Wie dies Gehirn körperliche Leistung steuert

Stand: 17.03.2026 • 17:12 Uhr

Neuroathletik trainiert das Zusammenspiel von Gehirn, Nervensystem und Körper. Durch bessere Informationsverarbeitung werden Bewegungen präziser und effizienter – im Sport, in der Therapie und für die Rehabilitation.

Von Katrin Focke, BR

Bewegung beginnt im Kopf. Genau hier setzt die Neuroathletik an. Anders als klassische Trainingsmethoden, die Muskeln und Ausdauer in den Vordergrund stellen, konzentriert sich Neuroathletik auf das Gehirn und das Nervensystem. Denn jede Bewegung – vom einfachen Schritt bis zum komplexen Sportmanöver – wird im Gehirn geplant, gesteuert und angepasst. Viele Bewegungen oder Aktivierungen nehmen wir überhaupt nicht wahr, sie sind aber überlebensnotwendig.

Eine Studie zum Beispiel zeigt, wie viele Bereiche des Körpers allein damit „beschäftigt“ sind, unseren Kopf stabil zu halten: Gleichgewichtssinn, zentrales Nervensystem und Muskulatur. Das Gehirn regelt also automatisch, wie viel „Arbeit“ jedes Körperteil leisten muss, um beispielsweise das Gleichgewicht zu halten. Kraft, Schnelligkeit und Beweglichkeit entstehen nicht allein in den Muskeln. Sie sind das Ergebnis komplexer neuronaler Prozesse, die das Gehirn im Hintergrund koordiniert. Diese „Hintergrundprozesse“ rücken im neuroathletischen Training bewusst in den Mittelpunkt.

Die Sportwissenschaftlerin Vera Abeln von der Deutschen Sporthochschule Köln erklärt die Trainingsart so: Neuroathletik richte den Fokus nicht auf den „Output“, also die sichtbare Bewegung, sondern auf den „Input“ – die Informationen, die das Gehirn aus der Umwelt und dem Körper erhält. Ziel sei es, diese Sinnesinformationen zu optimieren, damit das Gehirn Bewegungen sicher und effizient steuern kann.

Jede Bewegung ist Ergebnis einer Entscheidung des Gehirns

Die Forschung zu diesem Thema ist komplex – wissenschaftliche Untersuchungen erfordern eigentlich möglichst standardisierte und kontrollierte Bedingungen. Diese sind schwer herzustellen, denn: Das menschliche Gehirn ist sehr individuell. Erfahrungen, neuronale Verknüpfungen, sensorische Systeme, Wahrnehmung, sowie mögliche Einschränkungen unterscheiden sich von Person zu Person. Dadurch variieren auch Diagnostik, therapeutische oder trainingsbezogene Ansätze, Übungen, Trainingsumsetzung, Betreuung. Studien beziehen sich vor allem auf Teilbereiche, die in der Neuroathletik genutzt werden – zum Beispiel die Augenbewegung.

Der Sportwissenschaftler und Neuroathletik-Trainer Lars Lienhard fasst es im Rahmen der ARD-Wissen-Dokumentation „Mein Körper. Meine Limits“ so zusammen: „Jede Bewegung ist letztlich das Ergebnis einer Entscheidung des Gehirns.“ Augen, Gleichgewichtssystem und Körperwahrnehmung liefern Signale, die das Gehirn abgleicht, bewertet und in Bewegungsentscheidungen umsetzt.

Warum Sportler neuroathletisches Training machen

Die moderne Neuroathletik geht auf den US-amerikanischen Chiropraktiker und Bewegungsforscher Eric Cobb zurück. Anfang der 2000er-Jahre entwickelte er ein Trainingssystem, das Erkenntnisse aus Neurowissenschaft, Biomechanik und Sporttraining verbindet. Seine Kernidee: Wenn das Gehirn bessere Informationen erhält, kann es den Körper präziser steuern – Kraft, Beweglichkeit und Koordination verbessern sich.

Viele Profisportlerinnen und -sportler nutzen Neuroathletik, um ihre Reaktionsfähigkeit, Bewegungspräzision und Koordination zu steigern. Das will auch Para-Weitspringer und Weltmeister Markus Rehm und arbeitet deswegen mit Neuroathletiktrainer Lars Lienhard zusammen. Markus Rehm will seine Limits pushen, wie jeder Spitzensportler: „Es geht um Rekorde. Und ich glaube, das ist der Leistungssport. Die Leistungsgrenzen zu verschieben, das wollen wir haben. Immer höher, schneller, weiter. Und es wird irgendwann schwer. Es wird irgendwann unfassbar hart.“ Neuroathletik kann dann ein Weg sein, um noch die letzten Prozente, Millimeter oder Millisekunden rauszuholen.

Das Gehirn signalisiert: Hier stimmt was nicht

„Das Gehirn macht es immer so gut es kann“, sagt Lars Lienhard. Dennoch können Vorhersagen fehlerhaft sein. Die Theorie des Predictive Codings besagt, dass das Gehirn ständig Vorhersagen über die Umwelt und den eigenen Körper trifft, um Bewegungen zu planen und sicher auszuführen.

Das Gehirn gleicht ständig seine Vorhersagen mit den tatsächlich eintreffenden sensorischen Signalen ab. Zuerst erstellt es ein „Modell der Welt“ und erwartet bestimmte Ereignisse. Gleichzeitig liefern Augen, Gleichgewichtssystem, Muskeln und Haut Echtzeitinformationen. Stimmen Vorhersage und Realität überein, bleibt alles stabil. Bei Abweichungen passt das Gehirn Bewegungen, Wahrnehmung oder sogar das Schmerzempfinden entsprechend an.

Ein alltägliches Beispiel: Beim Treppensteigen erwartet das Gehirn automatisch die nächste Stufe. Wenn diese fehlt, tritt man ins Leere – ein Vorhersagefehler, der sofort spürbar wird.

Neuroathletik geht davon aus, dass die Qualität von Bewegung stark davon abhängt, wie sicher das Gehirn seine Vorhersagen treffen kann. Erhält es unklare oder widersprüchliche Signale, reagiert es vorsichtig: Bewegungen werden eingeschränkt, Muskeln weniger aktiviert, die Balance leidet und Schmerzen können entstehen – als Schutzmechanismus.

Neuroathletisches Training im Sport und nach Verletzungen

Ursprünglich stammt Neuroathletik aus der Chiropraktik und der angewandten Neuroanatomie. Ziele waren die Verbesserung von Bewegungen und Körperhaltungen und auch die Linderung von Schmerzen.

Neuroathletik entfaltet dann am meisten Wirkung, wenn sie individuell diagnostiziert und getestet wird, erklärt Vera Abeln. Besonders deutlich seien Erfolge bei Athletinnen und Athleten in der Einzelbetreuung. Dennoch wird der Ansatz auch im Team- und Fitnesstraining integriert. Der Deutsche Fußball-Bund und Bundesliga-Vereine setzen zunehmend auf neuroathletische Elemente. Ziel sind Verbesserung der Reaktionszeit, Balance und Bewegungsqualität. Eine Verbesserung der Bewegungseinschränkung, wenn die Ursache unklar ist, Kraft und Beweglichkeit aber trotzdem schwanken. Außerdem die Rehabilitation nach Verletzungen.

Eine Studie kommt zum Beispiel zu dem Ergebnis, dass eine Verletzung des vorderen Kreuzbands nicht nur die Mechanik des Knies verändert, sondern auch das Nervensystem, was wiederum Bewegung und Verletzungsrisiko beeinflusst. Die Rehabilitation sollte laut der Studie daher neben Muskeltraining auch neurokognitive und visuell-motorische Übungen beinhalten.

Neuroathletik zeigt: Bewegung ist mehr als Muskelarbeit. Sie entsteht aus dem präzisen Zusammenspiel von Gehirn, Nervensystem und Körper – und genau dieses Zusammenspiel trainiert sie gezielt.

Mehr zu diesem Thema sehen Sie in der Wissen-Dokumentation „Mein Körper. Meine Limits“ in der ARD-Mediathek.

Source: tagesschau.de