Wie Geschlecht zu Gender und zu LGBTQIA+ wurde

„Geschlechterverwirrung“ sollte Judith Butlers „Gender Trouble“ vor 35 Jahren eigentlich heißen. Nachdem die Aktivistin und Autorin dagegen protestiert hatte, erschien die Bibel der Gender-Studien auf Deutsch unter einem Titel, der noch heute falsch verstanden wird.

Als vor 35 Jahren die deutsche Übersetzung von „Gender Trouble“ veröffentlicht wurde, trat das berühmteste Werk von Judith Butler seinen Siegeszug durch den akademischen Feminismus und die Feuilletons an. Von Anfang an begleiteten heftige Debatten den Bestseller, der sich trotz oder wegen seiner schwer zugänglichen Sprache in kürzester Zeit zum modernen Klassiker mauserte. Doch der wurde bei der Übersetzung zum Streitfall mit dem Verlag. Am Ende setzte sich die Autorin mit zwei schwergewichtigen Kronzeugen durch: Sigmund Freud und Nina Hagen.

Für das aktuelle Heft „Butler Trouble“ der „Zeitschrift für Ideengeschichte“ hat Fabienne Steeger die Archive des Suhrkamp-Verlags durchstöbert und Erstaunliches zutage gefördert. In Frankfurt war man sich von Anfang an sicher, dass Butler bestens in die „Suhrkamp-Kultur“ und die neugeschaffene Reihe „Gender Studies. Vom Unterschied der Geschlechter“ der Edition Suhrkamp passen würde. Das zeigt nebenher, dass in der deutschen Verlagslandschaft bereits vor „Gender Trouble“ die Unterscheidung von sozialem Geschlecht („Gender“) und biologischem Geschlecht („Sex“) geläufig war.

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Für das Herbstprogramm 1991 kündigte Suhrkamp das Buch unter dem Titel „Geschlechterverwirrung“ an – und bekam prompt Post aus den USA. In dem Lizenzvertrag hatte Butler sich nämlich das Recht zusichern lassen, bei der Titelwahl das letzte Wort zu haben. Und „Geschlechterverwirrung“ fand Butler keine gute Wahl, auch wenn Suhrkamp es den „besten Titel“ nannte, den man finden konnte. Butlers Gegenvorschlag war nun „Geschlechterunbehagen“ oder „Unbehagen der Geschlechter“. Damit konnte man sich bei Suhrkamp zunächst gar nicht anfreunden.

Für Butler war „Verwirrung“ eine Fehlübersetzung von „confusion“, aber nicht von „trouble“. Für „Unbehagen“ sprachen aus Butlers Sicht außerdem noch die hoch- und popkulturellen Referenzen. Einerseits Freud mit seinem berühmten Aufsatz von 1930 „Das Unbehagen in der Kultur“, in dem der Begründer der Psychoanalyse die menschliche Zivilisation als Quelle des Unglücks untersucht. Und andererseits das zweite Studioalbum der Nina Hagen Band, das 50 Jahre nach Freud unter dem Titel „Unbehagen“ in die Plattenläden kam – mit Songs wie „Wenn ich ein Junge wär“.

Vor dem ersten Kinderschreien muss ich mich erstmal selbst befreien!

Die aus der DDR in den Westen übergesiedelte Nina Hagen wurde in den 1980ern auch international ein Star. Die 1956 in Cleveland, Ohio, geborene und aufgewachsene Butler könnte aber womöglich bereits früher auf Hagen gestoßen sein: Butler verbrachte nämlich 1978/79 ein akademisches Jahr an der Universität Heidelberg. Also genau zu der Zeit, als die aus der DDR in die Bundesrepublik übergesiedelte Hagen auf ihrem Debütalbum voller Inbrunst „Unbeschreiblich weiblich“ sang: „Und vor dem ersten Kinderschreien / Muss ich mich erstmal selbst befreien!“ Das war noch die alte feministische Schule, die Butler später mit „Gender Trouble“ frontal angreifen sollte.

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Butler setzte sich mit dem Beharren auf das Unbehagen durch, das Buch kam ein Jahr nach dem Original unter dem Titel „Das Unbehagen der Geschlechter“ auf den Markt (auch wenn das Suhrkamp-Lektorat gerne noch irgendwo ein „zwischen“ untergebracht hätte). Die erste Auflage war, vermutlich auch der Eile der Übersetzung geschuldet, allerdings voller „redaktioneller Nachlässigkeiten“, wie Steeger schreibt. Beim Verlag trudelten Briefe empörter Leserinnen ein. Damals wohl eher Leserinnen, auch wenn das Heft „Butler Trouble“ mit dem Schriftsteller Thomas Meinecke und Tocotronic-Frontmann Dirk von Lowtzow zwei prominente männliche Leser von Butler im Interview hat.

Der „Titeltrouble“ (Steeger) hatte damit aber noch nicht sein Ende. In der deutschen Übersetzung fiel nämlich der Untertitel „Feminism and the Subversion of Identity“ („Feminismus und die Subversion der Identität“) weg. Für die Mitherausgeberin Eva Geulen, Direktorin des Leibniz-Zentrums für Literatur- und Kulturforschung in Berlin, wurde so der Weg für ein beredtes Missverständnis bereitet. Butlers „ödipale Revolte gegen den identitätsfixierten, essentialistischen Feminismus“, so Geulen, habe zur „Vermehrung und Kodifikation von Identitäten“ geführt – wie im Akronym LGBTQIA+.

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„Die Subversion frisst ihre Kinder“, schreibt Geulen mit Blick auf den Umschlag von Identitätskritik in Identitätspolitik bei Butler und ihrem Anhang. Das könnte man auch in Bezug auf Butlers wiederholte Fundamentalkritik des jüdischen Staates und die umstrittenen Äußerungen zum Massaker vom 7. Oktober 2023 sagen. So beschreibt Danilo Scholz, wie Butler die verstreute Kritik am jüdischen Nationalismus von Hannah Arendt umzudeuten versucht: in Parteinahme gegen Zionismus und für Diasporismus. Eine absichtsvolle Fehllektüre, wie Scholz überzeugend darlegt und dabei auch die blinden Flecken der hochgelobten neuen Arendt-Biografie von Thomas Meyer benennt.

35 Jahre nach „Das Unbehagen der Geschlechter“ hat Suhrkamp mit „Wer hat Angst vor Gender?“ auch das neueste Buch von Butler im Programm. Wo es in „Das Unbehagen der Geschlechter“ noch eine unausweichliche symbolische Ordnung der Geschlechter gab, der man nur mit Travestie und Parodie begegnen konnte, sieht die sich heute selbst als nonbinär identifizierende Butler in „Wer hat Angst vor Gender?“ im Nonbinären den rettenden Ausweg aus dem „Gender Trouble“. Das Hamsterrad aus Subversionswunsch und Identitätsvergewisserung dreht sich immer weiter. Was bleibt, ist allerlei Trouble mit der Queer-Ikone, den man ganz in Butlers Sinne als Unbehagen übersetzen darf.

Butler Trouble. Zeitschrift für Ideengeschichte. Heft XX/1 Frühjahr 2026. Hg. von Eva Geulen und Carlos Spoerhase. C.H. Beck, 128 Seiten, 22 Euro.

Source: welt.de

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