Wie ich mit Gemini obig Hitlers Rede diskutiere – und Technofaschismus verstehe

Wer verstehen will, wie Elon Musk denkt und handelt, sollte diese Geschichte aus seiner Familie kennen. Im Oktober 1940 stand ein gewisser Joshua W. Haldeman, „gescheiterter Farmer“, wegen Landesverrats vor einem Gericht in Kanada. Vorgeworfen wurde ihm seine führende Rolle in der Organisation Technocracy Incorporated. Die war gerade verboten worden, weil sie für Technokratie eintrat: für eine nicht von gewählten Politikern, sondern von Ingenieuren und Wissenschaftlern geführte Gesellschaft.

Solche Propaganda für eine „Expertenregierung“ untergrabe Kanadas Wehrhaftigkeit im Krieg gegen das deutsche NS-Regime, befand der kanadische Staat – zumal das NS-Regime durchaus Züge einer Technokratie trug. 1950 zog dieser Joshua W. Haldeman dann „mit seiner Familie nach Südafrika, wo gerade die Apartheid-Politik eingeführt worden war“, berichtet Tilman Baumgärtel in der Jungle World. 1971 brachte Haldemans Tochter Maye „seinen ersten Enkel zur Welt. Sein Name: Elon Musk.“

Technocracy Corp., die schon damals auch in den USA tätig war, scheint die erste Organisation ihrer Art gewesen zu sein. Als aber Elon Musk in die USA kam, hatte sich die Bewegung schon begonnen auszudifferenzieren. Heute gibt es eine Vielzahl von „Techno-Sekten“, die von der Überwindung menschlicher Beschränkungen durch Technik träumen. Für sie steht die Abkürzung „Tescreal“, was sich auflöst in Transhumanismus, Extropianismus, Singularitarismus, Kosmismus, Rationalismus, Effektiver Altruismus und Longtermismus.

Man sieht da, dass Transhumanismus zwar die furchtbarste Phantasie im technokratischen Umfeld, aber eben nicht ohne Kontext ist. Es gibt andere Strömungen, die an die Abschaffung des Menschen zwar nicht schon gleich oder gar nicht denken, mit diesem Ziel aber doch verträglich sind und geeignet, bei seiner Herbeiführung zu helfen. So wird im „Longterminismus“ „die positive Beeinflussung der fernen Zukunft als eine moralische Priorität betrachtet“.

Elon Musk, der Mensch als Roboter und das Mitgefühl

Man muss es sich so vorstellen, dass in so einem Umfeld unter „menschliche Beschränkungen“ zunehmend alles fällt, was den „effizienten“ „Selbstlauf“ eines technischen Gestells erschweren oder gar stören könnte. Womit wir zu Tilman Baumgärtels zweitem Hinweis auf Musk kommen, dass der nämlich im Mitgefühl eine solche Störung erkannt hat: Musk hat erklärt, „dass ‚Mitgefühl einen Programmierfehler in unserem System‘ ausnutze und dass es ‚als Waffe verwendet werden‘ könne, um uns ‚wie einen Roboter zu steuern‘“.

Sprache und Gestus dieses Zitats sind gleichermaßen verräterisch. So werden einerseits der Mensch oder die menschliche Gesellschaft, die unter dem Mitgefühl leiden, bereits als Maschinen vorgestellt, die sie doch noch gar nicht sind, denn nur Maschinen können „falsch programmiert“ sein. Und andererseits redet Musk sich ein, wir würden zu Robotern ja doch erst durch den „Programmierfehler“, könnten womöglich durch dessen technische Beseitigung doch noch zu seienden Menschen werden.

Bei aller Unlogik ist aber so viel klar und richtig: dass Mitgefühl zu den menschlichen Eigenschaften gehört, die man auf eine Maschine nicht übertragen kann. Wenn also heute suggeriert wird, bei der Ersetzung des Menschen durch die KI-Maschine werde jener gar nicht vernichtet, sondern vielmehr sozusagen nur, und zu seinem eigenen Vorteil, in ein stabileres Gehäuse überführt, dann gibt es nur zwei Möglichkeiten:

Entweder man widerlegt diese Behauptung, indem man auf menschliche Eigenschaften verweist, ohne die der Mensch nicht Mensch ist, und Mitgefühl, Empathie ist eine davon – oder man versucht, den Menschen so zu definieren, dass er nur Eigenschaften hat, die auch Maschinen haben oder haben können, und dann muss man behaupten, dass zum Beispiel Mitgefühl keine menschliche Eigenschaft sei.

Da denke ich an JD Vance, der doch wie Musk das Mitgefühl angreift, wenn er, wie vor einem Jahr geschehen, behauptet: „Es gibt ein christliches Konzept, dem zufolge man zuerst seine Familie liebt, dann seinen Nächsten, dann seine Gemeinschaft, dann seine Mitbürger – und erst danach den Rest der Welt.“ Man kann so eine Behauptung unter dem Aspekt, dass sie das Christentum radikal verfälscht, diskutieren, aber erhellender ist es vielleicht, in ihr ein Plädoyer für ein nur noch technikadäquates Selbstbild der Zuhörer und Zuhörerinnen zu sehen – auch wenn ihnen Familie und „Gemeinschaft“, die MAGA-Nation, vorerst noch belassen werden.

Curtis Yarvin: Alles abschaffen, was nicht der Logik technischer Abläufe folgt

So versteht man auch Curtis Yarvin besser, den Hauptexponenten der „Dunklen Aufklärung“ in den USA. Yarvin schreibt nicht über die Abschaffung der Menschen, aber wenn man sich fragt, warum er gegen deren Gleichheit ist, gegen Universitäten und den Parlamentarismus, dann ist das die Antwort: Abgeschafft werden soll erst einmal alles, was nicht der Logik rein technischer Abläufe folgt.

„Die Demokratie“, zitiert Baumgärtel in der Jungle-World-Serie, „sei wie ein veraltetes Betriebssystem – voller Bugs, schwer zu patchen und ständig am Abstürzen, hieß es einst in seinem [Yarvins] Blog ‚Unqualified Reservations‘.“ „Wahlen sind in diesem System natürlich überflüssig. Sie führen nur zu ‚Chaos, Inkompetenz und Korruption‘. Yarvins CEO-Staat soll effizient arbeiten – nicht debattieren; Bürger sollen nicht mitbestimmen, sondern konsumieren.“

Mit dem „Konsumieren“ ist daran erinnert, dass hinter all den technokratischen Gedankengängen letztendlich die kapitalistische Produktionsweise steht. Die stellt sich natürlich nicht als solche zur Diskussion, sondern bewirbt ihre Ware, ihr technisches Produkt, und bezieht aus ihm auch ihre Ideologie.

Was steht hinter der Logik technischer Abläufe? Das Kapital

Marx hat gezeigt, welche Handlungen Kapitallogik den Agenten der Produktionsweise vorgibt – „Akkumuliere! Akkumuliere!“ – und dass sie deshalb letztlich von nichts regiert wird als vom „sich verwertenden Wert“, einem „automatische[n] Subjekt“; in der technokratischen Ideologie wird daraus der Glaube an einen „Selbst“lauf „der Technik“.

Technik aber muss weder, noch kann sie um Argumente streiten, wie das Menschen im Parlament, in der Uni tun. Ihr möglicher Ertrag, ob mechanischer oder verbaler Natur, ist ja in der Programmierung immer schon vorentschieden und kann dann nur noch abgerufen, eben konsumiert werden.

Dass das Parlament zur Quasselbude erklärt wird, ist ja nicht neu. Aber es geschah früher aus anderen Gründen. In der Ablehnung des Parlamentarismus von links wird darauf hingewiesen, dass die politische Macht nicht bei denen liege, die als Abgeordnete über zu beschließende Gesetze debattieren, sondern bei der Exekutive; deshalb wurde dagegen das Rätesystem gesetzt, in dem Exekutive und Legislative nicht getrennt sein sollten. Dieser Diskussionsstand ist eigentlich längst nicht mehr aktuell, spiegelt vielmehr Verhältnisse wider, wie sie im deutschen Parlamentarismus unter den preußischen Kaisern bestanden, oder im russischen unter dem letzten Zaren.

Alain Badiou, Jacques Rancière, Giorgio Agamben: Woher kommt der linke Antiparlamentarismus?

Aber man hat den Eindruck, als ob linker Antiparlamentarismus, wo er heute noch virulent ist, sich immer noch aus solchen Erinnerungen speist. In butchers blätter, einer Künstler:innen-Zeitschrift, wurde 2021 der Essay „Das Parlament und die Kommune“ veröffentlicht. Der Autor Dieter Lesage, der in Brüssel Politische Theorie und Kulturphilosophie lehrt, setzt sich darin mit den großen linken Intellektuellen der letzten Jahrzehnte auseinander: Ob Alain Badiou, Jacques Rancière oder Giorgio Agamben, sie alle sind entschiedene Gegner des Parlamentarismus. Aber keiner von ihnen hat im Blick, dass er heute technokratisch angegriffen wird.

Diese Intellektuellen sehen nicht, dass das Parlament schon deshalb von links verteidigt werden muss, weil jetzt das Argumentieren als solches angegriffen wird – egal wo es geschieht. Ja, zur Zeit der preußisch-deutschen Kaiser waren diese das Machtzentrum, und nicht das Parlament. Aber auch was sie entschieden oder geschehen ließen, war vorher in den Machtzirkeln debattiert worden, nicht anders als wenn gewöhnlichste Menschengruppen, Familien etwa, über eine Anschaffung beratschlagten.

Die Technokratie hingegen, wie ein Yarvin sie preist, ist gegen solche gewöhnlichste Praxis gerichtet, in der sich ja einfach nur verwirklicht, was menschliches Denken ist.

Widerstand gegen Technofaschismus: Verteidigung menschlichen Denkens

Der Widerstand gegen die aktuellen technofaschistischen Tendenzen muss bei der Verteidigung des Denkens als solchem ansetzen. Da stellt sich denn die Frage, was wir unter Denken überhaupt verstehen – in einer Epoche zumal, wo eine gewisse Sorte von Technikern behauptet, sie sei dabei, selbstdenkende Technik zu erschaffen.

Wobei so viel wahr ist: Das ist die Epoche, in der es möglich wurde, nicht nur körperliche Kräfte der Menschen technisch zu ersetzen, und dadurch zu steigern, sondern auch menschliches Denken. Aber nicht „das“ menschliche Denken konnte ersetzt werden, nicht dessen größte, wichtigste Kapazität. Das begreifen solche Techniker nicht.

Die größte und wichtigste Kraft des Denkens ist offenbar die denkerische Kreativität. Wenn Menschen nicht kreativ dächten, hätte es zur Technik selber nie kommen können. Jede einmal erfundene Technik, jede Maschine hat aber aufgehört, über sich selbst hinaus noch kreativ sein zu können. Da machen auch „künstlich intelligente“ Maschinen keine Ausnahme: Sie können nur ausführen, was ihnen einprogrammiert wurde.

Kann die KI fragen und widersprechen?

Will man ihre Unfähigkeit, kreativ zu sein, begrifflich präzisieren, ist man auf Linguistik verwiesen. Die lässt uns erfassen, was noch so „intelligente“ Maschinen nicht können und niemals lernen werden: das Fragen. Fragen heißt wissen, akzeptieren und damit umgehen, dass eine Frage, die man aufwirft, zurückgewiesen werden kann. Alle menschheitlichen Fortschritte sind durch Widersprechen erzielt worden, und zwar durch solches Widersprechen: das Fragestellungen zurückweist.

Wenn zum Beispiel Aristoteles nach der Bewegung fragte, identifizierte er Bewegung mit Bewegungen, die einen Anfang und ein Ende haben. Dieser Fragestellung wurde in der Neuzeit widersprochen. Das konnte nur geschehen, weil einzelne Menschen auf Probleme stießen, die sie dazu brachten, sich selbst zu widersprechen, das heißt den überkommenen Fragestellungen, in denen sie sich bis dahin bewegt hatten. Eine Maschine kann sich aber niemals selbst widersprechen. Der ganz einfache Grund ist, dass sie ein Selbst gar nicht hat.

Geben Sie mal bei Google-KI die Frage ein, die sich in einem platonischen Dialog der Sophist Polos stellte, ob nämlich er, Polos, ein guter Redner sei. Ja, das sei er, meinte Polos, denn er rede so gut, dass er durch bloßes Reden eine Menschenmenge dazu bringen könne, andere Menschen zu vertreiben, ja zu enteignen, zu ermorden.

Ich frage Gemini: War Hitler ein guter Redner?

Sein Gesprächspartner Sokrates antwortet dieser Antwort, indem er der Frage widerspricht: Wie kannst du, Polos, nach dem guten Redner fragen, ohne zuerst zu fragen, was für dich „gut“ ist? Wenn ich, Sokrates, das tue, komme ich zu dem Schluss, dass Vertreiben nicht gut ist.

Wenn ich den Google-Chatbot Gemini frage, ob Hitler ein guter Redner war, antwortet er mir, dass Hitlers Reden sehr effizient waren. So viel „Kritik“ hat man ihm einprogrammiert, dass er hinzufügt, die Effizienz gehe zum Teil auf Manipulation zurück. Aber das macht Hitlers Rede um keinen Deut ineffizienter. Wenn ich weiterfrage: Sind effiziente Reden gute Reden?, dann plötzlich schwingt sich die Maschine zum Nein auf: Alle Sachverständigen seien sich einig, dass bloß effektive Reden keine guten Reden seien! Denn um das Gutsein von Reden zu beurteilen, habe man sie an ethischen und sachlichen Erfordernissen zu messen.

Diese Antwort kann die Maschine nur geben, weil ich, der Mensch, sie gefragt habe; meiner Frage, ob Hitler ein guter Redner war, konnte er nicht so antworten. Warum nicht? Weil einer Frage widersprechend zu antworten nur solche Wesen fähig sind, die auch selbst fragen können. Wer antworten kann: „Hitler redete Ungutes herbei, also war er kein guter Redner“, kann das deshalb, weil er sich selbst fragt, was er für (un)gut hält.

Wir erinnern uns hier des Gedankens, der selbst einen Antonio Negri dazu brachte, sich dem transhumanistischen Sog zu öffnen: dass „die Schöpfung eines Körpers, der vollkommen unfähig ist, sich einer Befehlsgewalt zu unterwerfen“, wünschenswert wäre. Diesen Körper gibt es bereits, es ist der menschliche.

Yarvin und Nick Land fragen nicht nach der Möglichkeit des Widersprechens

Jeder Mensch ist im Prinzip fähig, einen ihm erteilten Befehl bloß den Wert einer Frage zugestehen und dieser zu widersprechen. Wenn der Menschenkörper maschinell ersetzt wäre, wäre das Widersprechenkönnen nicht ermöglicht, sondern vernichtet.

Aber ein Yarvin fragt nicht nach der Möglichkeit des Widersprechens. Es stört ihn nur und er träumt davon, es zu vernichten. Hinter ihm steht ein Nick Land, der den Menschen durch Technik ersetzen will. Wir haben hinter dieser Idee die entgegengesetzte aufscheinen sehen, mittels solcher Technik ein Sein allererst zu erlangen – wenn schon, so sagten wir, kein menschliches, dann doch ein unmenschliches. Könnte es sein, dass diese Selbstwahrnehmung, über kein menschliches Sein zu verfügen, daher rührt, dass davon Betroffene nicht mehr zu fragen und zu antworten wissen?

Wer technokratisch träumt, kann nicht lieben

Nicht mehr, zum Beispiel, zu dem fähig zu sein, was „Liebe“ genannt wird? Zur Liebe gehört, sich in den oder die Andere hineinversetzen zu können, und das auch überhaupt zu wollen. In das andere Selbst, das heißt in die Fragen, in denen es sich bewegt. Man kann es nur wollen, wenn man dieses Selbst selber will, so will, wie es ist – „Ich will, dass du seist“, volo ut sis, hat Augustinus die Liebe definiert –, und wird es nur können, wenn man das Sein des Selbst an dessen Fragen abliest, soweit man diese erfasst.

Wer lieben kann, kann selbst geliebt werden, Geliebtwerden heißt Aufgenommensein in der Welt, und In-der-Welt-Sein ist das ergo sum.

Dazu muss man es mit fragenden Selbsten zu tun haben und selbst eines sein. Wer technokratisch träumt, hat beides nicht. Solche Albträumer müssen gestoppt werden, vor allem aber brauchen sie unsere Hilfe. Und wir können auch helfen, denn wir sind kreativ, wir lieben, und das heißt auch: Wir sind stärker als sie.

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