Der neue Magdeburger „Polizeiruf“ läuft am Weltfrauentag und wirkt anfangs wie die Vorbereitung zur anschließenden Abtreibungsdebatte bei Caren Miosga. Doch plötzlich geht es um etwas ganz anderes.
Es gibt ein Gedicht von Erich Kästner, das von einem Paar handelt, dem die Liebe abhandenkam. Die beiden sitzen im Café und rühren in ihren Tassen. Sie können es nicht fassen. Und – so denken wir uns das jedenfalls – schauen sich dabei an.
So ähnlich muss man sich Doreen Brasch vorstellen. Die Kommissarin im Magdeburger „Polizeiruf“-Revier und die Welt da draußen – sie können es auch nicht so wirklich fassen. Brasch, gespielt von Claudia Michelsen, sucht nach Wahrheit in der Welt, will sie ein bisschen heil machen. Und die Liebe kommt allmählich ihr abhanden.
Claudia Michelsen kann mit manchmal unfassbar großen Augen in die Welt schauen. Und sie beherrscht die hohe Kunst des beredten Mundwinkelverschiebens wie kaum jemand sonst. Sie macht aus jeder noch so mittelmäßigen Geschichte eine, die einen etwas angeht, selbst wenn sie herzlich fremd und etwas verworren ist. Deswegen sollte man Doreen Brasch, diese Chef-Empathin des Sonntagabendkrimis, noch für lange unter Bestandsschutz stellen.
Die Geschichte, in der sich Brasch diesmal bewegt, ist eine der mittelguten – gemessen an Kriminalfilmmaßstäben. „You Body My Choice“ wird am Weltfrauentag gesendet, und es dauert ein wenig, bis man den Verdacht loswird, dieser „Polizeiruf“ könnte ein Fall mit anschließender Caren-Miosga-Begleitung sein. Ein Themenabendkrimi eben.
Abtreibungsgegner singen Lieder
Ungefähr neun Minuten brauchen Regisseurin Franziska Schlotterer und Drehbuchautorin Annika Tepelmann, um ihr Personal aufs Spielbrett zu stellen. Gegenüber einer gynäkologischen Praxis singen Abtreibungsgegner christliche Lieder. Die Gynäkologin bekommt Hassbriefe, weswegen es ihr fast unmöglich ist, ihre Praxis zu betreiben – ihr geht das Personal aus. Eine junge Frau, die Arzthelferin in der Praxis war, stirbt bei einem Fahrradunfall, weil ihre Bremsen manipuliert wurden. Eine junge Frau kommt aus Polen, weil sie eine Schwangerschaft beenden will, von der niemand etwas wissen darf. Eine junge Aktivistin, die als „Abortion Buddy“ Abtreibungswilligen hilft, übt Kickboxen. Und ein großer Mann streift durch die Straßen – er sieht nicht glücklich aus.
Es fallen Sätze, wie sie in potenziellen Themenabendkrimis eben fallen müssen. Dass wir schon mal weiter waren mit den Frauenrechten (was stimmt) und das Klima im Land immer feindseliger wird (was auch stimmt). Der Ortsvorsitzende einer gesichert rechtsextremen Partei, die nicht genannt wird, will eine Versammlung von Abtreibungsgegnern kapern, die das aber nicht zulässt.
Wie im Tepelmann und Schlotterer eher nebenbei der Pflicht zur zumindest potentiellen Themenabendvorberbearbeitung nachkommen, wie wenig sie all die ethischen Zwiespalte, in denen sich alle Beteiligten herumtreiben, plakativ aufplustern und Thesen so lange stanzen, bis noch der letzte verstanden hat, welche Haltung er einzunehmen hat, ist schon mustergültig. Sie erzählen Geschichten und verschränken sie miteinander.
Manchmal scheinen sie darüber zu vergessen, was sie eigentlich tun sollten: einen Kriminalfilm drehen. Das macht aber nichts, weil jede Geschichte rund ist, eine psychologische Farbe beiträgt und keine von ihnen zur Heiligenlegende taugt. Was vor allem daran liegt, das alle Beteiligte ihre Figuren erstaunlich tief ausleuchten: Sebastian Jakob Doppelbauer beweist sich wieder einmal als Experte für zartbitter randalierende Männlichkeit. Nicola Magdalena Lüders ist als abtreibungswillige Dania so zerbrechlich wie stark. Niemand kann randzwielichtige Frauen so spielen wie Jenny Schily die Abtreibungsärztin. Und Luna Jordan zeigt als „Abortion Buddy“ Lara wieder, dass sie eines der gegenwärtig erstaunlichsten und kraftvollsten Talente ist.
Und da ist halt Claudia Michelsens Doreen Brasch. Die hat einen Sohn, der tauchte vor Jahren mal auf, bis er in der rechten Szene verschwand. Jetzt hat sie, sagt sie keinen Kontakt mehr, weiß nicht, ob er überhaupt noch lebt. Sie hätte auch abtreiben können, erzählt sie Lara, hatte schon einen Termin. Von heute aus betrachtet, fragt sie sich, hätte besser abtreiben sollen?Mutterglück ist halt kein Automatismus.
Sie sitzen auf dem Dach. Es ist Nacht. Es ist kalt. Doreen hängt Lara ihre Jacke um. Eine zärtliche Szene. Lara wird der Kommissarin in „Your Body My Choice“ jene Tochter, die sie nie hatte. Man wünscht ihnen alles Gute.
Und dann kommt alles anders. Und man schaut Doreen Brasch und die Welt, in der so etwas möglich ist, mit großen Augen an. Und rührt in seinen Tassen.
Die „Polizeiruf“-Folge „Your Body My Choice“ ist am 8. März im linearen Programm der ARD sowie in der Mediathek zu sehen.
Source: welt.de