Wie Bürgerinitiativen leerstehende Gebäude vor dem Abriss sichern

Stand: 16.12.2025 12:50 Uhr

Laut Statistischem Bundesamt werden in Deutschland pro Jahr Tausende Gebäude abgerissen. Nachhaltig ist das nicht. Ein Projekt von Kulturschaffenden in Berlin zeigt, wie es anders gehen kann.

Von Andrea Heinze, rbb

Die sechste Etage des Hauses der Statistik liegt noch weitestgehend brach – der Boden unebener Beton, die Wände grau, vereinzelt Graffiti. Als Künstler Harry Sachs durch die großen Räume führt, fällt ihm ein Schriftzug an einer unverputzten Säule ins Auge: „Hier sehen wir eine der wenigen Wände, wo man tatsächlich noch die Spuren aus dem Leerstand sieht. Hier sind Tausende von Jugendlichen durchgezogen, und die haben hier einen tollen Abenteuerspielplatz gefunden.“ Erinnerungen an ungewisse Zeiten. 

Elf Jahre lang stand das Gebäude leer, erst vor zehn Jahren wurde es durch die Initiative „Haus der Statistik“, einer Gruppe aus Künstlern, Architektinnen, Politikern und Kulturschaffenden, vor dem Abriss bewahrt. Harry Sachs war einer von ihnen. Heute kümmert er sich darum, dass das Haus saniert wird und gesellschaftliche Relevanz erlangt: „Wir haben hier von kleinen Gruppen bis zu super etablierten Playern eine ganze Bandbreite. Das ist eine Qualität, die wir kultivieren wollen, dass wir ganz viele unterschiedliche Sachen nebeneinander zulassen – durchaus mehrsprachig, unterschiedliche Kontexte, durch alle Generationen und Dimensionen gedacht.“

Bauen im Bestand – niedrige Klimakosten

Im alten Bestand soll eine lebendige Nachbarschaft entstehen, die Chancen dafür stehen gut, weil es schon viele Menschen gibt, die sich engagieren. Es gibt einen guten Grund, warum es lohnt, Bestandsgebäude zu erhalten, denn die Klimakosten sind deutlich niedriger, erzählt Alexander Stumm, Professor für Theorie der Architektur und Stadt an der Technischen Hochschule Lübeck. 

Stumm wirkt in der Anti-Abriss-Allianz mit, einem interdisziplinären Bündnis, das sich dafür einsetzt, Bestandsgebäude weiter zu nutzen. Ein Argument: In Bestandbauten steckt viel graue Energie – das ist die Energie, die gebraucht wurde, um das Baumaterial herzustellen und an die Baustelle zu bringen, erzählt Alexander Stumm. „Das Beste ist einfach, das Material zu erhalten, wo es steht. Das heißt nicht, dass wir nichts mehr umbauen dürfen. Beim Haus der Statistik haben wir den Rohbau erhalten, da ist die meiste Energie gespeichert – und die gilt es zu erhalten.“

Westberliner Architektur bleibt häufiger erhalten

Eigentlich hätte das Haus der Statistik längst abgerissen werden sollen. Bis 1990 war hier die Staatliche Zentralverwaltung für Statistik, nach der Wende übernahm die Stasiunterlagenbehörde. Nachdem der 55.000 Quadratmeter große Stahlbetonbau leer stand, wurde hier im Jahr 2011 das Performance-Festival „Berlin del Mar“ gefeiert.

Kunst- und Kulturprojekte wurden in Berlin immer wieder in Gebäuden veranstaltet, die abgerissen werden sollten. So beispielsweise auch im Palast der Republik. Für Alexander Stumm war dessen Abriss ein Verlust im Stadtbild. „Kritiker sagen, es gibt ein Ungleichgewicht zwischen Ost und West. Im ehemaligen Westberlin wurde sehr viel erhalten, denken wir ans ICC, denken wir an den Mäusebunker, und vieles an DDR-Erbe wird weiterhin abgerissen. Ich würde sagen, da gibt es auf jeden Fall einen Punkt.“

Das Haus der Statistik ist ein Vorzeige-Beispiel für Umbau geworden. Insgesamt rund 300 bezahlbare, geförderte Wohnungen sollen hier entstehen. Ergänzt werden sie durch Flächen für Kultur, Bildung, Gewerbe und ein neues Rathaus, wobei der Baubeginn für die Wohnungen für 2027 angesetzt ist.

Neben guten Argumenten braucht es oft auch Engagement, um Bestandsgebäude zu erhalten. Das wird am Sport- und Erholungszentrum SEZ im Osten Berlins deutlich. Einst war das SEZ eine Vorzeige-Sportstätte der DDR, jetzt sollen dort 500 dringend benötigte Wohnungen entstehen. Die Initiative „SEZ für alle“ hat den Abriss vorläufig gestoppt. 

 

Ostmoderne erhalten

Denkmalschutz ist der sicherste Schutz gegen Abriss. Ein Gebäude kann unter Denkmalschutz gestellt werden, wenn es besonders kunstvoll gestaltet ist, ein wichtiges Beispiel für das Stadtbild einer Epoche war oder ein historisch bedeutsames Zeugnis der politischen Verhältnisse. 

Das Berliner Sport- und Erholungszentrum SEZ wurde nicht unter Denkmalschutz gestellt. Auch beim Haus der Statistik besteht kein Denkmalschutz. Es ist dem Durchhaltevermögen der Künstlerinnen und Künstler zu verdanken, dass das Haus weiter genutzt wird. Und der Anti-Abriss-Allianz, die für den Erhalt wirbt, weil damit viel Energie gespart wird – und wichtige Architektur erhalten bleibt. Schließlich ist das Haus der Statistik ein typisches Beispiel der Ostmoderne.  

Source: tagesschau.de