Wie Journalisten zu Epstein recherchieren


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Stand: 04.03.2026 • 10:08 Uhr

Mehr als drei Millionen Seiten Dokumente, Tausende Fotos und Videos. Wie gewinnen Journalistinnen und Journalisten, aus den Epstein-Akten Erkenntnisse – und was macht die Recherche besonders schwierig?

Von Von Daniel Frevel, NDR

Es ist eine außergewöhnliche Recherche. Selbst für erfahrene Investigativ-Journalistinnen. Denn mit der Freigabe der Epstein-Files begann ein Wettlauf. Weltweit recherchieren Journalisten-Teams und interessierte Laien in den Daten und fast täglich kommen neue Erkenntnisse ans Licht. „Bei anderen Recherchen hatten wir zwar auch viele Daten, aber da wusste die Öffentlichkeit noch nichts davon und erst mit der Veröffentlichung war dann die Geschichte in der Welt“, erzählt Anna Klühspies vom NDR. Diesmal sei das öffentliche Interesse sehr groß und es werde auch oft nachgefragt, wann denn neue Ergebnisse kämen.

Ende Januar veröffentlichte das US-Justizministerium die Daten auf seiner Website. „Epstein Library“ steht dort. In einer Suchleiste lassen sich einzelne Schlagworte suchen. „Die Suchfunktion in dieser Library ist nicht so gut, wie wir das vielleicht von der Google-Suche kennen“, erklärt Verena von Ondarza, ebenfalls Mitglied des Recherche-Teams. Nur Begriffe, die sehr nah aneinander stünden, ließen sich mit der Suchfunktion kombinieren. So ist die Suche nicht sehr zielgenau. „Das macht es vor allem bei großen Treffermengen sehr schwer, etwa wenn man nach der Deutschen Bank sucht, das sind dann mehr als 40.000 Ergebnisse“, so von Ondarza weiter.

Daten auf eigene Server

Daher haben die Journalistinnen sämtliche Daten heruntergeladen und auf einen eigenen Server gespielt, damit sie besser durchsuchbar sind. Was einfach klingt, ist sehr aufwändig. „Man programmiert ein Skript, dass dann auf diese Seite geht und geordnet alles herunterlädt“, erklärt Catharina Felke, ebenfalls Investigativjournalistin beim NDR. Durch die unglaublich große Datenmenge habe der Prozess mehrere Tage gedauert. Nun könne man sehr viel genauer suchen. „Ich kann verschieden Suchbegriffe miteinander kombinieren und dadurch viel effizienter diesen wahnsinnigen Wust and Daten durchsuchen“, so Felke.

Was sind die Epstein-Files?

Die sogenannten Epstein-Files bezeichnen eine umfangreiche Sammlung von Dokumenten, Zeugenaussagen und Gerichtsunterlagen rund um den verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein. Der US-Multimillionär soll über Jahre hinweg ein Netzwerk zum sexuellen Missbrauch junger Frauen und Minderjähriger aufgebaut haben. Epstein wurde 2019 erhängt in seiner Gefängniszelle in New York aufgefunden, bevor es zu einem Strafprozess kommen konnte.

Im Mittelpunkt der Epstein-Files stehen Gerichtsakten aus Zivilprozessen, vor allem aus einem Verfahren der Epstein-Vertrauten Ghislaine Maxwell, die 2021 wegen Beihilfe zum sexuellen Missbrauch verurteilt wurde. Viele dieser Unterlagen waren lange unter Verschluss. Anfang 2024 ordnete ein US-Gericht an, zahlreiche Dokumente öffentlich zugänglich zu machen. Es folgten weitere Veröffentlichungen.

Die Akten enthalten unter anderem Aussagen von Opfern und Zeugen, E-Mails, Fotos, Videos sowie Namen von Personen, die mit Epstein in Kontakt standen. Darunter finden sich Prominente aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Die bloße Nennung eines Namens bedeutet keine Schuld. Zahlreiche Personen werden lediglich erwähnt, ohne dass ihnen strafbares Verhalten vorgeworfen wird.

Die Akten belegen, wie weitreichend Epsteins Kontakte waren und wie er offenbar seinen Reichtum und Einfluss nutzte, um sich und andere Beteiligte zu schützen. Zugleich zeigen sie, dass Justizbehörden schon früh Hinweise auf mögliche Straftaten Epsteins hatten. So meldeten sich bereits Anfang der 2000er-Jahre mehrere junge Frauen bei Polizei und Staatsanwaltschaft, ohne, dass es zu einer umfassenden Strafverfolgung kam. Eine vollständige Aufarbeitung steht bis heute aus.

Eine Herausforderung sind dabei die Schwärzungen. Zahlreiche Namen, E-Mail-Adressen und teilweise auch ganze Seiten wurden geschwärzt. Oft erschienen diese Schwärzungen willkürlich und auch dilettantisch, so Felke. „Wenn man lange genug danach schaut, findet man eine E-Mail in zehn unterschiedlichen Versionen. Manchmal ist etwas geschwärzt, manchmal nicht. Je nachdem kann das für uns natürlich auch von Vorteil sein. Wenn man lange genug sucht, findet man möglicherweise auch Namen“, so die Journalistin. Es braucht aber eben sehr viel Zeit und Aufwand, um an die entscheidenden Details zu kommen.

Hinweise verifizieren

Zudem reicht es nicht, wenn sich in Dokumenten Hinweise finden. Danach müssen diese verifiziert werden. Durch weitere Recherchen, Interviews, Anfragen. Erst dann kann berichtet werden. „Wir können nicht einfach sagen, da ist jetzt ein Name aufgetaucht und zack, das ist jetzt die News“, so Felke. Es gebe ein gewisses Rennen zwischen Medien, ergänzt Anna Klühspies. „Wer findet welche Namen zuerst? Da geht es um Klicks, da geht es um Aufmerksamkeit und dann schwirren plötzlich viele Namen und Vorwürfe rum, die nicht verifiziert sind“, so Klühspies weiter. Umso wichtiger sei es für sie, sauber und ordentlich zu arbeiten und insbesondere nach systemischen Verfehlungen zu suchen und diese zu verifizieren.

Besonders bedrückend sind in der Recherche die Details zu Epsteins Missbrauchsring. Dutzende Frauen und Mädchen sollen dem zum Opfer gefallen sein. Jahrelang soll Epstein auch selbst Minderjährige missbraucht haben. Hinweise darauf finden sich auch in den Dokumenten. „Was mich sehr umtreibt ist, wie dort über Frauen geredet wurde, über Frauenkörper. Das ist eine extreme Objektifizierung. Also man redet da wirklich über Ware.“ sagt Anna Klühspies. Das nehme man auch mit nach Hause und denke weiter darüber nach. „Ich tausche mich aber auch mit Freunden und Familie darüber aus“, so die Investigativjournalistin.

Das Team plant weitere Veröffentlichungen. Ihr Antrieb ist es, dass die Verbrechen des Sexualstraftäters Epstein und seiner Handlanger ans Tageslicht kommen.

Wer war Jeffrey Epstein?

Jeffrey Epstein war ein US-amerikanischer Finanzmanager und Multimillionär, der vor allem durch den Aufbau eines massiven Missbrauchsnetzwerks bekannt wurde. Er wurde 1953 in Brooklyn, New York, geboren und wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Epsteins Eltern gehörten der Mittelschicht an. Sein Vater arbeitete für die Stadt New York, seine Mutter war Hausfrau.

Nach einem Studium ohne Abschluss arbeitete Epstein in den 1970er-Jahren als Lehrer an einer Elite-Privatschule in Manhattan. Über Kontakte wechselte er später in den Finanzsektor. Dort machte er rasch Karriere, zunächst bei einer Investmentbank. Wie genau er sein Vermögen aufbaute, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Bekannt ist, dass er als Vermögensverwalter für wohlhabende Kunden tätig war. Er pflegte einflussreiche Netzwerke zu Spitzenpolitikern, Unternehmern, Wissenschaftlern und Prominenten.

Zu seinem Besitz gehörten mehrere Luxusimmobilien, darunter auch eine Privatinsel auf den Virgin-Islands, bekannt als „Little Saint James“. Nach Aussagen von Opfern soll die Insel ein zentraler Ort für die sexuellen Übergriffe gewesen sein. Eine wichtige Rolle dabei spielte Epsteins Vertraute Ghislaine Maxwell, die ihm half, junge Frauen und Minderjährige für ihn anzuwerben, zu kontrollieren und zu missbrauchen.

Bereits in den 1990er-Jahren gab es erste strafrechtliche Beschwerden gegen Epstein wegen sexueller Übergriffe. 2008 wurde er als Sexualstraftäter verurteilt. Er hatte sich vor einem US-Gericht unter anderem schuldig bekannt, eine Minderjährige zur Prostitution angestiftet zu haben. Er erhielt eine 18-monatige Haftstrafe, von der er etwa 13 Monate verbüßte. Durch einen umstrittenen Deal konnte er die meiste Zeit davon außerhalb des Gefängnisses verbringen.

2019 wurde Epstein wegen schwerer Vorwürfe erneut verhaftet. Kurz danach wurde er erhängt in seiner Gefängniszelle in New York aufgefunden, bevor es zu einem Strafprozess kommen konnte.

Source: tagesschau.de