Wie weit ist die irakische Solidarität mit Iran?


Reportage

Stand: 17.03.2026 • 17:34 Uhr

Wie in Iran ist die Mehrheit der Iraker schiitisch. Auch politisch sind die Verbindungen groß – und der Irak ist einer der Hauptschauplätze des Kriegs gegen Iran. Eindrücke aus der für Schiiten heiligen Stadt Kerbela.

Tausende Menschen tummeln sich auf dem Vorplatz der Imam-Hussein-Moschee in Kerbela. Einige Familien haben Picknickdecken ausgebreitet, das Essen ist noch nicht ausgepackt, bis zum Fastenbrechen am Abend sind es noch ein paar Stunden. Dann eine Durchsage per Lautsprecher: Die kleine Zahra findet ihre Eltern nicht mehr, ob die sich bitte melden könnten.

Freiwillige schieben Alte und Kranke in Rollstühlen in die Moschee – die erhoffen sich Heilung, hier an der wichtigsten Pilgerstätte für schiitische Muslime. Drinnen beten Gläubige, andere machen Selfies, hoffen offenbar, auch so vom besonderen Segen des Ortes profitieren zu können.

Die Stimmung ist friedlich, der Krieg im Nachbarland Iran scheint weit entfernt zu sein. Dabei sind auch im Irak in den letzten zwei Wochen Dutzende Menschen bei Luftangriffen getötet worden.

Die Stimmung in der Imam-Hussein-Moschee von Kerbela ist friedlich, der Krieg scheint weit entfernt.

Kriegsschauplatz Irak

Der Irak ist der Kriegsschauplatz mit den drittmeisten Toten – nach Iran und Libanon. „Es kommen immer mehr Opfer hinzu“, sagt die Radiologin Farah. „Erst gestern haben wir wieder eine Gruppe junger Leute beerdigt. Es scheint, als wäre der Krieg unser Schicksal. Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass wir und unsere Kinder in Frieden und Ruhe leben können.“

Die jungen Leute, von denen Farah spricht, sind Kämpfer pro-iranischer Milizen. Diese greifen derzeit täglich US-Einrichtungen im Irak mit Drohnen an und werden im Gegenzug von der US-Luftwaffe bombardiert.

Um die dabei getöteten Kämpfer wird in Kerbela ebenso getrauert wie um die Opfer des Krieges in Iran – wie die meisten Iraker sind auch sie mehrheitlich Schiiten.

Kerbela liegt etwa 80 Kilometer südlich der irakischen Hauptstadt Bagdad. Wie Iran im Osten ist auch der Irak mehrheitlich schiitisch.

Der Kampf gegen die Übermacht als Identität

Erinnert wird auch an Imam Hussein, getötet in der Schlacht von Kerbela im Jahr 680 durch die Truppen der Ummayaden. Lange her – doch für Schiiten ist das Ereignis weiterhin identitätsstiftend. Es steht für den Kampf gegen eine militärische Übermacht, allein gelassen vom Rest der Welt.

Arfan Talib, ein Ingenieur, verweist auf ein Ereignis aus der jüngeren Geschichte: „Man darf nicht vergessen, wer uns 2014 im Kampf gegen die IS-Terroristen zur Seite stand: Es war die Islamische Republik Iran, während uns alle anderen arabischen Länder im Stich gelassen haben. Es ist unsere menschliche, nationale und islamische Pflicht, an der Seite Irans zu stehen.“

In den Straßen von Kerbela hängen Bilder des bei den Angriffen auf Iran getöteten geistlichen Führers Ali Chamenei.

Solidarität mit Irans Regime

Die Solidarität mit Iran ist auch auf den Straßen Kerbelas zu sehen. Auf großen Plakaten ist Ali Chamenei abgebildet, der bei den US-amerikanisch-israelischen Angriffen getötete geistliche Führer des Regimes in Teheran. Neben ihm andere „Märtyrer“: iranische oder irakische Anführer von Milizen, die durch US-Luftangriffe getötet wurden.

Am Abend dann eine Demonstration: Voran marschieren die Pfadfinder, dahinter Mädchen- und Frauengruppen, gefolgt von einer großen Gruppe nigerianischer Schiiten, sowie den Angehörigen unterschiedlicher irakischer Milizen – hier nur bewaffnet mit den Flaggen ihrer Gruppierungen.

Andere halten Fotos hoch, von Chamenei dem Älteren oder seinem Sohn und Nachfolger. Auch Bilder von Hassan Nasrallah sind zu sehen, dem langjährigen Anführer der libanesischen Hisbollah.

Scheich Abu Baqer al-Saadi sieht es als eine allgemeine Pflicht, sich den USA und Israel entgegenzustellen.

„Proteste, Worte oder andere Mittel“

Sehen sich die Schiiten also im Krieg gegen den Rest der Welt? „Bevor wir Schiiten oder Muslime sind, sind wir Menschen“, sagt ein Geistlicher. Es gehe um universelle Menschenrechte. Wenn einem Menschen Unrecht geschehe, gehe es nur um Gerechtigkeit, so Scheich Abu Baqer al-Saadi.

„Wir sind als Menschen verpflichtet, Stellung zu beziehen und dem Unterdrücker entgegenzutreten. Sei es durch Proteste, Worte oder andere Mittel.“ Wer die Unterdrücker aus seiner Sicht sind, daran lässt der Scheich keinen Zweifel: die USA und Israel. Dass der Iran gerade alle seine muslimischen Nachbarländer bombardiert, erwähnt er nicht.

Aggressiv ist die Stimmung nicht auf der Demonstration. An den Marktständen am Rand werden Snacks und Süßigkeiten angeboten, inmitten der Menschenmasse steht ein Verkäufer mit einer Traube bunter Luftballons. Es ist eine Mischung aus Volksfeststimmung, inszenierter Wut und eingeübter Parolen.

Den USA, dem „großen Satan“, wird der Tod gewünscht, auch Israel verfluchen die Demonstranten. Und sie betonen die eigene Kampfbereitschaft – es ist das, was Scheich Abu Baqer al-Saadi als „andere Mittel“ bezeichnet, um den USA und Israel entgegenzutreten.

Ruf nach Zurückhaltung

Einige proiranische Milizen im Irak haben die Waffen aufgegriffen, aber sie stehen vermutlich nicht für die Mehrheit im Land, auch nicht unter den Schiiten. Einflussreiche Geistliche haben zu Zurückhaltung aufgerufen, um den Irak nicht noch weiter in diesen Krieg zu ziehen.

Und die Radiologin Farah fragt sich, wie sich der Konflikt auf sie und ihre Kinder auswirkt: „Unsere Nerven sind extrem angespannt. Wir hatten eigentlich vor, ein Haus zu kaufen, haben das aber gestoppt. Wir wollten verreisen, das ging auch nicht. Es ist, als ob das ganze Leben in dieser Zeit stillsteht.“

Ihr größter Wunsch sei es, dass dieser Krieg schnell endet – möglichst noch vor dem Zuckerfest am Ende des Fastenmonats Ramadan. Das wäre in wenigen Tagen.

Source: tagesschau.de