Wie dieser Eklat um linke Buchläden die Leipziger Buchmesse überschattet

Buchhandlungen unter Extremismusverdacht: Damit hat Kulturstaatsminister Wolfram Weimer die ganze Branche gegen sich aufgebracht. Auch Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins, fürchtet um die „Feier der Literatur“


Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins, weiß nicht, ob Weimer überhaupt zur Messe kommt

Foto: dts-Agentur/picture alliance



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Andreas Baader sitzt hinter einem Stapel Bücher. Neben ihm Ulrike Meinhof. Man würde sich nicht wundern, hörte man irgendwo eine Kasse klingeln und jemand fragte nach der neuesten Ausgabe der Kursbuch-Reihe. Dann fallen Schüsse. Bewaffnete Komplizen stürmen herein, ein Mitarbeiter wird schwer verletzt. Baader springt am 14. Mai 1970 aus dem Fenster. Meinhof zögert einen Moment – und springt hinterher. Wenige Minuten später verschwindet ein Auto. Die RAF ist geboren.

Der Raum befand sich im Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen im mondänen Berlin-Dahlem – ein Lesesaal, eine wissenschaftliche Bibliothek. Hält der Verfassungsschutz noch heute Räume, in denen sich Bücher befinden, für gefährlich? Auf diese Idee könnte man kommen. Denn neuerdings geraten Buchhandlungen unter Verdacht, Orte gefährlicher Gedanken zu sein. Der parteilose Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat entschieden, drei politisch links verortete Läden vom Deutschen Buchhandlungspreis auszuschließen, weil es „verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“ gegen sie geben soll. Soweit bekannt.

Die feierliche Preisverleihung auf der Leipziger Buchmesse wurde Anfang der Woche schließlich ganz abgesagt. „Um den Buchhandlungspreis nicht zu beschädigen“, hieß es aus dem Ministerium; die Debatte drohe „den eigentlichen Sinn der Veranstaltung – die würdevolle Auszeichnung unabhängiger Buchhandlungen – zu überlagern“. Eine angemessene Würdigung der Preisträger sei unter diesen Umständen kaum noch möglich. Als wäre die Debatte das eigentliche Problem.

Applaus für Weimer kommt aus rechten Ecken

So kann man sich auch aus der Affäre ziehen. „Feige“, urteilte die taz. Der Schriftsteller und PEN-Berlin-Sprecher Deniz Yücel schrieb auf X: „Wo es Cancel Culture gibt, ist Feigheit meist nicht weit.“ Weimer hat viele gegen sich aufgebracht: den Börsenverein des Deutschen Buchhandels, die Kurt Wolff Stiftung, sowohl ebenjenen PEN Berlin als auch PEN-Zentrum Deutschland, dazu zahlreiche Buchhandlungen und Verlage – eigentlich die gesamte Branche. Selbst die unabhängige Jury des Buchhandlungspreises geriet unter Druck, distanzierte sich von Weimer, trat jedoch nicht zurück, wie manche erwartet hatten.

Applaus kommt dafür aus anderen Ecken. Der Herausgeber der Welt, Ulf Poschardt, hatte Weimers Ernennung schon im vergangenen Jahr mit bemerkenswerter Offenheit begrüßt: Der weitgehend steuerfinanzierte Kulturbetrieb müsse „im Zweifel kaputtgemacht werden“. Weimer solle aufräumen, schrieb Poschardt damals, lieben werde man ihn ohnehin nicht mehr – „fürchten könnten sie ihn am Ende wohl“.

Jetzt macht man sich bei der Welt in einem Artikel Gedanken darüber, „warum man den Buchhandlungspreis gleich ganz abschaffen sollte“. Auch aus der AfD kommt naturgemäß Zustimmung: Staatliche Förderpreise dürften nicht dazu beitragen, „extremistische Milieus zu legitimieren“, hieß es. Der Historiker und ehemalige Maoist Rainer Zitelmann spottet im Focus: „Liebe Linke, wann werdet ihr wieder staatskritisch? Ich hätte mich damals als Linker geschämt, auch nur einen Pfennig vom Klassenfeind zu nehmen.“ Linke Buchläden sehen im Kulturstaatsminister neuerdings den Klassenfeind?

Das Branchenblatt „Börsenblatt“ berichtete von einem Whistleblower

Die betroffenen Buchhandlungen erleben derweil viel Solidarität. Das Bündnis Leipzig nimmt Platz ruft auf Instagram zu einer Demonstration „gegen Zensur & Autoritarismus“ auf. Sie soll am 18. März um 18 Uhr auf dem Augustusplatz beginnen – also eine Stunde vor der feierlichen Eröffnung der Leipziger Buchmesse im Gewandhaus.

Und Lea Voigt, Anwältin des Bremer Golden Shop, dem der Preis aberkannt wurde, sagte der dpa, viele Menschen empfänden die Affäre längst als größere Frage: nach der Pluralität des Kulturbetriebs und der Meinungsfreiheit. Das Branchenblatt Börsenblatt berichtete sogar von einem Whistleblower: Zwei der ausgeschlossenen Buchhandlungen seien von der Jury ursprünglich für Spitzenpreise von 15.000 Euro vorgesehen gewesen.

Weimer selbst verteidigt weiterhin sein Vorgehen, insbesondere die umstrittene Anwendung des sogenannten Haber-Verfahrens – einer nach der früheren Staatssekretärin Emily Haber benannten Praxis, staatlich geförderte Projekte durch den Verfassungsschutz prüfen zu lassen. Wenn sich eine Institution sichtbar hinter Parolen wie „Deutschland verrecke“ stelle, sagte Weimer den Funke-Zeitungen, müsse man die Preiswürdigkeit hinterfragen. Gemeint ist offenbar die Buchhandlung in Bremen, an deren Fassade entsprechende Graffiti stehen.

Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins, wirkt melancholisch

Während in Berlin noch über Verfahren, Zuständigkeiten und Preiswürdigkeit gestritten wird, sitzt einer der Betroffenen im Zug. Wir erreichen Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins, auf der Fahrt nach Frankfurt am Main. Am Abend liest dort Judith Hermann aus ihrem neuen Buch – Guggolz hat es lektoriert. Ist das das Ende des Preises? Er hoffe nicht. 7.000 Euro Preisgeld klängen zunächst nicht nach viel. Angesichts der vielen Buchladenschließungen seien selbst solche Summen jedoch „überlebensnotwendig“.

Wenn jetzt von rechter Seite Nebelkerzen gezündet würden und behauptet werde, Buchhandlungen seien schließlich nur gewöhnliche Geschäfte, die man nicht subventionieren müsse, könne er nur entgegnen: „Diese Buchhandlungen mit ihren vielfältigen Veranstaltungen sind existenziell für die Meinungsvielfalt, für die Leseförderung.“

Es gibt Feiern für die BuchhändlerInnen

Guggolz wird am Mittwochabend bei der Eröffnung der Leipziger Buchmesse als Erster sprechen. Das Manuskript sei noch nicht fertig, sagt er, er feile bis zuletzt daran. „Es wird aber nicht möglich sein, auf all das nicht einzugehen.“ Ob es nach der Absage der Preisverleihung bei der Teilnahme Weimers bleibe, könne er nicht abschätzen. Bislang sei er als Redner fest eingeplant. Trotz des bisherigen „absoluten Mauerns“ gibt Guggolz die Hoffnung auf einen Austausch, auf einen künftig produktiven Dialog nicht auf. Von den entscheidenden Vorgängen habe man erst aus der Presse erfahren.

Am Ende wirkt er fast ein wenig melancholisch. Warum würden die Buchmessen der vergangenen Jahre ständig von politischen Kämpfen überlagert, in denen man plötzlich wieder Grundrechte erklären müsse? Wo bleibe eigentlich die Feier des Buches, der Literatur?

Der Carl Hanser Verlag und der Börsenverein laden am Donnerstag in den Messehallen die betroffenen Läden zu alternativen Feiern ein. Eigentlich wollte der Münchner Verlag nur eine neue Taschenbuchreihe mit Wein und Häppchen vorstellen. Nun sollen alle 118 Buchhändlerinnen kommen, wenn sie mögen. Ob ihnen zum Feiern zumute ist, wird sich zeigen. In diesen Zeiten genügt schließlich manchmal schon der Verdacht, dass zwischen zwei Buchdeckeln mehr steckt als nur Papier.

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