Wie Hamburg jenseits Olympia streitet – und worum es wirklich geht

In der Aktuellen Stunde der Bürgerschaft prallen Skepsis und Zuversicht zur Olympiabewerbung aufeinander. Zahlen und Risiken dominieren. Doch am Ende stellt sich eine andere Frage: Ob Hamburg mit Olympia die nächste Generation erreicht.

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Es bleiben noch sieben Wochen bis zum Referendum über die Olympischen und Paralympischen Spiele. Am 31. Mai sollen die Hamburger entscheiden, ob sich die Stadt um die Ausrichtung bewirbt und gegen München und die Rhein-Ruhr ins Rennen um die deutsche Bewerberstadt geht. Die Stadt ist dabei noch gespalten. In der letzten Umfrage des NDR fanden 41 Prozent der Befragten die Hamburger Bewerbung „eher gut“, 50 Prozent hingegen „eher schlecht“.

Die Gegner sehen sich dadurch gestärkt, die Befürworter angespornt. Und in diese Situation fiel am Donnerstag die Aktuelle Stunde in der Bürgerschaft. Die Fraktionen haben im Rathaus darüber gestritten, ob durch die Spiele unkalkulierbare Risiken auf die Stadt zukommen (Position von Linken und AfD), oder ob durch sie Chancen entstehen würden, die Hamburg verstreichen ließe, wenn es nicht deutsche Bewerberstadt würde (so sehen es SPD, Grüne und CDU).

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Es war eine Debatte mit hochkochenden Emotionen, vielen Zahlen, aber weitestgehend ohne Euphorie. 2015 hatte der Senat auf die Begeisterungsfähigkeit der Hamburger für Olympische und Paralympische Spiele gesetzt. Im Stadion in Miniatur-Version jubelten schon Zehntausende imaginäre Fans der Eröffnungsfeier entgegen. Am Ende entschied sich die knappe Mehrheit der Abstimmenden im Referendum gegen die Bewerbung. Konsequent wird der zweite Bewerbungsanlauf nun anders angegangen: Rational, erklärend, die bunten Bilder von tollen Spielen auf ein Minimum reduziert.

Dort, wo wir noch Unsicherheiten bei Auszahlungen haben, stehen erheblich größere Potenziale auf der Einnahmeseite.

In dieser bewusst nüchternen Tonlage übernahm Sportsenator Andy Grote (SPD) die Rolle des zentralen Verteidigers der Hamburger Bewerbung. Vor allem dort, wo Kritik an fehlenden Zahlen laut wurde, hielt Grote dagegen. Das vorgelegte Finanzkonzept sei solide. Aber Kosten ließen sich für Spiele, die frühestens 2040 stattfinden könnten, heute nicht seriös bis ins Detail beziffern. Es gebe weder ein Sicherheitskonzept noch eine konkrete Gefährdungslage, zudem seien technische und geopolitische Entwicklungen über fast zwei Jahrzehnte hinweg nicht vorhersehbar. Entscheidender sei, dass Hamburg bewusst konservativ rechne, sowohl bei Einnahmen aus IOC‑Zuschüssen als auch bei der Beteiligung des Bundes. „Dort, wo wir noch Unsicherheiten bei Auszahlungen haben, stehen erheblich größere Potenziale auf der Einnahmeseite“, so Grote.

Gleichzeitig versuchte der Senator, die Debatte aus der reinen Kostenlogik zu lösen und auf eine grundsätzliche Ebene zu heben. Es gehe nicht um ein kurzfristiges Event, sondern um eine langfristige Entscheidung für die Stadt. „Ich glaube, wir sollten in Vertrauen auf unsere eigene Stärke selbstbewusst sagen: Wir wollen die Spiele. Wir wollen sie für unsere Zukunft. Das ist ein Zeichen für Freiheit, Vielfalt, Respekt, Zusammenhalt, Internationalität – und wir wollen sie in Hamburg, wir wollen sie in der schönsten Stadt Deutschlands haben und nicht woanders“, sagte Grote.

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Hinter Grotes Argumentation stand die zentrale Botschaft dieses zweiten Anlaufs: Die Bewerbung soll nicht allein von Euphorie getragen sein, sondern von der Überzeugung, dass Hamburg große Projekte verantwortungsvoll stemmen kann und die Stadt, nicht allein das IOC als Veranstalter, davon profitiert.

Die Gegner machten vor allem daran Zweifel geltend. AfD-Fraktionschef Dirk Nockemann wählte dafür die stärkste Zuspitzung des Tages. Die „politische Mitte“, die Olympia verspreche, sei schon mit den Herausforderungen des Alltags überfordert. Im Januar habe die Stadt es „nicht einmal hinbekommen, Straßen und Bürgersteige von Eis und Schnee zu räumen“, sagte Nockemann. Wie solle ausgerechnet diese Verwaltung Olympische Spiele organisieren? Nockemann zeichnete das Bild einer Stadt, die an einem solchen Großprojekt zwangsläufig scheitern müsse.

Linke sind gegen die Bewerbung

Weniger polemisch, aber ebenso grundsätzlich fiel die Kritik der Linken aus. Heike Sudmann stellte vor allem das Finanzkonzept infrage und warnte davor, Risiken kleinzureden. Besonders die Sicherheitskosten seien eine „Black Box“. Der Senat nenne keine belastbaren Zahlen, zugleich zeige das Beispiel Paris, welche Dimensionen dort erreicht worden seien. Es gebe zudem keine verbindlichen Zusagen des Bundes, sagte Sudmann – vielmehr stehe vieles unter dem Vorbehalt künftiger Haushaltslagen. Wer unter diesen Voraussetzungen verspreche, Olympia bringe am Ende sogar Gewinne, rede die Risiken klein.

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Während im Plenum entlang dieser Linien gestritten wurde, bot sich auf den Zuschauerbänken ein ungewohntes Bild. Die Ränge waren voll mit Schülern. Anders als bei den Olympiadebatten, die die Abgeordneten und Senatsmitglieder aktuell auf vielen Podien in Bürgersälen und Gemeindezentren führen, saß dort nicht ein älteres Publikum, das in Hamburg per se oft kritisch auf Großvorhaben schaut. Beim Referendum darf ab 16 Jahren mitgestimmt werden. Ein Teil der Jugendlichen auf den Zuschauerrängen dürfte damit bereits stimmberechtigt sein und wird am 31. Mai mitentscheiden.

Olympia als Erfahrung, nicht als Event

Vielleicht erreichte die Aktuelle Stunde gerade deshalb ihren markantesten Moment erst zum Schluss. SPD-Politiker Cem Berk, selbst Fußballtrainer, verschob den Blick weg von Finanzmodellen und Sicherheitskonzepten hin zu der Frage, was diese Bewerbung mit jungen Menschen machen kann. „Aus Zuschauen kann Mitmachen werden, aus Unsicherheit Mut“, sagte Berk. Aus Träumen könnten „greifbare Möglichkeiten“ entstehen.

Berk beschrieb Olympia nicht als Event, sondern als Erfahrung. Als einen Prozess, der Perspektiven verändert. Was es bedeute, wenn Kinder und Jugendliche Athleten erleben, „die nach einem Rückschlag wieder aufstehen“. Wenn sichtbar werde, dass Vielfalt im Sport kein Hindernis, sondern eine Stärke sei. Dann entstünden Vorbilder, verknüpft mit einer Haltung, die über den Sport hinausweise.

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Der entscheidende Punkt sei etwas, das er aus seiner täglichen Arbeit kenne. „Der Glaube an die eigene Wirksamkeit entsteht“, so Berk. Der Moment, in dem junge Menschen erleben, dass ihr Handeln zählt, dass sie Teil von etwas Größerem sein können. Olympia könne genau das sichtbar machen: Leistung, Respekt, Gemeinschaft – nicht als abstrakte Werte, sondern als gelebte Erfahrung mitten in der Stadt.

Berk sprach von einer „olympischen Generation“. Von mehr Sport in den Schulen, von modernen Sportstätten, von Bewegung und Gesundheit als politischem Versprechen. Vor allem aber davon, jungen Menschen zuzutrauen, Verantwortung zu übernehmen. Es gehe um Perspektiven und um die Frage, welches Bild von Zukunft Politik vermittle.

So endete diese Olympiadebatte nicht mit Zahlen oder Schlagworten, sondern mit einer offenen Frage: Ob es gelingt, nicht nur Skepsis zu verwalten, sondern auch diejenigen zu erreichen, die diese Stadt in den kommenden Jahrzehnten prägen werden.

Source: welt.de

Andy (SPD)DOSBGroteHamburgOlympische Spiele