Wie eine Grundschule in Cottbus gegen Gewalt vorgeht


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Stand: 21.03.2026 • 04:58 Uhr

An einer Cottbuser Grundschule häufen sich Gewalt und Angst unter Schülern. Eltern, Lehrer und Politik suchen nach Lösungen, doch die Lage bleibt angespannt.

Von Mirja Fiedler, Sebastian Schiller und Phillipp Manske, RBB

„Die Kinder haben uns gefragt: ‚Sind wir wirklich so böse? Sind wir wirklich so schlecht?'“, erzählt Schulleiterin Kathrin Haug. Ihre Regine-Hildebrand-Grundschule Cottbus hat es bundesweit in die Schlagzeilen geschafft – nach Gewaltexzessen auf dem Schulhof und einem Brandbrief der Eltern. „Das, was wir als Schule erlebt haben, das macht was mit uns“, sagt Haug.

Allein in diesem Schuljahr hat die Leiterin nach eigenen Angaben bisher fünf Körperverletzungen, dazu rassistische Beleidigungen, rechtsextremistische Handlungen, zwei sexualisierte Gewalttaten und einen Reizgas-Einsatz an Behörden weitergeleitet – von ihrer Grundschule mit rund 470 Erst- bis Sechstklässlern.

Ein Junge soll zum Beispiel Reizgas in einer Umkleidekabine versprüht haben, ein anderer mit einem Messer erschienen sein. „Die Dinge, die der Schule zur Verfügung stehen, die haben wir so gemacht“, erzählt Haug. „Aber wir haben gemerkt auch, es hat nicht gereicht.“

Ermittlungsgruppe extra eingerichtet

Schwere Vorfälle müssen dem Schulamt gemeldet werden. Eltern wird empfohlen, zur Polizei zu gehen. Die Beamten dort haben extra eine Ermittlungsgruppe eingerichtet. Deren Ergebnisse landen bei der Staatsanwaltschaft Cottbus.

Doch wenn Kinder zuschlagen, kann die Justiz kaum etwas dagegen unternehmen. „Die Jugendlichen müssen mindestens 14 Jahre sein, damit sie überhaupt strafmündig sind“, erklärt die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Cottbus, Miriam Meyer-Stephan. Wenn doch einmal eine Akte mit Vorwürfen gegen einen Jugendlichen dort auftauche, werde das Verfahren deswegen umgehend eingestellt.

Eltern schreiben Brandbrief wegen anhaltender Gewalt

Der Frust wächst und mündet im vergangenen Dezember in einem Brandbrief des Elternrats. „Es kam wiederholt zu Schlägen, Tritten und Stürzen, deren Folgen ärztlich behandelt werden mussten“, heißt es darin. „Viele unserer Kinder gehen inzwischen mit großer Angst und typischen Symptomen wie Bauchschmerzen in die Schule.“

Elternsprecherin Christin Wulf sagt jetzt: „Irgendwann war der Punkt, wo wir gesagt haben, das geht nicht mehr. Mit Reden normal kommt man nicht weiter.“

Schüler erzählen von Gewalt an Grundschule

Eine Viertklässlerin berichtet über ihre ehemals beste Freundin. „Die tretet, schlägt, beleidigt“, erzählt sie. Die Mitschülerin habe sie beschimpft: „Fotze, Schlampe, Hurensohn. Halt die Fresse.“ Ihre Mutter Doreen M. ergänzt: „Es gab dann auch Zeiten, da hat sie (Name von der Redaktion zum Schutz entfernt) sich gar nicht mehr in die Schule getraut.“

Auch an diesem Tag verletzen sich Kinder in einer Pause an der Regine-Hildebrandt-Grundschule gegenseitig, erzählen zwei Schüler im Viertel. „Heute hat jemand – so ein Junge einem Mädchen aus unserer Klasse einen Stein ins Auge geworfen“, sagt der Schüler. „Ihr Auge ist jetzt rot. Sie ging zum – wie heißt der? Der Krankenbruder. Er hat es sich angeguckt und gesagt, das sieht schlimm aus.“

Lehrer an Grundschule verzweifelt

Die Situation an seiner ehemaligen Grundschule sei schlimmer geworden, meint auch ein 18-Jähriger. „Jeder macht, was er will“, sagt Ibo. „Sie hören nicht auf die Lehrer. Das ist das Ding.“ Viele Lehrkräfte sind mittlerweile verzweifelt. Innerhalb von zehn Jahren hat sich die Zahl der Kinder ohne deutschen Pass an ihrer Grundschule laut der Leiterin in etwa versechsfacht. Ihr Anteil liegt inzwischen bei gut 40 Prozent.

„Zum einen haben wir natürlich diese großen Sprachprobleme. Es sind Kinder, die kommen mit einer kompletten guten Vorbildung an die Schule. Aber es gibt auch eine große Anzahl von Kindern, die haben noch nie eine Einrichtung von innen gesehen, noch nie eine Kita erlebt“, erklärt Schulleiterin Haug. Einige besuchten zum ersten Mal eine Schule, wenn sie hier in die zweite oder dritte Klasse kämen. Mehr als 10.000 Menschen leben im Cottbuser Stadtteil Sachsendorf. Fast jeder fünfte ist hier nach Angaben der Stadt Ausländer.

Kultusminister verweisen auf Föderalismus

Der Sprecher der Kultusministerkonferenz (KMK) Michael Reichmann erklärt, gravierenden Fällen von Gewalt an Schulen begegneten Verantwortliche, indem sie Jugendhilfe und Polizei einbinden würden. Zur Grundschule in Cottbus will der KMK-Sprecher sich nicht äußern: „Die Bewertung solcher Maßnahmen liegt allein bei den verantwortlichen Landesbehörden.“ Cottbus‘ Oberbürgermeister Tobias Schick (SPD) hat im vergangenen Januar angekündigt, Kinder notfalls in Obhut nehmen zu lassen.

Auch eine Wohnsitzauflage für Asylsuchende wollte der damalige Brandenburger Innenminister René Wilke durchsetzen, damit Geflüchtete sich nicht zu sehr in einem Stadtteil konzentrieren. „Das soll auch weit über Cottbus hinaus Wirkung entfalten können“, sagte der SPD-Politiker im Januar. „Das ist ein Paket, was in großen Teilen gut übertragbar ist auf möglicherweise vergleichbar entstehende Situationen.“ Noch aber ist kein Kind in Obhut genommen worden.

Eltern und Sozialarbeiter gegen Stigmatisierung

Hamza Raufi sagt, ihm täten die Schlagzeilen über die Schule seines Sohnes weh. Der Vater arbeitet seit zehn Jahren in einem Krankenhaus. „Also gute Sachen über Ausländer redet man nie, nur Schlechte. Du machst die ganze Zeit etwas Gutes oder alles, was gut ist“, meint er. „Aber einmal, wenn du etwas Schlechtes machst, dann verbreitet sich ganz schnell und überall.“

In den Jugendclub in Cottbus-Sachsendorf kommen Sechs- bis 27-Jährige aus dem Stadtteil. Viele haben schon Gewalt erfahren. „Wegen Beleidigungen und so weiter“, erzählt ein Mädchen. „Wenn man auf Mutter, Vater oder Gott beleidigt“, sagt ein weiteres Mädchen.

„Die fühlen sich halt einfach perspektiv- und hilflos“

Sozialarbeiter Oliver Lehmann erklärt, Gewalt habe nichts mit Herkunft zu tun. Sie entstehe dort, wo Kinder und Jugendliche sich allein gelassen fühlten. „Die fühlen sich halt einfach perspektiv- und hilflos dadurch“, erläutert der Sozialarbeiter. „Die einzige Form, sich dann quasi zu reiben oder Orientierung zu kriegen, ist dann auch in Auseinandersetzungen zu gehen.“

Viele Kinder und Jugendliche hier hätten keine sozialen Kompetenzen, Konflikte verbal zu lösen oder sich Hilfe zu holen, um Probleme zu lösen, ergänzt Lehmann. Deswegen wendeten sie Gewalt an.

An der Regine-Hildebrandt-Grundschule landen auffällige Kinder jetzt in einer Gruppe, in der sie lernen, Streit nicht eskalieren zu lassen. „Aber das ist ja – ich denke auch, ein gesellschaftliches Problem, was an Schule komplett angekommen ist“, meint Schulleiterin Kathrin Haug über die Gewalt. Schneller durchgreifen ist hier nun ihre Devise – gemeinsam mit Sozialarbeitern, Stadtteilmanagern und Staatsanwaltschaft.

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Source: tagesschau.de