Wie der reichste Mann der Welt die Schweizergarde in den Vatikan brachte

Als vor einem halben Jahrtausend Jakob Fugger in Augsburg starb, da schied der seinerzeit wohl reichste Mensch der Welt dahin. Von seinem geschäftlichen Wirken ist Großes überliefert. Über sein Privatleben wird spekuliert.

Was heute Elon Musk, Mark Zuckerberg und Jeff Bezos sind, das war einst Jakob Fugger. Nicht im damals gerade erst „entdeckten“ Amerika lebte vor einem halben Jahrtausend einer der vermögendsten Menschen der Erde, wenn nicht der Reichste überhaupt, sondern mitten im alten Europa, in Augsburg. Von Schwaben aus machte der Kaufmann wirtschaftliche wie weltpolitische Winkelzüge. So sähe es ohne ihn im Vatikan heute wohl anders aus.

Denn eines der Wahrzeichen dort ist die berühmte Schweizergarde. Sie ist Fugger zu verdanken. Über seinen römischen Handelsposten wurden dem Kirchenstaat immer wieder Kredite vermittelt. „Mit einem dieser Darlehen wurden 1506 Söldner aus der Schweiz als Leibgarde für Papst Julius II. angeworben“, schreibt Karin Schneider-Ferber in ihrer Biografie „Jakob Fugger der Reiche. Kaufmann, Bankier, Kaisermacher“ (172 Seiten, Verlag Friedrich Pustet 2025). Die Schweizergarde existiert bis in die Gegenwart, 500 Jahre nach Fuggers Tod.

Geboren wurde Jakob am 6. März 1459 in Augsburg, als jüngster Sohn und vorletztes von elf Kindern. Den Vornamen teilte er sich mit dem Vater, einem Kaufmann, der erfolgreich das Hab und Gut seiner aufstrebenden Vorfahren vermehrt hatte. Die Mutter war die Tochter eines reichen Münzmeisters. Keine schlechte Ausgangslage also für Jakob den Jüngeren – jenen Fugger, der in seiner Familie zunächst als Benjamin, als Kleinster, galt und später deren berühmtester Spross werden sollte.

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Nach der Kindheit könnte für Fugger eine geistliche Laufbahn vorgesehen gewesen sein. 1471 erhielt er eine Chorherrenstelle in Franken. Die kirchliche Stelle bot eine Option auf die Zukunft, aber mehr auch nicht. 1473 ging Fugger nach Venedig.

Wie lange er in der Handelsmetropole blieb, ist unklar. Gewiss ist, dass diese Zeit ihn prägte; er gewann Kenntnisse wie Kontakte. Dass seine Erinnerung an die venezianischen Jahre gut gewesen sein muss, bewies etwa seine Angewohnheit, auch in der schwäbischen Heimat eine vornehme goldene Brokatkappe zu tragen, die der venezianischen Mode entstammte. Ähnlich lässt sich Fuggers architektonisches Wirken deuten: In Augsburg ließ er Heim und Handelssitz im Renaissancestil herrichten, analog zu italienischer Palazzo-Pracht.

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Dass er sich das leisten konnte, belegt den Aufstieg vom Benjamin zum Chef im Fugger’schen Familienunternehmen. Jakob hatte sich nach seiner Venedig-Zeit, also Ende des 15. Jahrhunderts, erfolgreich ins Bergbau-Business in Tirol gestürzt. Von seinen Brüdern lebten damals noch zwei; sein Vater war schon 1469 gestorben. Gemeinsam leiteten die drei den Betrieb, der vom früheren Schwerpunkt Textilien in Richtung Montan- und Kreditgeschäft ausgebaut wurde. Nach dem Tod von Georg 1506 und Ulrich 1510 sicherte sich Jakob gegenüber seinen Neffen die dominierende Stellung in der Geschäftsführung.

Durch Macht- und Geschäftssinn in höchste Kreise gelangt

Eigene Kinder hatte Jakob wohl nicht, verheiratet war er schon. 1498 ehelichte er die etwa 20 Jahre jüngere Sibylla Artzt. Ob sie ihren Bräutigam aus Liebe heiratete oder nur – wie üblich – in eine arrangierte Ehe einwilligte, weiß niemand zu sagen. Es gibt Annahmen, Fugger habe eine uneheliche Tochter gehabt. Beweise dafür fehlen aber.

Belegt indessen ist, dass Fugger durch seinen Macht- und Geschäftssinn in höchste Kreise gelangte. Seine Finanzkraft war so stark, dass er Papst und Kaiser Geldspritzen gewähren konnte. Fugger bot sodann auch die Kulisse für weltpolitische Vorgänge: 1518 bezog der päpstliche Legat Kardinal Thomas Cajetan in seinem Augsburger Stadtpalast Quartier, um Martin Luther zu verhören. Der Reformator wiederum kritisierte Fugger für seinen Prunk und seine Verwicklung in den Ablasshandel.

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Fugger war klassisch romtreu. Für den Vatikan interessierte er sich sehr – so sehr, dass er ihn vor allzu fantastischen Plänen des deutschen Kaisers Maximilian schützte. Dieser erwog 1511 während einer lebensgefährlichen Erkrankung von Julius II., sich selbst an die Kirchenspitze wählen zu lassen. Doch Fugger zögerte die dafür nötigen Kreditverhandlungen einfach so lange hinaus, bis der Papst wieder genesen war.

Andersherum ließ Fugger sich Standeserhöhungen gewähren: Maximilian ernannte ihn 1511 zum Freiherrn, 1514 stellte er ihn einem Reichsgrafen gleich und machte ihn zum kaiserlichen Rat. Auch verschaffte er Fugger Grundbesitz: Am Ende seines Lebens war der bürgerliche Kaufmann Herr über mehr als 50 Dörfer.

Dieses Ende kam am 30. Dezember 1525. Fugger litt seit Längerem an einem Gewächs am Bauch, wie es aus zeitgenössischer Quelle heißt. Was nicht endete, ist Fuggers Wirken. Drei Stiftungen existieren bis in die Gegenwart: die Familienkapelle in der Anna-Kirche und die Predigerstelle von Sankt Moritz, beides Gotteshäuser in der Augsburger Innenstadt.

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Und dazu ebenfalls in Augsburg die Fuggerei, die heute als älteste Sozialsiedlung der Welt gilt. Sie ist eine ummauerte „Stadt in der Stadt“ im Zentrum Augsburgs. Rund 150 Menschen leben in 67 Häusern und 142 Wohnungen, verteilt auf acht Gassen. Das 15.000-Quadratmeter-Areal umfasst etwa eine Kirche und vier Museen, davon eines in einem Bunker; früher gab es auch eine Schule und eine Krankenstation. Finanziert wird die Fuggerei aus forstwirtschaftlichen Erträgen und Museumseintrittsgeldern.

Für die Bewohner gilt seit jeher: Sie müssen in Augsburg wohnhaft, katholisch und bedürftig sein. Die Jahreskaltmiete für eine Wohnung beträgt täglich drei Gebete (Vaterunser, Glaubensbekenntnis, Ave Maria) und den Nominalwert eines Rheinischen Guldens, was einst etwa der Wochenlohn eines Handwerkers war – heute sind das 88 Cent. Hinzu kommen 88 Cent im Jahr für den Pfarrer sowie die Nebenkosten.

Gedacht hatte Fugger die Einrichtung für arme, aber ehrbare (nicht bettelnde) Menschen – als Zwischenstation, um wieder auf die Beine zu kommen. Die ersten Häuser standen bereits 1516. Fugger wollte seine Siedlung für die Ewigkeit angelegt wissen. Entsprechend wurde sie nach Verwüstungen im Dreißigjährigen Krieg und einer Zwei-Drittel-Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut.

Zum 500. Geburtstag der Fuggerei 2021 teilte die Einrichtung mit, die Idee der Sozialsiedlung solle in die Welt hinaus getragen werden. Laut Fuggerei entstanden daraufhin in Sierra Leone und Litauen Sozialprojekte, die auf eigenständigen Initiativen beruhen. Die Fuggerei verstehe sich dabei als ideeller Impulsgeber.

Die Fugger sind in Augsburg seit 1367 nachgewiesen. Damals war in Hans Fugger (gestorben 1408/09) der erste Vertreter der Familie in die Stadt gekommen, der Großvater des Fuggerei-Gründers. Zunächst im Textilgewerbe tätig, avancierten die Fugger ab 1494 zum zeitweise führenden Montan- und Finanzkonzern Europas. Sie finanzierten Kaiser und Könige, zudem organisierten sie für einige Päpste in weiten Teilen des Kontinents den Ablasshandel und prägten Münzen für sie. Mehrere Fugger wurden ferner Bischöfe in Regensburg und Konstanz.

Heute besteht die Familie in Schwaben in drei Linien. Es gibt die Grafen Fugger-Kirchberg, die Fürsten Fugger von Glött und die ebenfalls gefürsteten Fugger-Babenhausen. Das Geschlecht gehört zu den großen Privatwaldbesitzern Deutschlands und bewirtschaftet über Stiftungen rund 3200 Hektar Baumbestand.

KNA/mak

Source: welt.de

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