest zum Teil noch Handarbeit.
Eine vollständige Automatisierung würde den Preis der Therapie deutlich senken, da sind sich Fachleute einig. „Wir werden die Kosten um einen wesentlichen Betrag reduzieren können“, erklärt Michael Schmitt von der Uniklinik Heidelberg, „um 30, vielleicht auch 40 Prozent.“ Bei Kosten von mehreren hunderttausend Euro pro Patient, sei das eine Menge.
Bedarf an Zelltherapien steigt
Die vollautomatische Herstellung spare auch Zeit, so der Experte für Zell- und Immuntherapien Schmitt: „Mit dem Vollautomaten können wir die Schlagzahl verzehnfachen.“ Aktuell brauche man noch zwei bis drei Wochen für die Herstellung eines CAR-T-Zell-Produkts. In Zukunft könne man in dieser Zeit zehn Produkte herstellen.
Und der Bedarf steigt: In Studien zeigen Zelltherapien bei immer mehr Erkrankungen eine Wirkung – zum Beispiel bei Autoimmunerkrankungen.
Bereits in den kommenden zwei Jahren sollen in Heidelberg die ersten Patientinnen und Patienten wie Ina Burkart solche komplett automatisiert hergestellten Zellen erhalten. Hoffentlich mit einer ähnlichen Wirkung.
Source: tagesschau.de