Astrologie gehört zu den Pseudowissenschaften. Trotzdem haben Horoskope in der Antike Impulse für die moderne Astronomie und die Mathematik gegeben.
Einen Blick in die Zukunft werfen – das versprechen Horoskope und Astrologen noch heute. Der Glaube, das Schicksal eines Menschen sei mit dem Stand der Planeten bei dessen Geburt verbunden, hält sich seit der Antike. Heute zählt die Astrologie zu den Pseudowissenschaften. Der Tierkreis selbst hat aber eine wissenschaftliche Bedeutung.
Vor 2.500 Jahren teilten die Babylonier die Himmelsbahn, in der sich scheinbar täglich die Sonne bewegt, in zwölf Abschnitte zu je 30 Grad. In dieser Ekliptik liegen zwölf Sternbilder, denen die Babylonier die noch heute gebräuchlichen Namen gaben, von Widder bis Schütze. Es war der Anfang des Tierkreises.
„Natürlich hat das mit Astrologie zu tun, aber sehr viel auch mit Astronomie und mit Berechnung“, sagt Wissenschaftshistoriker Mathieu Ossendrijver. „Der Tierkreis ist ja erst mal eine mathematische Einteilung der Himmelsbahn. Das ist ein Koordinatensystem, mit dem man rechnen kann.“
Aktuelle Perspektiven auf den Tierkreis
Ossendrijver leitet ein Forschungsprojekt zur Geschichte des Tierkreises an der Freien Universität Berlin. Mit antiken Objekten aus dem Ägyptischen und dem Vorderasiatischen Museum Berlin zeigt sein Projekt im Neuen Museum Berlin aktuelle wissenschaftliche und gesellschaftliche Perspektiven auf den Tierkreis. Die Babylonier hatten den Himmel eingeteilt, um die periodisch wechselnde Stellung der Planeten zueinander berechnen zu können. Darin sahen sie göttliche Botschaften, aus denen sie die Zukunft besser vorhersagen wollten.
Die Berliner Forscher sprechen von „Astralen Wissenschaften“, gemeint ist die Verknüpfung von Astronomie, Astrologie, Mathematik und religiösen Praktiken. „Das Interessante ist, dass mit dem Tierkreis auch die Berechnung immer wichtiger wurde in der Astronomie. Denn man kann ja dann festlegen, wo sich ein Planet befindet, in Grad und im Tierkreiszeichen ausgedrückt“, sagt Ossendrijver. „Man kann dann Algorithmen formulieren, um diese Positionen zu berechnen. Und wir sehen dann einen massiven Anstieg der Bedeutung von Berechnung gegenüber reiner Beobachtung.“
Pseudowissenschaft schafft Wissenschaft
Ironie der Geschichte: Um ihre pseudowissenschaftlichen Horoskope zu verbessern, legten die Babylonier so einen der Grundsteine für naturwissenschaftliche Methoden etwa in der Astronomie oder Mathematik. Systematische Beobachtung, Berechnungen, Datensammlung und Datenanalyse sind zentral in unserer modernen Gesellschaft. Heutige Apps und KI-Sprachmodelle bauen letztlich auf den Algorithmen auf, die Gelehrte in Babylon für die Berechnung der Planetenbahnen entwickelten.
Von Babylonien aus begann der Siegeszug des Tierkreises durch die Welt – zunächst nach Ägypten, Griechenland und ins Römische Reich. Wie das gelang, das wollen die Berliner Forscher herausbekommen. Eine der Thesen: Die großen Reiche Alexanders des Großen, der Ptolemäer in Ägypten oder auch das Römische Reich waren Vielvölkerstaaten. Möglicherweise eignete sich der Tierkreis für diese Multikulti-Gesellschaften besonders gut, weil er keinen Glauben an bestimmte Gottheiten voraussetzte, sondern auf Berechnungen beruhte. „Wir sind noch dabei, dass genauer auszuformulieren“, sagt Ossendrijver. „Aber ich glaube, das wird eine neue Erkenntnis unseres Projektes sein.“
Sternzeichen in buddhistischen Büchern
Fakt ist jedenfalls, dass sich die Tierkreiszeichen bis in die arabische Welt und weiter nach Indien, China und Japan verbreiteten – obwohl es dort ein eigenes astronomisches System gab. Im sechsten Jahrhundert nach Christus tauchten sie in buddhistischen Texten auf, erklärt Jeffrey Kotyk vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte. „Mit einigen Veränderungen erscheinen die Tierkreiszeichen in der ostasiatischen Kunst und auch in der astrologischen Literatur. In illustrierter Form dann auch in Gemälden und der Tempelarchitektur.“
Erst im 15. Jahrhundert verlor der Tierkreis in Ostasien seine Bedeutung. Ausgerechnet die westliche Popkultur sorgte im Japan des 20. Jahrhunderts aber für ein Revival. Kotyk hat beobachtet, dass heute vor allem jüngere Japanerinnen und Japaner ihr Tierkreiszeichen kennen. „Astrologie ist in Japan noch weit verbreitet, während solche Aktivitäten zum Beispiel in China von der kommunistischen Regierung nicht gern gesehen werden.“
Übrigens, nur um Missverständnisse zu vermeiden: Die Forscher interessieren sich wissenschaftlich für Astrologie, weil deren Verständnis für die Wissenschaftsgeschichte wichtig ist. An Horoskope aber glauben sie nicht.
Source: tagesschau.de