Hallo,
es hätte so schön sein können: Nach 22 Jahren gewinnt zum ersten Mal wieder ein deutscher Film den Goldenen Bären auf der Berlinale. In anderen Jahren wäre der/die aktuelle Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien im Anschluss damit beschäftigt gewesen, diesen Erfolg für sich zu reklamieren, den Stolz aufs nationale Kino zu pflegen und die Berlinale als das beste Festival der Welt zu preisen.
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Wolfram Weimer dagegen hat binnen weniger Tage nicht nur den Erfolg vergessen lassen, er hat dem Internationalen Filmfestival Berlin den wohl größten Schaden seines 76-jährigen Bestehens zugefügt und im Grunde den deutschen Kulturbetrieb mit seinem nie reibungsfreien, aber deshalb auch produktiven Zusammenspiel aus Meinungsfreiheit und öffentlicher Hand in Verruf gebracht.
Zwar ist der Stand an diesem Donnerstagmittag der, dass Tricia Tuttle im Amt bleibt. Doch die letzten Tage mit ihrer sich immer weiter skandalisierenden Debatte darum, wie mit den propalästinensischen Äußerungen eines Preisträgers umzugehen sei, haben ihr den Job noch schwerer gemacht, als er während des Festivals mit seinen Streitereien um Statements und Bekenntniszwang ohnehin war.
Als in den letzten Tagen kolportiert wurde – vielleicht sollten Tatsachen geschaffen werden? – dass Weimer Tuttle entlassen wollte, kam es zum Glück zu sofortigen Solidaritätserklärungen von allen Seiten der Filmbranche. Einen offenen Brief zu Tuttles Unterstützung unterschrieb (mit 700 anderen) nun sogar wieder Tilda Swinton, die in der Woche zuvor noch einen kritischen Brief ans Festival unterzeichnet hatte, in dem der Berlinale Zensur gegen propalästinensische Stimmen vorgeworfen wurde.
Tuttle hatte während des Festivals diesem und anderen Angriffen souverän und doch mit Feingefühl die Stirn geboten; sie hat Vielfalt und Meinungsfreiheit verteidigt, darunter auch das Recht auf Zurückhaltung. Auch nur für Tage das Gerücht wachsen zu lassen, dass man sie dafür abberufen wolle, erscheint in jeder Hinsicht takt- und instinktlos. Wie hätte die Berlinale nach ihr weitermachen sollen? Man kann die Boykott-Aufrufe fast schon heraufziehen hören … Ich bin gespannt, was die nächsten Tage noch bringen, aber „not in a good way“.
1. Heute wichtig
2. Made My Day
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➜ Der Skandal der anderen: Hier soll eigentlich was Positives stehen, ein Hinweis auf etwas, das Freude inspiriert. Aber manchmal ist die Nachrichtenlage eben so, dass es nur zum zweitbesten reicht, der Schadenfreude. Etwa darüber, dass die Berlinalepreisverleihung nicht die einzige Veranstaltung ihrer Art war, über die sich alle im Nachhinein echauffierten.
In London wurden am Sonntag die britischen Filmpreise vergeben, die BAFTAs. Einer der gefeierten Erfolge des Abends war der britische Indie-Film I Swear, in dem ein Mann mit Tourette-Syndrom im Zentrum steht. Das reale Vorbild, John Davidson, saß selbst im Publikum, bei dem im Voraus um Verständnis dafür geworben wurde, dass es zu unschicklichen Ausrufen kommen könnte.
Dass Davidson ausgerechnet das N-Wort rief, als mit Delroy Lindo und Michael B. Jordan zwei afroamerikanische Darsteller auf der Bühne standen, empfanden dann doch viele als problematisch. Die Debatte darum, ob die BBC es nicht zumindest aus der – zeitversetzten – Übertragung hätte löschen sollen, oder ob das Anliegen, Davidson nicht zu „canceln“ Vorrang hatte, dauert an.
Zur Guardian-Berichterstattung über die Baftas➜
3. Kultur-Tipp
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➜ Gut zu sehen: Ich habe schon beim Titel gelacht: Frier und Fünfzig hat Annette Frier ihre neue Comedy-Serie genannt. Den Zusatz Am Ende meiner Tage hätte es meiner Ansicht nach gar nicht mehr gebraucht. Frier spielt darin eine Version ihrer selbst, also eine bekannte deutsche Komikerin um die 50, die in Köln lebt und mit den sie umgebenden Vorurteilen zu Frauen in den Wechseljahren hadert.
Woran es der deutschen Version von Call my Agent meiner Ansicht nach so mangelt – lockere Selbstironie, in der die Ahnung mitschwingt, dass der deutsche Film- und Fernsehbetrieb nicht ganz so bedeutsam ist – gelingt Frier mit wunderbar leichter Hand.
Großartig auch, wie sie beim unerquicklichen Menopausen-Thema die Frauen selbst nicht vom Haken lässt: Alle finden gut, dass das Thema angeschnitten wird, aber keine will betroffen sein. Die acht Folgen, auf Joyn zu streamen, sind fast zu schnell vorbei.
4. Lese-Empfehlung
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➜ Wir sollten nicht technisch zurück in die Steinzeit müssen:Das meint Ida Rentsch, 13-jährige Schülerin eines Berliner Gymnasiums, die für den Freitag über die Debatte um ein Social-Media-Verbot für Kinder schreibt. Sie plädiert unter anderem dafür, die Plattformen selbst mehr in die Verantwortung zu nehmen. Lesen Sie selbst:
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„Jetzt leg doch mal das Handy weg!“ Das höre ich mindestens dreimal am Tag von meinen Eltern … Ich finde es unfair, dass viele Kinder heutzutage als faul oder handysüchtig beschrieben werden. Wenn ich am Handy bin, schreibe ich meistens mit Freunden auf Plattformen wie Whatsapp und Snapchat. Ich sehe aber auch oft meine Eltern am Handy.
Sie sagen zwar immer, es sei für die Arbeit, aber ich sehe sie auch sehr oft auf Instagram scrollen. Meine Eltern sagen mir immer, das Internet sei gefährlich, und sie tun so, als ob mir nicht bewusst wäre, was dort geschieht. Ich weiß schon, dass Social Media süchtig machen kann.
Mindestens genauso oft, wie die Aufforderung meiner Eltern, das Handy wegzulegen, höre ich in der Schule die Sounds von Spiele-Apps wie Brawlstarsoder Clash Royal, denn viele Mitschüler sind damit die ganze Pause beschäftigt. Aber ich spiele mit meinen Freundinnen gerne Gesellschaftsspiele auf dem Handy, wie zum Beispiel Imposter.
Was ich gruselig finde, ist, dass manchmal Apps wie Tiktok und Instagram benutzt werden, um Accounts zu erstellen, mit denen Menschen runtergemacht oder beleidigt werden. Ich habe auch schon mal Cybermobbing mitbekommen. Dort wurde ein sogenannter Hate-Account erstellt, wo intime Fotos und Videos von einem Mädchen veröffentlicht wurden, um es fertigzumachen.
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So weit für heute. Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie den Frühling, der die nächsten Tage mit seltener Plötzlichkeit hereinbricht, genießen können!
Viele Grüße,
Ihre Barbara Schweizerhof
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