Wie durch verheerende Bombenangriffe archäologische Schätze ans Licht kamen

Ob Köln, London, Mailand oder Paderborn: Die Verheerungen des Zweiten Weltkrieges ermöglichten in einer verrückten Volte Einblicke in die Vergangenheit europäischer Städte. So hatten großflächige Zerstörungen mitunter ungeahnte Folgen.

Zwischen einer halben und einer knappen Million zivile Opfer: Die Bilanz der Bombardements in Europa während des Zweiten Weltkriegs ist fraglos verheerend. Mehr als fünfeinhalb Jahre, vom ersten Kriegstag bis zwei Wochen vor der Kapitulation der Wehrmacht, währte dieser Teil des Kampfes, der außer in Deutschland und Großbritannien, den beiden hauptbeteiligten Ländern, auch in Polen, Jugoslawien, der Sowjetunion und Italien schlimme Verluste an Menschenleben verursachte, in den Niederlanden und in Frankreich sogar durch Angriffe beider Kriegsparteien. Wegen der mangelnden Treffergenauigkeit damaliger Bomber waren in fast allen Fällen dicht bebaute, oft historische Innenstädte das Hauptziel, sodass zu dem individuellen Leid auch heftige Schäden an Bausubstanz kamen.

Paradoxerweise eröffnete allerdings in zahlreichen Städten ausgerechnet diese Zerstörungsorgie bis dato unmögliche Blicke in die Vergangenheit der betroffenen Orte. Nämlich dann, wenn es um bereits in römischer Zeit besiedelte Gegenden ging: Viele wichtige archäologische Funde sind eine direkte Folge des zerstörerischen Luftkriegs 1939 bis 1945. Solche kulturellen Gewinne lassen sich natürlich niemals aufrechnen gegen das Grauen, das Zivilisten erlitten – aber man sollte sie auch nicht ignorieren.

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In der Innenstadt von London, größtenteils identisch mit dem im ersten Jahrhundert n. Chr. entstandenen römischen Londinium, hatten die heftigen deutschen Luftangriffe 1940/41 große Verwüstungen angerichtet. Zahlreiche zerstörte Häuser waren teilweise noch im Krieg, teils in den späten 1940er-Jahren abgeräumt worden. Anfang der 1950er-Jahre begann nun der Wiederaufbau. Und weil das Areal beiderseits des seit dem 17. Jahrhundert unterirdisch kanalisierten Themse-Zufluss Walbrook bekanntermaßen zum Herz der antiken Stadt gehört hatte, durften Archäologen des British Museum vor Beginn der Ausschachtungen nach bedeutsamen Resten suchen.

Am Samstag, dem 18. September 1954, dem letzten Tag der vorgesehenen Untersuchung, wurde ein Marmorkopf gefunden, der eindeutig zu einer Kultstatue des asiatischen, nämlich persischen Mysterienkultes um den Gott Mithras gehörte. Bei den bis dahin als Fundament einer frühchristlichen Basilika interpretierten Bauresten handelte es sich in Wirklichkeit um den unterirdischen Versammlungsraum einer Mithras-Gemeinde – den ersten, der überhaupt in Großbritannien entdeckt worden war. Man hätte es ahnen können, denn schon 1889 war bei Ausschachtungsarbeiten ein 53 Zentimeter hohes Marmorrelief aufgetaucht, das Mithras bei der rituellen Stiertötung zeigte – das war in diesem Kult ein ähnlich zentrales Motiv wie das Kreuz im Christentum.

Zehntausende strömten zum Fundort

Der damalige Premierminister Winston Churchill unterstützte die Verlängerung der Ausgrabungen. Sie fesselten in den folgenden Wochen die Öffentlichkeit und ließen zehntausende Besucher zum Fundort strömen, um die Überreste zu bestaunen und sich inspirieren zu lassen. Der Fund wurde aus dem Boden geborgen und stand 1962 bis 2010 unter freiem Himmel auf der Einfahrt zu einer Tiefgarage in der Nähe.  Erst der Abriss eines Nachkriegsbaus und die Neuerrichtung eines Bürogebäudes erlaubte es, den Versammlungsraum fast genau an seiner ursprünglichen Stelle zum Teil einer archäologischen Ausstellung werden zu lassen: 2017 wurde „The London Mithraeum“ mit zahlreichen weiteren hier gemachten Funden eröffnet.

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Im Gegensatz zum Londoner Fund befindet sich das bedeutendste und auch größte ähnliche Beispiel in Deutschland immer noch an genau jenem Platz, an dem es auch einst errichtet wurde. Die Innenstadt von Köln war am 30. Mai 1942 beim britischen „Tausend-Bomber-Angriff“ zerstört worden – darunter auch das Areal des historischen Rathauses im Zentrum der alten römischen Siedlung Colonia Claudia Ara Agrippinensium, etwa 350 Meter südlich des gotischen Doms.

Dass es unter der jahrhundertelang gewachsenen und dann in wenigen Stunden zerstörten Bausubstanz vom frühen Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert römische Reste gab, war vor dem Wiederaufbau bekannt. So wurde das gesamte Areal des geplanten Rathausneubaus archäologisch untersucht. 1953 stieß der Direktor des Römisch-Germanischen Museums Otto Doppelfeld auf die mächtigen Mauern eines römischen Palastes, den er bald zutreffend als Statthalterpalast der Provinz Germania inferior deutete. Er setzte mit Unterstützung des Kölner Bürgertums durch, dass die Funde im Keller des darüber errichteten Spanischen Baus erhalten und am 22. Oktober 1956 zugänglich wurden.

Über die Stadtgrenzen hinaus populär machte den Fund Rudolf Pörtner mit seinem Bestseller „Mit dem Fahrstuhl in die Römerzeit“  (1959). Die Gesamtauflage des Bandes liegt allein auf Deutsch bei rund einer Million Exemplare. Der Journalist besang nicht sagenumwobene Orten wie Troja, Karthago oder Alexandria, sondern widmete sich dem römischen Alltag in Mainz, Neuss und Trier – sowie am liebsten Köln.

Das Mithraeum in London und das Praetorium in Köln sind zweifellos die bedeutendsten archäologischen Funde als Folge der Zerstörungen im Luftkrieg. Doch es gibt es eine Fülle weiterer antiker oder mittelalterlicher Entdeckungen in Mittel- und Westeuropa, die man ab 1945 im Zuge des Wiederaufbaus machte.

Die südwestbritische Stadt Exeter, eigentlich ein Legionslager und unter dem Namen Isca Dumnoniorum seit dem ausgehenden 1. Jahrhundert n. Chr. eine keltoromanische Stadt, ging bei den deutschen „Baedeker-Angriffen“ in den Nächten vom  23. auf den 24. April und vom 3. auf den 4. Mai 1942 in Flammen auf. Etwa 16 Hektar der Innenstadt wurden vollständig zerstört, weitere Bereiche zu großen Teilen. Beim Wiederaufbau fand man die in weiten Teilen erhaltene römische Stadtmauer wieder, die irgendwann in die historische Bausubstanz integriert worden war. Außerdem fanden sich Teile mehrerer nacheinander errichteter Militärlager, die zuvor unter Reihenhäuserzeilen aus georgianischer und viktorianischer Zeit gelegen hatten.

In Frankfurt am Main zerstörte ein doppelter Luftangriff in den Nächten vom 18. auf den 19. und vom 22. auf den 23. März 1944 rund 150 Hektar Fachwerkhäuser sowie hunderte Gebäude von Barock bis zum Neoklassizismus. Bei der Enttrümmerung ab Ende der 1940er-Jahre fanden sich auf dem Domhügel nicht nur die Reste der Königspfalz aus karolingischer Zeit, sondern darunter sogar Reste römischer Bauten. Zwei Thermen mit Abwasserkanälen beispielsweise – vorher gab es keinerlei Hinweise auf solche Einrichtungen, die auf eine zumindest nicht ganz kleine Siedlung schließen ließen.

Kaiserpfalz am Dom

Sogar eine Kaiserpfalz Karls des Großen konnte durch den Wiederaufbau nach Bombenangriffen wiederentdeckt werden: Die Innenstadt von Paderborn war am 27. März 1945 so stark zerstört worden, dass die Stadtplaner eine weiträumige Neubebauung des zerstörten Areals um den Paderborner Dom vorsahen. Dafür musste zunächst die seit dem Mittelalter auf bis zu fünf Meter Stärke angewachsene Schicht Zivilisationsschutt entfernt werden – und dabei stieß man 1964 direkt nördlich der Bischofskirche auf karolingisches sowie ottonisches Mauerwerk, wie es nur bei Herrscherbauten zu finden ist. Die auf den späteren Fundamenten rekonstruierte Pfalz aus der Zeit um 1000 ist seit 1978 ein Teil des Paderborner Museums.

Auch abseits der beiden Hauptgegner im Luftkrieg Deutschland und Großbritannien förderten Bombardements indirekt kulturhistorisch bedeutsame Überreste hervor. In Mailand, Italiens zweitgrößter Stadt, töteten die Angriffe mehr als 2200 Menschen und beschädigten die Hälfte aller Bausubstanz in der Innenstadt.  Beim Wiederaufbau stellte man fest, dass der Campanile der Klosterkirche San Maurizio ein Turm des spätantiken Circus von Mediolanum war, wie die Stadt in römischer Zeit hieß. Ein massiver, vermeintlich mittelalterlicher Turm erwies sich als Teil der spätaniken Stadtmauer. Unter der Biblioteca Ambrosiana und der Kirche San Sepulcro fand man Reste des antiken Forums; an der Piazza San Babila die mächtigen Mauern der Herkulesthermen, in Auftrag gegeben von Kaiser Maximian, der Mailand 286 n. Chr. zu seiner Residenz gemacht hatte.

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Von Dezember 1942 bis August 1943 gab es mehrere schwere Angriffe auf Neapel, die wichtigste Hafenstadt Süditaliens. Dadurch kam die weitgehend in Vergessenheit geratene Existenz ausgedehnter griechischer und römischer Keller unter der Stadt in Erinnerung. In Napoli Sotterranea, dessen Tunnel einst durch den Abbau von Tuffstein entstanden waren, versteckten sich bis zu 200.000 Einwohner vor weiteren Angriffen – heute sind die Gänge ein Anziehungspunkt für Touristen.

Ein weiterer Sonderfall ist Xanten am Rhein. Die Stadt entstand seit dem frühen Mittelalter nicht auf dem Areal der nahegelegenen vormaligen römischen Siedlung Colonia Ulpia Traiana, einer der bedeutendsten römischen Gründungen in Germania inferior. Vielmehr geht der Ort zurück auf deren südöstlich davon gelegenen Friedhof um ein dem Heiligen Victor und seinen Märtyrern gewidmetes Stift. Der Bezeichnung „Ad Sanctos“ (also „bei den Heiligen“) verdankt Xanten seinen Namen. Die alten römischen Bauten dienten der neuen Siedlung nur als Steinbruch. Im Frühjahr 1945 wurde Xanten während der Kämpfe um den Rheinüberquerung praktisch vollständig zerstört. Beim Wiederaufbau entschied sich die Verwaltung, die bekannte Fläche der römischen Siedlung nicht in die Neubebauung einzubeziehen, sondern zum Archäologischen Park umzuwidmen. Hätte sich die Stadt ganz normal weiterentwickelt, wäre wohl auch diese Freifläche Grundstück für Grundstück überbaut worden – durch die umfassende Wiederaufbau-Planung wurde das vermieden.

Ein neuer Blick in Kölns große Vergangenheit

Es ist eine einzigartige Chance: Auf rund 6000 Quadratmeter mitten in der historischen Innenstadt einer Millionenstadt können Archäologen Vergangenheit umfassend dokumentieren – auf bis dahin fast ungestörten Flächen. Denn direkt vor dem Alten Rathaus finden sich von oben nach unten im Boden die Reste des Goldschmiedeviertels, des vom 8. bis zum 15. Jahrhundert hier gelegenen jüdischen Wohnbezirks und darunter des antiken Verwaltungszentrums. 

Bis zur Zerstörung der Altstadt am 30. Mai 1942 standen zwischen Judengasse, Portalsgasse, Unter Goldschmied und Obermarspforten eng aneinander historische Gebäude, die zwar durchaus teilweise modernisiert worden waren, aber im Kern mittelalterlich blieben. Entsprechend war der Untergrund nie abgebaggert worden. Da dieses Areal nach 1945 dem an sich viel kleineren Rathausplatz zugeschlagen wurde, blieb es zwischen den vier Straßen bis in 21. Jahrhundert weitgehend unbehelligt.

Einziges sichtbares Relikt war die Mikwe, ein jüdisches Ritualbad, das 1956 Otto Doppelfeld wiederentdeckt hatte; es wurde 1989 mit einer Glaspyramide sichtbar gemacht. Seit 1998 arbeiten Kölner Bürger daran, hier eine vergrößerte Archäologische Zone mit einem Jüdischen Museum einzurichten. 2025 konnte endlich Richtfest des MiQua (für „Museum im Quartier“) gefeiert werden, die Eröffnung ist für Mitte 2029 geplant.

Neben den Resten des römischen Köln wird hier die jüdische Vergangenheit seit dem 4. Jahrhundert bis zum Pogrom 1349 und der Austreibung 1424 gezeigt. So wurde aus der historischen Synagoge die Ratskapelle St. Maria in Jerusalem. Ein derartiges archäologisches Fenster im Zentrum hat keine andere Stadt in Europa.

Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur, linker und rechter Terrorismus sowie Verschwörungstheorien.

Source: welt.de

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