Es ist eine Illusion, dass Caren Miosga das Problem für die Republik hätte lösen können. Sie kann es nicht. Was wir am Sonntagabend im Gespräch zwischen Miosga und Tino Chrupalla beobachten konnten, war eine Bredouille, aus der die Öffentlich-Rechtlichen keinen Ausweg finden werden. Das Setting war tragisch, und Caren Miosga und Tino Chrupalla selbst waren die tragischen Clowns, die die Tragödie einmal durchspielen mussten, während die Zuschauer nicht wussten, ob sie lachen oder weinen sollten.
„Wenn einer wie Donald Trump zweimal von einem Gericht letztinstanzlich zu einer Geldstrafe verurteilt wurde, könnte der was werden in der AfD?“ Das war die Eingangsfrage Miosgas an Chrupalla, nur dass das keine Eingangsfrage Miosgas an Chrupalla war. Was, bitte, sollte ein AfD-Chef denn auf so eine Frage antworten? Weder ist er für Donald Trump verantwortlich oder zuständig, noch gibt es einen ähnlichen Fall in Deutschland. Diese Frage ist keine Frage.
Mit viel Wohlwollen könnte man sie als Angriff werten, der aber leider scheitert, weil er nicht die AfD angreift, sondern rechte Politiker unzulässig durcheinanderwirft. Daher lautet Chrupallas Antwort auch: „Die Frage stellt sich ja überhaupt nicht. Trump ist amerikanischer Staatsbürger.“ Schon die Gesprächseröffnung ist gescheitert.
Das sollte sie auch. Miosga eröffnete das Gespräch nicht, weil es nie stattfinden sollte. Die ganze Sendung war ein Nicht-Gespräch, Chrupalla sollte vorgeführt werden. Und wie das immer so endet, wenn die Öffentlich-Rechtlichen die AfD unbedingt vorführen wollen, so endete es auch hier: Es geht nach hinten los. Denn wenn ein Mensch auf offener Bühne vorgeführt wird, empfinden Zuschauer*innen meist keine Häme, sondern Mitleid.
Wie sieht Tino Chrupalla wohl die Faschisierung der USA?
Dafür kann Caren Miosga allerdings nicht so viel. Natürlich mussten die Öffentlich-Rechtlichen den Co-Chef der AfD einladen, dazu sind sie verpflichtet. Sie müssen den politischen Diskurs abdecken, und die AfD hat sich darin längst etabliert, steht in Sachsen-Anhalt womöglich vor einer absoluten Mehrheit und auch ansonsten an zweiter Stelle in der Gunst der Wähler*innen. So funktionieren die Institutionen unserer Demokratie: Sie bilden ab, und wenn Teile der Demokratie sich faschisieren, bilden sie auch das ab.
Nun ist Tino Chrupalla noch dazu kein Rechtsaußen der AfD, sondern im Gegenteil vielleicht die interessanteste Figur: Selbst Handwerker, steht er für eine große Kernklientel der AfD, die konservative rechte Mitte. Nur durch sie wurde die AfD so stark, dass sie das Machtgefüge in Deutschland tatsächlich bedrohen kann. Einem Björn Höcke mögen viele AfD-Wähler nicht folgen oder nur heimlich im tiefsten Inneren zujubeln, einem ordentlich konservativ tickenden Chrupalla aus Görlitz aber lässt sich offen und vernünftig folgen. Chrupalla ist die Brücke von Rechtsaußen in die Mitte.
Wie sieht dieser Chrupalla die Faschisierung in den USA? Wie sieht er den wesentlich weiter rechts stehenden Landesverband in Sachsen-Anhalt? Eine klug fragende, empathisch auf die kleinsten Zuckungen des Gegenübers reagierende Miosga wäre in der Lage gewesen, Antworten auf diese überaus spannenden Fragen aus Chrupalla herauszukitzeln. Nur war diese Miosga am Sonntagabend in der ARD nicht anwesend. Sie durfte es nicht sein, denn mit der AfD redet man ja nicht.
Und so war es Miosga in diesem Setting unmöglich, zu handeln. Stattdessen saß eine Miosga-Clownin auf der Bühne, deren einzige Rolle in der Tragödie es war, am Ende so heile herauszukommen, dass sie ihren Job behalten darf. Um die Haltung Chrupallas zur Faschisierung in den USA ging es daher nicht. Sondern um eine Performance.
Chrupalla hat „ein gewisses Störgefühl“ beim Fall Thomas Korell
Nach der missglückten Anfangsfrage bemühte sich Miosga, den Bogen zu schlagen: Wie sieht Chrupalla die Fälle von mutmaßlichen Rechtsbrüchen oder Korruption in der AfD? Sie zählt auf: Der sächsische AfD-Abgeordnete Jörg Dornau wurde in Dresden aus dem Landtag abgeführt wegen mutmaßlich dubioser Geschäfte mit Belarus, der Brandenburger Landtagsabgeordnete Wilko Möller wird vorgeworfen, ein Wahlplakat mit Hitlergruß bedruckt zu haben, Björn Höcke wird erneut wegen seiner SA-Parole belangt.
Natürlich muss Miosga einen AfD-Chef mit diesen Fragen konfrontieren. Aber jede Journalistin weiß: Steigt sie mit solchen Fragen ein, kommt kein Interview zustande. Auch Miosga weiß das. Jedes andere Gespräch führt sie zuvorkommend, lächelnd, sanft, gewinnt – Kritiker sagen: meistens zu viel – Vertrauen, und fragt dann kritisch nach. Sonst macht das Gegenüber dicht.
Chrupalla bemüht sich, offenzubleiben, und gewinnt damit Sympathiepunkte. Als Miosga ihn zu dem Fall des Vaters von Ulrich Siegmund in Sachsen-Anhalt befragt, der für 7.725 Euro monatlich im Büro des AfD-Bundestagsabgeordneten Thomas Korell tätig sein soll, ist etwas zu spüren bei Chrupalla. Zunächst redet er sich heraus, das Gehalt sei von der Bundestagsverwaltung geprüft worden. Miosga, inzwischen etwas ruhiger, fragt nach: Können Sie verstehen, dass da ein Störgefühl entsteht bei den Wählern? „Ich habe da auch ein gewisses Störgefühl, will ich Ihnen ganz ehrlich sagen“, sagt Chrupalla. Leider gab es keine Moderatorin, die diese Offenheit hätte nutzen können, um hier tiefer einzusteigen.
Wie steht Tino Chrupalla zu ICE?
Miosga stolpert weiter zum eigentlichen Thema der Sendung: Donald Trump. Und Chrupalla offenbart etwas sehr Interessantes: Seine Enttäuschung darüber, dass gerade die sozialen Wahlversprechungen von Trump – die Inflation zu bekämpfen – nicht eingehalten wurden. Miosga geht nicht weiter darauf ein.
Als es sie Chrupalla dann zu ICE befragen will, die wohl zentralste Frage, wenn es darum geht, wie der AfD-Chef zur Faschisierung in den USA steht, macht sie einen groben Fehler: Sie zitiert „die Regierung“ mit der Aussage, es habe sich bei den von ICE Erschossenen um Terrorist*innen gehandelt. „Macht Trump das auch gut?“ Nun war es die US-Heimatschutzministerin Kristi Noem, die von Terror sprach, und Trump, der die Untersuchung der Fälle ankündigte. Wenn der AfD vorgeworfen wird, nicht bei den Fakten zu bleiben, sollte eine Moderatorin eins auf keinen Fall tun: alles kontrafaktisch zu vermischen. Was ihr Chrupalla umgehend vorwirft, sodass sich Miosga korrigieren muss.
Spätestens hier scheint Miosga nicht mehr Herrin ihrer Worte zu sein – kein Wunder, das ist sie ja auch nicht, denn ein Gespräch soll sie nicht führen. Es geht weiter um ICE und Chrupalla sagt gerade, die Beamten würden in den USA hoffentlich bestraft, da stottert Caren Miosga: „In seiner eigenen Partei – in Ihrer eigenen Partei – werden ja ähnliche Fälle gefordert. Also eine Art, auch eine Art Sonderpolizei.“ „Da werden nicht Fälle gefordert“, sagte Chrupalla, und weihte uns dankenswerterweise ein, um welche Fakten es eigentlich ging: In Bayern fordert die AfD eine ICE-ähnliche Behörde, aber Chrupalla selbst lehne dies ab.
Ist ICE mit der Gestapo vergleichbar?
Das wirklich Tragische ist nicht so sehr, dass Miosga Mitleidseffekte in Teilen des Publikums erzeugte. Niemand wird deshalb die AfD netter finden, weil eine Caren Miosga mal zu kritisch mit ihrem Co-Chef umging und der sich verschluckt. Das Tragische ist genau dieses Gebrabbel. Denn dieses Gebrabbel lässt gruseln, weil es an das inhaltsleere Gestammel eines Donald Trump erinnert. Hauptsache schießen. Hauptsache Angriff, Hauptsache fertig machen, Inhalt egal? Es werden Fälle gefordert?
Dann wurde es kurz spannend. Miosga hatte sich gefangen, kurz wurden ganze Sätze gesprochen. Sie erwähnte den Podcaster Joe Rogan, der das Vorgehen von ICE mit der Gestapo vergleicht, was sage Chrupalla dazu? Die Fälle, antwortete Chrupalla, müssen aufgeklärt und die Schuldigen bestraft werden, aber er wolle sich zu einem solchen Vergleich nicht hinreißen lassen, denn die Gestapo habe wesentlich größere Verbrechen begangen.
Wollte Miosga vorhin nicht noch wissen, was Chrupalla von den SA-Sprüchen eines Höcke hält? Von seiner Forderung nach einer erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad? Schuldkult? Hier wäre der Moment, ernsthaft nachzuhaken. Aber die ARD bewahre, das wäre ja ein Gespräch, es musste beim Gebrabbel bleiben.
Caren Miosga kann den Widerspruch nicht auflösen
Und so bleibt es auch. Caren Miosga sollte mit der Chrupalla sprechen, ohne mit Chrupalla zu sprechen. Dafür kann Miosga nichts. Das ist eine Unmöglichkeit, die uns seit Jahren begleitet: Die AfD ist eine Partei, die demokratisch gewählt wird, aber teils undemokratische Politik vertritt. Sie kann diesen Widerspruch genauso wenig auflösen wie jeder andere in den Öffentlich-Rechtlichen oder in den Parlamenten.
Leider bewirkt dieses Setting der ARD, in dem zwei leere Hüllen einen Clownsakt vorführen sollen, genau das, was es doch zu vermeiden versuchte: Es wirkt entmenschlichend. Es bleiben eine japsende Miosga, ein japsender Chrupalla und das ungute Gefühl, dass auch die Kritik an der Faschisierung gar nicht mehr weiß, was sie eigentlich genau kritisiert.