So schlagfertig und entspannt hatte sich Chinas Präsident selten gezeigt. Als Xi im November bei seinem Besuch in Südkorea Präsident Lee zwei Xiaomi -Smartphones als Geschenk überreichte, fragte Lee scherzend, ob die Handys sicher seien. Xi entgegnete, Lee solle doch nach „Backdoors“ schauen, also nach Hintertüren, die eine Bespitzelung zulassen.
Schon mit dieser Szene deutete sich die Annäherung zwischen Südkorea und China an, die die beiden Präsidenten in dieser Woche mit dem zweiten Gipfel innerhalb von gut zwei Monaten bekräftigten. Lee reiste mit einer riesigen Wirtschaftsdelegation von 400 Vertretern von mehr als 160 Unternehmen an, zunächst nach Peking, dann nach Shanghai. Darunter waren die Chefs von Samsung Electronics, Hyundai, LG oder des Mischkonzerns SK, eine der Größen der globalen Halbleiterindustrie. Es war die erste China-Reise eines südkoreanischen Präsidenten seit 2019 und die erste mit Wirtschaftsdelegation seit fast einem Jahrzehnt.
Exportstopp nach Japan
Im krassen Gegensatz zu dem Schmusekurs mit Seoul, verschärfte Chinas Parteiführung am Dienstag ihren Kurs gegenüber Japan. Im seit November schwelenden Konflikt um die Taiwan-Äußerungen der japanischen Ministerpräsidentin Sanae Takaichi verhängte Peking einen Exportstopp für wichtige Materialien, die für militärische Zwecke verwendet werden können. Die Liste der betroffenen Güter umfasst 800 Positionen, von Chemikalien, Elektronik und Sensoren bis hin zu Ausrüstung und Technologien, die in der Schifffahrt und Luft- und Raumfahrt verwendet werden. Schätzungen gehen davon aus, dass mehr als zwei Fünftel der japanischen Einfuhren aus China betroffen sein könnten.
Japans Außenministerium reichte einen formellen Protest bei Chinas Botschaft in Tokio ein. Man prüfe Gegenmaßnahmen, drohte ein japanischer Regierungsvertreter. Die beiden Länder stecken in ihrem tiefsten diplomatischen Disput seit mehr als einem Jahrzehnt. Chinas staatliche Fluglinien strichen unzählige Flüge nach Japan, die Behörden warnten vor Reisen nach Japan. Konzerte japanischer Musiker wurden verboten.
Anders als die koreanischen Kollegen hat eine ranghohe japanische Delegation einen für Januar geplanten Besuch in China gerade auf ungewisse Zeit verschoben. Abgesehen von einem Aussetzen in der Corona-Pandemie ist es das erste Mal seit dem Jahr 1975, dass die Reise, an der unter anderem die Vorsitzenden der Industrie- und Handelskammer sowie des Wirtschaftsverbandes Keidanren teilnehmen sollten, nicht stattfindet. Zudem hatte Peking kurz vor dem Jahreswechsel mit einem Großmanöver rund um Taiwan dessen westliche Verbündete auf die Probe gestellt. Die USA hatten der autonom und demokratisch regierten Insel, die der wichtigste Produzent von Halbleitern der Welt ist, wenige Tage zuvor umfangreiche Waffenlieferungen zugesagt.
Erste Chinareise von Merz steht an
Sowohl Südkorea als auch Japan wurden schon als Vorbild für Deutschland im Umgang mit China gehandelt. Nun stehen die Länder für die beiden Pole, zwischen denen sich auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) entscheiden muss. Seine erste China-Reise ist für Anfang dieses Jahres geplant, nachdem es kommende Woche zunächst nach Indien geht. In der deutschen Wirtschaft wünschen sich viele das Modell Südkorea, also eine Wirtschaftskooperation wie unter der früheren Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die mit großen Wirtschaftsdelegationen durch China tourte. Die Manager treibt die Befürchtung um, ohne den Kontakt zu China industriell noch schneller den Anschluss zu verlieren.
Die Bundesregierung, vor allem Außenminister Johann Wadephul (CDU), hat bisher die Nähe zu Japan gesucht und China für seine Militärmanöver in der Straße von Taiwan stark kritisiert. In weiten Teilen der deutschen Politik dominiert die Sorge um die Abhängigkeit von der Volksrepublik und mögliche Folgen für die Wirtschaft, sollte China tatsächlich Taiwan angreifen.
Historisch und politisch sind die japanischen und koreanischen China-Beziehungen nicht mit den deutschen vergleichbar. Wirtschaftlich ähneln sich die Herausforderungen durchaus. Für Deutschland, Japan und Südkorea ist die Volksrepublik der wichtigste Handelspartner, vor allem weil die Industrie viele Vorprodukte und Rohstoffe aus China erhält. Gleichzeitig sind die USA für Japan, Südkorea und Deutschland der wichtigste Exportmarkt für Autos, Maschinen und Elektrogeräte. Zudem garantiert Washington mit seinen mehr als 100.000 stationierten Soldaten in den drei Ländern für deren militärische Sicherheit. Im Handelsstreit der beiden Großmächte stecken Deutschland, Japan und Südkorea also in einer Zwickmühle.
Japan an der Seite Washingtons
In Ostasien stellt sich Japans konservative Regierung klar an die Seite Washingtons und trägt etwa die von den USA initiierten Exportbeschränkungen leistungsfähiger Chips und Maschinen für deren Herstellung nach China mit. Doch der im vorigen Sommer als Südkoreas Präsident gewählte chinafreundliche Lee hat früh angekündigt, sich mit beiden Partnern gleichermaßen gutstellen zu wollen. Die Allianz mit den USA bleibe zentral, aber nicht exklusiv.
Das folgt auf einige Demütigungen durch US-Präsident Donald Trump, der sich nicht eben um gute Beziehungen zu Asiens größten demokratischen Industrienationen bemüht. Die Zollvereinbarungen, die Tokio und Seoul nach harten Verhandlungen mit Washington erzielten, schreiben hohe Investitionen von Japan (500 Milliarden Dollar) und Südkorea (350 Milliarden Dollar) in den USA vor.
Lee warnte, so hohe Mittelabflüsse könnten eine Finanzkrise auslösen, und weigerte sich lange, das Abkommen zu verabschieden. Einen spektakulären Tiefschlag in den Beziehungen setzte die Trump-Regierung, als die Einwanderungsbehörde ICE im Herbst auf einer Fabrikbaustelle der koreanischen Konzerne Hyundai und LG Energy Solutions rund 400 koreanische Arbeiter festnahm, die angeblich nicht die nötigen Visa gehabt hätten.
So sehr sich beide Länder nun annähern, die konkreten Ergebnisse der Reise hielten sich in Grenzen. Es gab Absichtserklärungen, Koreas Handelsministerium sprach von neuen Ausfuhren im Wert von 44 Millionen Dollar (38 Millionen Euro). Chinas langjähriger Bann auf Südkoreas Popkultur blieb aber bestehen. Die Xiaomi-Handys von Xi soll Präsident Lee kurz vor der Reise nach China aktiviert haben. In Peking bot er diesen dann zusammen mit Gattinnen zum Selfie und verbreitete die Fotos auf der Plattform X. Die Chinesen bekommen all das indes nicht zu sehen. Schon Xis „Backdoor“-Witz wurde im Reich der Mitte zensiert. Auf der chinesischen Version des Vierer-Selfies sieht es nun so aus, als posiere Lee nur mit seiner Frau. Xi und seine Gattin wurden kurzerhand rausgeschnitten.