Hochrangige Militärs halten Teile der Beschaffungen für die Bundeswehr für ungeeignet. Haushälter fürchten Steuerverschwendung. Interne Unterlagen zeigen: Behörden kannten die Kritik – und hielten an der trotzdem Bestellung fest.
In den nächsten Jahren fließt so viel Steuergeld in die Bundeswehr wie nie zuvor. Eine halbe Billion Euro bis zum Ende des Jahrzehnts. Ziele sind Verteidigungsfähigkeit und Abschreckung – besonders gegenüber Russland.
Doch Recherchen von Plusminus zeigen: Insider zweifeln, ob geplante Rüstungsvorhaben wirklich geeignet sind für sich ändernde Anforderungen im Ernstfall, während Haushälter im Bundestag vor milliardenschweren Fehlentscheidungen warnen.
Haushaltsausschuss stoppt Rüstungsdeal
Ende Januar 2026 hatte der Haushaltsausschuss das erste Mal einen Rüstungsdeal gestoppt, den das Verteidigungsministerium und das Beschaffungsamt der Bundeswehr geplant und bereits mit der Industrie verhandelt hatten. Es ging um bis zu 1,5 Milliarden Euro Steuergeld.
Andreas Schwarz (SPD), Hauptberichterstatter für den Verteidigungshaushalt und das sogenannte Sondervermögen, erklärt den Beschaffungsstopp gegenüber Plusminus damit, dass das geplante System durch die Erfahrungen aus dem Ukraine-Krieg in Teilen bereits überholt sei.
Kritik am Projekt MAUS
Teure Technik, die die Bundeswehr gar nicht braucht? Der Plan des Beschaffungsamts der Bundeswehr in Koblenz sah wie folgt aus: In den Fahrzeug-Typ EAGLE des europäischen Herstellers GDELS, den die Truppe bereits nutzt, sollte Technik zum Abhören und Orten feindlicher Funkfrequenzen verbaut werden.
Doch das Projekt mit dem Namen MAUS erntet Kritik des Haushaltsausschusses: Die Soldaten müssten damit im Fall intensiver Kämpfe aufgrund fehlender Reichweite zu nah an die Front. Die Panzerung sei dafür zu schwach – es bestünde erhebliche Gefahr für die Insassen.
Der Rüstungskonzern Rohde und Schwarz, der die Technik in das vorgegebene Fahrzeug einbauen soll, erklärt auf Anfrage: „Die von uns angebotenen Systeme für die elektronische Kampfführung bewähren sich (…) seit vielen Jahren in der Ukraine im täglichen Einsatz. Sie sind damit in jeder Hinsicht ‚State-of-the-Art'“.
Hightech gelobt – doch an der Front nutzlos?
Plusminus liegt die Beschaffungsvorlage vor und lässt Auszüge daraus von Experten bewerten. Thomas Withington, Fachmann für elektronische Kampfführung am britischen Verteidigungs-Thinktank Royal United Services Institut (RUSI), schätzt sie so ein: Das MAUS-System sei grundsätzlich für viele Einsatzarten konzipiert – „ein echtes Mehrzwecksystem“.
Zugleich könne man aber argumentieren, dass es nicht für die Art von Stellungskrieg entwickelt wurde, wie er derzeit in der Ukraine zu beobachten sei. Da müsse man sich, so Withington, fragen, ob in der großen Bestellung nicht auch Platz für Technik sei, „die sich an der Front effektiver einsetzen lässt.“
Ein ranghoher Militär, der anonym bleiben möchte, äußert heftige Kritik: „Für die Verteidigung gegen Russland taugt die Technik nicht. Wir haben auf einem Streifen von 40 Kilometern an der Front keine Signale, die die MAUS auslesen kann. Dort stören russische Sender Funk, GPS und Starlink.“ Das ganze System MAUS sei in dem Bereich nutzlos.
Truppe äußerte früh Skepsis
Die Entscheider in der Beschaffung seien zu weit von den tatsächlichen Nutzern entfernt. Im Beschaffungsamt gebe es zu viele Ebenen, in denen jeder versuche, seine Zuständigkeiten zu wahren. Korruption wolle er dabei gar nicht unterstellen – Unwissenheit und eingefahrene Routinen reichten seiner Ansicht nach oft schon aus, um Mittel in die falschen Kanäle zu lenken, so der Militär.
Das Beschaffungsamt der Bundeswehr in Koblenz sagt dazu, wie es ungeeignetes Material für die Truppe verhindern will: „Es gilt (…) immer auch die operativen Erfordernisse der Truppe zu berücksichtigen. (…) Mit dem Ziel, Innovationen möglichst zeitnah und zielgerichtet in Beschaffungen umzusetzen.“
Plusminus liegen Dokumente vor, die zeigen: Es gab durchaus Skepsis innerhalb der Bundeswehr beim Thema MAUS – Informationen, die dem Beschaffungsamt vorlagen.
Innovation für die Bundeswehr gefragt
Thomas Hofmann, Präsident der TU München (TUM), meint, man müsse Sicherheit, Verteidigung und neue Technologien viel stärker gemeinsam betrachten. Dafür brauche es mehr wissenschaftliche Expertise an Universitäten und einen schnelleren Übergang von Forschung zur Marktreife. „Wir haben in Deutschland oft oberlehrerhaft gesagt: Universitäten sollen ausschließlich zivilen Zwecken folgen. Und die Ablehnung von Dual Use, was ja fast ein Schimpfwort an Universitäten war, verhindert die Überführung in militärische, defensive Bereiche.“
Mit dem Verweis auf die USA stellt Hofmann fest: Forschung, die für zivile Zwecke geplant war, findet dort deutlich schneller Anwendungen im Bereich des Militärs und auch umgekehrt. Zahlreiche militärische Investitionen in der Robotik hätten in den USA Anwendungen im zivilen Bereich gefunden. Wenn man diese Querbefruchtung der Anwendungen nicht nutze, vergebe man Chancen, so Hofmann.
„Wissenschaft und Wirtschaft müssen zusammenwachsen“
Damit aus innovativer Forschung marktreife Produkte werden, die auch eine bessere Ausrüstung für die Bundeswehr bedeuten, müssten Hochschulen und Unternehmen enger zusammenarbeiten. Es dürfe nicht sein, dass gute Ideen in Abschlussarbeiten steckenbleiben. „Wissenschaft und Wirtschaft müssen stärker zusammenwachsen. Wir sollten den Erfindergeist und den unternehmerischen Willen unserer Studierenden fördern“, so der Appell des TUM-Präsidenten.
Es gehe darum, das Leistungsprofil der Universitätslandschaft in Deutschland zu stärken und an die Realität zu knüpfen. Die TU München hat dafür mit der Universität der Bundeswehr München die „TUM Security and Defense Alliance“ gegründet, ein gemeinsames Innovationsbündnis mit Industriepartnern.
Dazu gehört zum Beispiel die TUM-Ausgründung TYTAN, ein Drohnen-Start-up, das auch dank eines guten Netzwerks vor kurzem Partnerschaften mit den Rüstungskonzernen KNDS Deutschland und Hensoldt schließen konnte. Besonders ist, dass es in der Region München nun zum ersten Mal ein festes, dauerhaftes Netzwerk zwischen Unis und Industrie für neue Ideen in Sicherheit und Verteidigung gibt.
Unabhängige Prüfung von Rüstungsdeals gefordert
Damit wichtige Informationen im Beschaffungsprozess schneller an die richtigen Stellen kommen, fordert der Ökonom Moritz Schularick, Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft, einen grundlegenden Wandel. Er betont, es brauche dringend eine unabhängige Bewertung der zahlreichen Beschaffungsvorlagen, die derzeit in hoher Geschwindigkeit vom Verteidigungsministerium an den Haushaltsausschuss und das Parlament weitergeleitet werden.
Eine wissenschaftlich fundierte Begleitung dieses Prozesses liege, so seine Einschätzung, eindeutig im Interesse des Landes und der Steuerzahler. Auch der Haushaltsausschuss will in Zukunft noch genauer hinsehen, damit Steuergelder beim Thema Rüstung effizient und zielgerichtet eingesetzt werden.
Source: tagesschau.de