Es ist inzwischen eine eigene Disziplin: Alice Schwarzer interviewen, darauf warten, dass sie etwas Krasses sagt (was sicher passieren wird), es dann zur Überschrift machen oder zur Nachricht, in der Hoffnung, dass andere Medien es aufgreifen, um die immergleiche Aufregung zu generieren, die natürlich darin besteht, dass Alice Schwarzer etwas Unsolidarisches über andere Frauen zum Besten gegeben hat. Wenn die „Ikone der Frauenbefreiung“ und Gründerin der Zeitschrift „Emma“ ein neues Buch hat, wie jetzt einen alphabetisch sortierten Einblick in ihre Welt in 99 Begriffen, „Feminismus pur“ heißt es, dann ist das natürlich ein besonders willkommener Anlass.
Baerbock „hat an dem Punkt völlig versagt“
Also erschien schon Anfang Februar ein Interview im „Zeit Magazin“, ein Generationen-Gespräch zwischen der Journalistin Jana Simon, 53, deren 17-jähriger Tochter und Schwarzer, 83, zu dem die „Zeit“ eine Pressemeldung mit dem Titel „Ich finde Frauen schwierig“ herausgab, was so wunderbar gar nicht nach „Feminismus pur“ klang, dass in dieser Woche der Journalist Markus Feldenkirchen im sogenannten „Spiegel Spitzengespräch“ mit Alice Schwarzer nochmals daran anknüpfen und fragen konnte, wie sie das gemeint habe. Und ihr ein paar Namen von Frauen hinwarf, zu denen Schwarzer schon oft Kritisches gesagt hat oder mit denen sie eine viel diskutierte Beziehung verbindet, um zu gucken, was sie aktuell zu ihnen ausspuckt. Feldenkirchen deklinierte sie alle durch: Annalena Baerbock, Sahra Wagenknecht, Ursula von der Leyen, Alice Weidel. Und es funktionierte!
„Hier haben wir Annalena Baerbock, die für Deutschland eine feministische Außenpolitik gestalten wollte – ob das jetzt mal so geklappt hat, lassen wir mal so stehen.“ Was Schwarzer natürlich nicht tat, sondern dankenswerterweise zum Besten gab, Baerbock habe „an dem Punkt völlig versagt“. Feldenkirchen: „Wenn Alice Weidel nach Angela Merkel die nächste Bundeskanzlerin würde, wie gut wäre das für die Sache der Frauen?“ – Schwarzer: „Schwierig. Das ist schwierig.“ – Feldenkirchen: „Ich höre da eine gewisse Ambivalenz raus.“ – Schwarzer: „Ja, Sie unterstellen da jetzt ganz viel. Sie wäre Bundeskanzlerin. Sie fragen nicht nach der Person an sich. Das wäre sicherlich, hätte trotz alledem vermutlich auch den Effekt, ermutigend für Frauen zu sein. Wahrscheinlich. Unter anderem, ja.“ Feldenkirchen: „Lassen wir mal so stehen.“
Reicht ja auch schon, am besten gar nicht weiterdiskutieren, von „Bild“ bis „t-online“ werden alle drauf einsteigen. Sodass auch dieses Schwarzer-Interview wieder ist wie eine Fahrt mit Navigationsgerät: „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“ Ohne dass sich jemand fragt, ob man die Fahrt überhaupt antreten muss.
Source: faz.net