Widerstand, wohl gegen wen? Thilo Bodes Buch „Resist!“ zeigt die Ohnmacht des Protests

Thilo Bode kämpfte jahrzehntelang für politische Veränderungen. Er war Greenpeace-Chef und gründete Foodwatch. In seinem Buch „Resist!“ zieht er Bilanz – und zeigt, wie schwach die NGOs geworden sind und wie die Mittel des Protests versagen


Sieht lustig aus, aber entfaltet dieser Protest von Greenpeace mit dem pinken Oktopus vor dem Reichstag überhaupt noch seine Wirkung?

Foto: dts Nachrichtenagentur/Imago


Die wichtigste Frage der gegenwärtigen parlamentarischen Republik ist vielleicht: Wie ist effektiver und wirkungsvoller Protest und Widerstand bei Fehlentwicklungen möglich, die sich innerhalb der eingespielten Institutionen und Verfahren aus Parteien, Parlamenten und Regierungen nicht oder nicht schnell genug lösen lassen?

Dass es solche Fehlentwickungen gibt, wird kaum jemand bestreiten, der die Gesellschaft mit offenen Augen und illusionslos beobachtet, auch wenn verschiedene Beobachter unterschiedliche Probleme als besonders gravierend ansehen. Auch die Ursachen dafür, dass das seit Jahrzehnten eingespielte politische System es nicht mehr schafft, den Herausforderungen wirksam entgegenzutreten, werden wohl von verschiedenen Kritikern an jeweils anderen Stellen gesucht.

Erinnerungen eines politischen Aktivisten

Das neue Buch des erfahrenen Aktivisten Thilo Bode ist vor allem ein Zeugnis von den Schwierigkeiten, die Frage nach wirksamem Widerstand plausibel und überzeugend zu beantworten. Bodes Buch heißt Resist! und will, laut Untertitel, ein „Aufruf zum Widerstand“ sein. Es hat noch einen kleinen, auf dem Cover eher unauffällig platzierten Untertitel, nämlich „Erinnerungen eines politischen Aktivisten“.

Das trifft den Inhalt des Buchs ganz gut. Rund 85 Prozent des Buchs sind Erinnerungen, eine Art politische Biografie des Aktivisten, der als Entwicklungshelfer angefangen hat und bei Greenpeace in höchste Leitungsfunktionen aufgestiegen ist, bevor er mit Foodwatch eine „eigene“ Verbrauerschutzorganisation aufgebaut hat.

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Diese Erinnerungen zeigen vor allem die Vergeblichkeit des Widerstands, illustrieren, dass selbst die spektakulären Aktionen und Kampagnen von Greenpeace am Ende wenig bewirken und dass selbst die erfolgreichen kaum nachhaltige Effekte erzielen. Und da, wo Bode Erfolge sieht, etwa beim Thema FCKW, möchte man als skeptischer Leser zu bedenken geben, dass diese Erfolge eben vor allem darauf basieren, dass kluge Ingenieure gute Alternativtechnologien entwickelt haben.

NGOs machen Fehler und Kompromisse

Auf den letzten Seiten kommt Bode dann zu den Fehlern, die die NGOs heute machen – insbesondere wirft er ihnen vor, dass sie sich ins System einbinden lassen, dass sie sich staatlich finanzieren lassen und in politischen Gremien mitarbeiten. Dies alles lähmt die Widerstandkraft der NGOs. Sie gefallen sich darin, mitreden zu können auf der großen Bühne, gehört zu werden. Sie machen Kompromisse, um finanziell abgesichert zu sein.

Da hat Bode sicher Recht, seine Analyse ist treffend und nachvollziehbar, auch wenn er seine ehemaligen Kollegen, die heute die Strategie der Kooperation gegenüber der der Konfrontation bevorzugen, kaum überzeugen wird. Das liegt auch daran, dass es sehr dünn und allgemein wird, wenn es um konkrete Alternativen geht.

Den Aktionen der Letzten Generation bringt Bode eine gewisse Sympathie entgegen, aber er meint, sie würden sich gegen die falschen richten. Statt fleißige Arbeiter auf ihrem Weg zu ihrer ehrlichen Arbeit zu behindern, sollten die Reichen und Mächtigen aus Wirtschaft und Politik zum Ziel von Blockaden gemacht werden. Eigentlich will Bode zu seinen guten alten Greenpeace-Zeiten zurück, von denen er doch erkannt hatte, dass sie langfristig auch wenig bewirkt haben.

Thilo Bode will einfache Menschen nicht ansprechen

Natürlich muss man auch akzeptieren, dass sich am Ende wenig bewegt, und dass sich fast nie aus einer Widerstandsaktion direkt die große, gute und auch noch langfristig stabile Lösung ableiten lässt. Aber ein bisschen mehr als ein nebulöses Resist! muss schon möglich sein. Vielleicht ist Bodes Schwäche gerade, dass er die einfachen Leute, die Konsumenten, die Arbeiter und Angestellten, die Wähler, nicht ansprechen will.

Er hält sie für ganz unschuldig, will ihnen nicht wehtun, er hält sie aber auch für unwissend und dumm. Für sie gibt es den Nutri-Score auf den Lebensmittelverpackungen. Aber sie sind, als mündige Bürger, freie Wähler und Supermarktbesucher auch Schuldige und Mitwirkende im System.

Resist! Aufruf zum Widerstand. Erinnerungen eines politischen Aktivisten Thilo Bode DVA, 2025. 304 S., 26 € (Leseprobe)

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