Werner Herzog ist Kult: In Deutschland für Cineasten, in den USA für alle. Dort spielt er in Serien mit und ist in den großen Late Night Shows zu Gast. Seine Social-Media-Videos sehen Millionen – dabei hat er nicht mal ein Handy.
Werner Herzog spricht über eine Pinguin-Kolonie in der Antarktis: „Diese Pinguine sind auf dem Weg ins offene Wasser.“ Doch im Video ist ein Pinguin zu sehen, der sich anders verhält als die anderen. Er läuft nicht mit den anderen Richtung Wasser, sondern allein in die andere Richtung. „5.000 Kilometer liegen vor ihm – er geht in den sicheren Tod.“
„Aber warum“, fragt Herzog, „But why?“ Diese Szene ging im Januar im Internet viral. Dabei hatte er sich die Frage „But why?“ schon vor fast 20 Jahren in einer Dokumentation gestellt. Auf Social-Media-Plattformen wie Instagram sahen den Clip Millionen User. Ein neuer Hype ist entstanden, wie der Podcast „Werner Herzog – zu groß für Deutschland“ von BR und SWR erzählt.
Ein einsamer Pinguin geht viral
Der einsame Pinguin stammt aus Herzogs Dokumentation „Begegnungen am Ende der Welt“ von 2007. Sie wurde für einen Oscar nominiert. In tausenden Kommentaren nehmen User Anteil am Schicksal des Pinguins: „Er hat uns verlassen“, kommentierte ein Nutzer, „aber Millionen inspiriert, einen eigenen Weg zu gehen.“
Den eigenen Weg zu finden, Einsamkeit, Unabhängigkeit: Diese Themen funktionieren auch in der Gen Z.: „Wir sind alle Pinguine auf dem Weg zu unserem eigenen Berg“, lautet einer der Kommentare mit fast 3.500 Likes. Ein User schreibt: „Mach bitte noch eine Dokumentation – oder zumindest einen Podcast!“
Biografie der Extrem-Erfahrungen
Dabei ist Werner Herzog immer wieder in Podcasts zu Gast. Er hat zudem rund 80 Dokumentationen und Spielfilme gemacht, oft in Extrem-Situationen. In „Grizzly Man“ geht es 2005 um einen Tierschützer, der 13 Sommer lang mit Grizzlybären in Alaska zusammengelebt hat. 2016 erkundet er Vulkane. „In den Tiefen des Infernos“ heißt die Doku.
„Wenn Sie direkt an einem Vulkan-Krater sind, der glühende Lava hochschleudert, ist das natürlich riskant“, sagte Herzog damals der ARD. „Das ist ein bisschen wie bei Kriegsberichterstattern. Die Kamera wird mich schützen. Das ist magisches Denken und eher auch dumm. Aber dieser Dummheit habe ich mich auch gestellt.“
Statt Streit mit Klaus Kinski jetzt Talkshows
Gestellt hat sich Herzog auch der Zusammenarbeit mit Klaus Kinski, eine weitere Extrem-Erfahrung, über die er in der Doku „Mein liebster Feind“ von 1999 berichtet. Seit rund 30 Jahren lebt er mittlerweile in Los Angeles. In den USA ist er ein Star, tritt regelmäßig in den bekanntesten Fernsehshows auf.
Der breite deutsche Akzent, seine bescheidene, ruhige Art und seine Lebenserfahrung machen ihn zu einem interessanten und unterhaltsamen Gesprächspartner. Auch in vier Folgen der Fernsehserie „Die Simpsons“ ist Herzog bereits aufgetaucht, leiht seiner Cameo-Figur Walter Hotenhoffer die Stimme.
Werner Herzog zu Gast in der Fernsehserie „Die Simpsons“.
Ein Influencer ohne eigenes Handy
In der „Star Wars“-Serie „The Mandalorian“ spielt er einen enigmatischen Bösewicht. Und obwohl er immer wieder Vorbehalte dagegen angemeldet hat, ist er seit August 2025 auch auf Social Media aktiv. „Ich wurde gefragt, warum ich nicht in Sozialen Medien bin“, erinnert er sich in seinem ersten Video, während vor ihm ein Steak auf dem Grill brutzelt.
Sein jüngster Sohn Simon habe ihn schließlich überredet, Videos zu posten. Dabei habe er gar kein Handy. „Ich hatte das Gefühl, dass ich meine Arbeit und Alltägliches mit Euch teilen sollte“, erklärt er. Wie er ohne Handy überhaupt überleben könne, will Oscar-Moderator Conan O’Brien dazu in seinem Podcast wissen. „Ganz einfach“, sagt Herzog, „ich lese stattdessen.“
Inzwischen jedoch postet er sogar Unboxing-Videos, packt zwei seiner Bücher aus, darunter ein neu erschienenes. Auch einen Workshop für Filmschaffende hat er bei Instagram angekündigt. Wer teilnehmen will, muss allerdings mehrere tausend Euro zahlen.
Echo der Kälte und des Absurden
Ein User-Kommentar unter dem Video lautet: „Ich hab dich lieb, Dude, aber 8.000 Euro machen den Kurs für Leute aus der Arbeiterklasse völlig unerschwinglich. Das gefällt mir gar nicht.“ Solche Reaktionen bekomme er allerdings gar nicht mit, sagt Herzog. Wichtig sei ihm lediglich, Dinge ins Netz zu stellen, die Neugier wecken und inhaltliche und erzählerische Substanz haben. Geschichten über einsame Pinguine zum Beispiel.
Fast 890.000 Follower hat Herzogs Account – seine Arbeit erreicht eine völlig neue, jüngere Zielgruppe. Ein User schreibt unter einem Video: „Werner Herzog ist einer von uns – weil er nicht über die Welt lügt. Er spricht das Unausgesprochene laut aus: die Kälte, das Absurde und die Grausamkeit – die sich hinter dem ‚Normalen‘ verbirgt.“
Source: tagesschau.de